Zeitung Heute : Mein Norden

Fünf Schriftsteller aus Norwegen, Dänemark, Schweden, Finnland und Island über ihr Verständnis eines mystischen Begriffs

MIRJAM KRISTENSEN,

Norwegen

Als ich klein war, glaubte ich, alle Menschen auf der Welt dächten in derselben Sprache wie ich, auf Norwegisch. Ich glaubte, die norwegische Sprache befände sich von Geburt an in den Köpfen der Menschen. Alle Dinge und Landschaften um mich herum wären norwegisch. Norwegisch wären die Berge und der Wald. Norwegisch wären die Farben, glaubte ich, und die übrige Welt würde sich von uns die Wörter borgen, aus den Mündern der Menschen kämen sie jedoch in einer anderen Sprache heraus, einer Sprache, die sich jemand ausgedacht hatte. In ihren Köpfen dächten auch Menschen, die keine Norweger waren, norwegisch. Norwegisch hatte sich niemand ausgedacht, Norwegisch existierte einfach, naturgegeben, wie die Sonne und der Mond und die Sterne. Eine transparente Sprache, die die Welt so vermittelte, wie ich sie sah und wie sie selbstverständlich auch war. Als ich klein war, glaubte ich, Norwegisch wäre eine Art Ursprache, und Dänisch und Schwedisch – Sprachen, die ich in meiner Familie hörte – wären andere Formen des Norwegischen. Ja, alle anderen Sprachen wären lediglich verpfuschte Varianten der Ursprache Norwegisch, die es in den Köpfen der Menschen selbstverständlich gab. Wenn ich am Abend aus dem Fenster sah und das norwegische Wort „natt“ dachte, rechnete ich damit, dass sich in den Köpfen anderer Kinder in anderen Gegenden der Welt dasselbe Wort befand, nur dass dann, wenn sie es laut aussprachen, ein Wort herauskam, das anders klang als „natt“. Vielleicht kam ein „night“, ein „nuit“, ein „Nacht“ dabei heraus, aber in ihren Köpfen – davon war ich überzeugt – stand das Wort „natt“ geschrieben. Allein die babylonische Sprachverwirrung hatte uns auseinandergetrieben. Ansonsten fühlte ich mich mit all den Kindern verbunden, die in meiner Vorstellung aus dem Fenster sahen und „natt“ dachten.

Das glaube ich noch heute. Ich glaube, dass in anderen Gegenden der Welt Menschen sitzen und dieselben Gedanken haben wie ich, und ich stelle mir diese Gedanken auf Norwegisch vor, in meiner Sprache, und darum und nur so kann ich Romane schreiben.

Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger

ERLING JEPSEN,

Dänemark

Dänemark ist der südlichste Teil des Nordens. Und Südjütland, der Landstrich, aus dem ich komme, ist der südlichste Teil Dänemarks. Ich bin mit anderen Worten der „Südländer“ unter meinen skandinavischen Kollegen. Ich persönlich sehe mich auch selbst als eine Art Südstaatenautor, zumal ich von der amerikanischen Erzähltradition inspiriert wurde, die „Southern Gothic“ genannt wird.

Wenn ich ins Ausland reise und versuche, ein wenig Reklame für uns im Norden zu machen, habe ich häufig Probleme. Denn was ist eigentlich das Besondere an uns? Früher konnte ich vom skandinavischen Wohlfahrtsstaat erzählen, auf den ich stolz war, aber um die Wahrheit zu sagen, das Wohlfahrtssystem ist nicht mehr das, was es einmal gewesen ist. Außerdem habe ich noch nie das Nordlicht gesehen und als Däne gelernt, die Mohammed-Zeichnungen besser nicht zu erwähnen.

Zähle ich die Namen unserer bekanntesten Schriftsteller auf, stoße ich eher auf Unverständnis und die Unterhaltung gerät rasch ins Stocken. Nur bei einer Geschichte hören die Leute sofort zu: Wenn ich über die sexuelle Freizügigkeit im Norden rede. Und um es ein wenig spannender werden zu lassen, sage ich dann: „We inventet porno, you know?“

So ganz stimmt das zwar nicht, aber Dänemark war tatsächlich das erste Land auf der Welt, das 1967 die Pornografie freigab. Sobald ich auf diese Weise das Interesse geweckt habe, erzähle ich gern von einer besonderen dänischen Eigenheit, die hygge genannt wird. In Deutschland würde man es wohl mit „Gemütlichkeit“ übersetzen, aber nicht in allen Ländern gibt es dafür ein Äquivalent. Und doch verbringen wir damit unsere langen, dunklen Winter wie auch die verregneten Sommer – im Grunde genommen geht es darum, dass wir überhaupt nichts tun und uns dabei wohlfühlen. Und das geht unserer Produktion von Porno voraus. Ich bekenne, dass ich nicht sonderlich darauf stolz bin, aber wer kann sich noch erlauben, an so etwas zu denken?

