Zeitung Heute : „Mein Rücktritt kam ja auch überraschend für mich“ Sie war ganz oben. Dann verschwand die Modemacherin.

In diesem Herbst feiert Jil Sander ein Comeback. Einblicke in ihre Gedankenwelt. Interview: Nicola Graef; Foto: Peter Lindbergh

-

Ihr Vorname lautet eigentlich Heidemarie Jiline, bekannt wurde sie als Jil Sander, die bis heute einflussreichste deutsche Modedesignerin. Ihre Karriere begann 1963 als Journalistin, u.a. für die Zeitschrift „Constanze“, nebenbei arbeitete sie als Stylistin und entwickelte Stoffe. Ihre erste Kollektion zeigte sie zehn Jahre später. Bereits Ende der 70er zählte sie zu den bekanntesten Designern der Welt, und ein Kritiker feierte sie als „Queen of less“, als Königin der Reduktion. In den 80er Jahren ergänzten Kosmetikprodukte und Brillen die Linie, 1989 gründete sie eine Aktiengesellschaft. Bis Ende der 90er meldete Jil Sander Jahresumsätze von über 200 Millionen Mark. 1999 übernahm die italienische PradaGruppe 90 Prozent der Aktien, Sander gab nach einem Jahr den Vorstandsvorsitz ab und zog sich zurück. In diesem Herbst feierte sie ihr Comeback. Am 27. November wird sie 60.

Frau Sander, wir führen dieses Interview in Mailand, kurz nach den Modeschauen. Sie sind nach drei langen Jahren Pause mit einer neuen Kollektion das erste Mal wieder vor ein Publikum getreten. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie am Ende selbst auf die Bühne kamen?

Wie immer musste ich mich ein bisschen überwinden, auf die Bühne zu gehen. Rauszugehen ist nie leicht. Gedacht habe ich eigentlich gar nichts, das ist doch ein sehr emotionaler Moment. Die Reaktion des Publikums, der Beifall… es war einfach überwältigend.

Von welchen Gefühlen war die Arbeit an Ihrem Comeback geprägt? Angst, Neugier, Freude?

Angst – nein. Dazu war eigentlich gar keine Zeit. Ich bin gleich voller Energie und Begeisterung an die Arbeit gegangen. Aufgeregt war ich schon und habe mir Sorgen gemacht, rechtzeitig fertig zu werden. Seit meiner Rückkehr im Mai habe ich sofort an der Männerkollektion gearbeitet, die wir im Juli präsentiert haben. Ich war fast immer im Atelier, und es gab so viel zu tun, dass ich darüber gar nicht nachgedacht habe. Ich musste so viel anpacken und all diese neue Energie, die ich gespürt habe, nutzen. Zum Schluss dann war ich nur noch neugierig, wie alles ausgehen würde.

Was war anders als früher?

Ich habe einfach gemacht, was ich sonst auch gemacht habe. Ich hatte das Gefühl, dass alles wie gewohnt vonstatten ging und sich zum Guten wenden würde.

Sie sprechen von der Energie, die Sie durch Ihre Arbeit bekommen. Wir wollen mit diesem Gespräch Ihre Gedankenwelt besser verstehen. Was glauben Sie, wie haben Sie sich verändert in den drei Jahren, in denen Sie nicht gearbeitet haben?

Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich die Möglichkeit, mich anderen Dingen zu widmen und nicht in erster Linie Mode zu entwerfen. Zum ersten Mal musste ich mich nicht um eine große Firma kümmern, in einem Job, in dem ich immer sehr viel Verantwortung hatte. Ich habe mich verändert, ich habe viel nachgedacht. Ich habe meine Arbeit der letzten Jahre mit Abstand betrachtet – und das hat mir gut getan.

Sie konnten trotzdem nicht anders, als auf die Modebühne zurückzukehren. Ist das nicht ein Widerspruch?

Die kreative Arbeit im Atelier habe ich schon sehr vermisst. Ich habe eine Art Energiestau gespürt, also wollte ich nach drei Jahren wieder in den Startlöchern stehen. Jeder, der sich das irgendwie einrichten kann, sollte mal zwischendurch zur Ruhe kommen. Ich jedenfalls fühle mich frisch, aufgeladen, vitalisiert und sehe heute sehr viele Dinge gelassener, glauben Sie mir.

Wie hat denn Ihr neues Leben in den vergangenen drei Jahren Ihre neuen Kollektionen beeinflusst?

Als ich zurückkam, habe ich ja verkündet, ich würde die Kollektion mit sehr viel mehr Kleidern, auch für abends, ergänzen. Ich bin ja während meines Sabbaticals auch selbst abends öfter ausgegangen und habe insgesamt mehr Social Life gehabt. Das sieht man, denke ich, in meinen neuen Kollektionen. Ich möchte jetzt verstärkt Kleider machen, die man trägt, wenn man abends privat eingeladen ist, auf einem Fest oder zu einem Abendessen. Kleidung, die nicht nur mit dem Arbeitsprozess verbunden ist, mit dem Alltag im Büro.