Ich sähe es gern, wenn ich zum Beispiel nach Deutschland käme und die Leute sagen würden: Schaut her, hier kommt ein Mann aus dem Land Hans Christian Andersens. Oder aus dem Land Tanja Blixens. Doch so ist die Realität nicht. Ich muss froh sein, wenn die Leute sagen: Seht, hier kommt ein Mann aus dem Land, das die Pornografie erfunden hat! Inzwischen drücke ich dann auch den Rücken durch und bekomme eine gewisse Entschlossenheit in den Blick.

Muss ich noch ein Wort dazu sagen, dass wir im Norden schwarzen Humor mögen? Es sollte durchaus erwähnt werden, wie konnte ich es vergessen. Auch in Dänemark kennen wir ihn, denn, mein Gott, wie sollten wir ohne ihn zurechtkommen?

Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg

ASA LIND,

Schweden

Oh, die Wälder meiner Kindheit! Sie waren unendlich. Sie erstreckten sich von oberhalb der Landstraße bis ins hinterste Sibirien, als letzte gezackte Ausläufer der Taiga. Im Westen stießen sie an die Berge, vom Hof meines Vaters aus konnte man noch an Mittsommer verschneite Gipfel erkennen. Natürlich war da auch ein See – ein tiefer, großer und kalter See. Dort, in seinem Wasser, das selten mehr als vierzehn Grad hatte, lernte ich schwimmen. Als Schwimmhilfe hatte ich halb entrindete Baumstämme. Die hatten sich von den Holzflößen losgerissen, welche auf ihrer gemächlichen Reise zum Fluss Angermanälven von kräftigen kleinen Booten den See entlang bugsiert wurden.

So wuchs ich auf, in einem kleinen Dorf zwischen Bergen und Wald.

Jenseits des Sees blaute der Wald einer unbekannten Ferne entgegen. Der Horizont war schnurgerade, wie mit dem Lineal gezogen. Ich fragte mich stets, was sich wohl dahinter befinden mochte. Manchmal stellte ich mir eine märchenhafte Stadt vor, mit weißen Palästen und Kuppeldächern.

Ja, davon träumte ich, als ich klein war: von exotischen Plätzen.

Also verließ ich recht bald die vertraute heimatliche Gegend und die dunklen Wälder. Für ein Kind aus Nordschweden war bereits Stockholm ein Abenteuer. Dort entdeckte ich, dass es auch in Schweden Klassenunterschiede gab, und pflückte zum ersten Mal einen Apfel von einem Baum. Auf Öland sah ich meinen ersten Igel und verliebte mich in Heide und Meer. Auf einer anderen Insel, Zypern, beklagten die alten Frauen das Los meiner Eltern – vier Töchter! Da mussten sie ja vier Häuser bauen, die Ärmsten! Denn ein Mädchen ohne eigenes Haus bekam doch nie einen Mann, nicht wahr?

Im Portugal der Achtzigerjahre wurde mir die Demütigung des Analphabetismus bewusst, und zwanzig Jahre später in der Türkei sagte eine Frau: „Unsere Nachbarn heißen nicht Norwegen und Dänemark. Sie heißen Iran und Irak. Verstehst du den Unterschied?“ In Bolivien tauchte ich die Füße in den Titicacasee, der kalt war wie eine Kindheitserinnerung. Der Mann, der direkt daneben an seinem Bootsmotor herumschraubte, sah dem Bruder meiner Mutter ähnlich.

Als ich meine nördliche Heimat verließ, wusste ich weniger über sie, als ich glaubte. Inzwischen weiß ich mehr. Jede Reise hat mich gelehrt, sie deutlicher zu sehen. Zur Zeit lebe ich für unbestimmte Zeit in Berlin. Wenn wir uns zufällig am Lausitzer Platz begegnen sollten, in dem marokkanischen Lokal dort an der Ecke, und Sie mich nach dem Norden fragen, werde ich vermutlich antworten, der sei etwas vollkommen Einmaliges, ja, geradezu exotisch. Vielleicht erzähle ich dann, wie es war, als mein Vater von einem Bären verfolgt wurde. Oder ich verrate Ihnen die Tricks, zu denen meine Mutter griff, um die Elche vom Hof zu scheuchen.

Oder vielleicht erzähle ich vom Wald, dem endlosen Wald.

Aus dem Schwedischen übersetzt von Birgitta Kicherer

LEENA LEHTOLAINEN,

Finnland

In meiner Kindheit war die Wahl der Miss Scandinavia einer der Höhepunkte des Jahres. Im Gegensatz zu anderen internationalen Schönheitswettbewerben wurde dieser Wettbewerb im finnischen Fernsehen live übertragen. Um den Titel kämpften je zwei Vertreterinnen aus fünf Ländern: Finnland, Schweden, Norwegen, Dänemark und Island. Mein Vater kritisierte den Wettbewerb, nicht etwa deshalb, weil er Frauen zu Objekten herabwürdigte, sondern weil Finnland und Island keine skandinavischen Länder sind. Seiner Meinung nach hätte die Schönheitskönigin den Titel Miss Nordische Länder tragen müssen.

Was mich persönlich betrifft, ist meine engste Verbindung zu den nordischen Ländern durch die Literatur entstanden. Ich war in den Jahren 1997-2003 Präsidentin der Finnischen Sektion der Skandinaviska Kriminalsällskapet. Die Skandinavische Kriminalgesellschaft hatte das Ziel, Krimis aus den nordischen Ländern international bekannt zu machen. Vor rund zwei Jahren stellte sie ihre Tätigkeit bis auf die Vergabe des Skandinavischen Krimipreises ein, da sie sich entbehrlich gemacht hatte. Dank dieser Gesellschaft habe ich viele fantastische Kollegen und andere Experten für Kriminalliteratur kennen gelernt.

Unter den finnischsprachigen Finnen bin ich eine Seltenheit, denn ich spreche gern Schwedisch. Im Prinzip verbindet die Sprache die nordischen Länder. Für Finnen ist es mitunter schwierig, gesprochenes Dänisch zu verstehen, lesen kann man es schon. Finnisch verstehen nur die Finnen. Ich finde den Gedanken entsetzlich, dass im nordischen Dialog Englisch gesprochen wird. Unsere nordische Geheimsprache, das Skandinaviska, ist eine wichtige Brücke zwischen den nordischen Ländern. Die Miss Scandinavia wird seit 2006 nicht mehr gekürt. Zum Glück bleibt die Skandinavische Meisterschaft im Eiskunstlauf. Dort sitze ich im Publikum, so oft ich Zeit habe, und fühle mich als Teil der gemeinsamen skandinavischen Familie.

Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara.

HLÍN AGNARSDOTTIR,

Island

Die erste Antwort lautet natürlich, dass mein Norden zu Europa gehört, denn so habe ich den Norden immer betrachtet, seit ich als junges Mädchen mitten in der Hippiewelle meine erste Auslandsreise antrat. Von Island aus das erste Mal ins Ausland zu reisen kam der Entdeckung der Zivilisation gleich, und diese war in Kopenhagen zu Hause, der ersten ausländischen Weltstadt, die Isländer früher besuchten; heute, so möchte ich glauben, dürfte es Berlin sein.

Mein Norden ist die Erinnerung an einen warmen dänischen Sommer, jener Augenblick, in dem ich auf dem Flughafen Kastrup dick und typisch isländisch eingemummt aus der Maschine stieg. Eine derartige Hitze hatte ich noch nie erlebt, und es dauerte nicht lange, bis ich den warmen Wollpullover, die Jeans und die Militärstiefel gegen ein flatterndes Hippiekleid und offene Sandalen ausgetauscht hatte.

Mein Norden ist auch die Erinnerung an den kalten schwedischen Winter und die harmonisch klingende schwedische Sprache, die ich später während meines Studiums lernte. Wenn die Winter in Island auch selten so kalt werden wie in Schweden, sind sie doch gefährlicher, wenn König Winter sein hartes Regime führt. Es gibt „Mordwetter“, wie es in Island heisst; dann hält man sich besser im Hause auf. Mein Norden ist last but not least der isländische Sommer, so kurz und bündig, wie er ist. Manchmal entschlüpft er, ohne richtig angekommen zu sein, doch wenn man ihn am Wickel erwischt, gibt es nichts, was mit einer Fahrt ins unbewohnte Hochland zu vergleichen ist, wenn die Sonne nicht untergeht. Mein Norden ist auf die Stille zu hören, in der Umarmung majestätischer isländischer Berge.

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