Sie waren bekannt als ein Frau, die immer arbeitet, arbeitet, arbeitet. Haben Sie vor drei Jahren nie die Sorge gespürt: Hoffentlich gelingt mir dieser Wandel zum Genießen auch?

Ich frage mich bei allem, was ich mache: Gelingt mir das auch? Wird das meinen Ansprüchen gerecht? Auch in meinem privaten Leben.

Hat also das neue, private Leben von Jil Sander nun die Marke Jil Sander verändert?

Indirekt. Die Marke Jil Sander hat sich weiter entwickelt – so, wie es sein soll. Und ich bin durch meine Erlebnisse zugänglicher geworden, das stimmt.

Hatten Sie vorher für die leichten, angenehmen Seiten des Lebens keinen Blick?

Doch, schon. Nur lasse ich jetzt mehr Emotionales zu. Ich lasse mich mehr von Gefühlen leiten, ohne dabei jedoch Klarheit und Stringenz aus den Augen zu verlieren. Wenn ich früher Kleider für den Abend machte, dachte ich, die müssen immer ganz außergewöhnlich werden. Heute gehe ich das viel natürlicher und selbstverständlicher an. Ich bin nicht so ernst, wie einige denken mögen.

Sie sind jetzt seit fast 30 Jahren in der Modebranche. Was fasziniert Sie so sehr daran, dass Sie nicht loslassen wollen?

Ich liebe meine Arbeit. Als ich anfing, war ich ja Autodidakt, und was mich am meisten interessierte, waren die Proportionen und die Materialen. Im Laufe meines Lebens habe ich meinen Blick hierfür und auch für Farben und Formen geschult. Das verschwindet nicht so einfach, lässt sich nicht ohne weiteres ad acta legen. Ich finde es spannend, Proportionen zu erarbeiten, die immer unangestrengt wirken. Je mehr ich mein Auge schulen konnte, desto leichter wurden die Kleider. Wenn die perfekte Form nicht erreicht ist, sieht und spürt man das irgendwie. Die perfekte Form muss sich ständig erneuern.

Für uns Mode-Laien: Was ist für Sie „die perfekte Form“?

Die perfekte Form richtet sich nach den Anforderungen des jeweiligen Kleidungsstückes. In Verbindung mit dem Konzept des Designers wird sie herausgearbeitet. Beides muss zusammenpassen. Dabei sollte eben diese Leichtigkeit entstehen, die ich meine.

Der Übergang von der Privatperson Jil Sander zur Marke scheint fließend zu sein. Fühlen Sie sich denn selbst heute auch, wie Sie es ausdrücken, „leichter“?

Natürlich, ja. Sich drei Jahre mit anderen Dingen auseinander zu setzen, bedeutet einem unglaublich viel. Ich meine damit nicht nur meine Reisen in die Karibik, nach Russland, in den Iran, sondern auch die Tatsache, dass ich für mich alleine entscheiden konnte, was ich machen wollte. Endlich mal Zeit haben, ein Buch in Ruhe zu Ende zu lesen. Das klingt vielleicht einfach für viele Ihrer Leser, aber für mich war das ein erheblicher Luxus, es war eine neue Erfahrung.

Sie mussten erst lernen, mit so viel freier Zeit umzugehen?

Mein Rücktritt kam ja auch überraschend für mich. Ich habe unterschätzt, wie weit die Partnerschaft mit Prada gehen würde. Bis ich einsehen musste, dass ich den Weg dieses Unternehmens so nicht mitgehen konnte und wollte.

Der Prada-Konzern hatte 1999 Ihre Firma übernommen.

Das neue Leben nach dem Rücktritt zu verstehen und zu leben, brauchte Zeit. Aber letztlich habe ich es doch wie ein Geschenk empfunden. Ich reagiere gelassener.

Woran merken Sie das?

Es ist eben nicht alles so ernst. Ich habe jetzt mehr Abstand gewonnen, mich besser kennen gelernt.

Bei aller Begeisterung für die Auszeit: Sie sind doch zurückgekehrt.

Ich bin auch sehr froh, die Arbeit wieder aufgenommen und damit Gelegenheit zu haben, meine Mode voranzutreiben. Ich wollte zurückkommen, um meine Mode zu vervollkommnen. Wenn ich dann irgendwann endgültig aufhören sollte, kann ich beruhigt sagen: Ich habe alles richtig vorbereitet, meine Idee kann ohne mich weiterleben.

Wenn man lange aus seinem gewohnten Leben raus ist, fühlt sich der Alltag oft ein wenig schal an. Wie war es für Sie, in den überdrehten Modezirkus zurückzukommen?

Ich habe immer einen gewissen Abstand zur Mode-Szene gehabt. Schon deswegen, weil ich neben der Entwurfsarbeit auch noch eine Firma zu führen hatte. Was ich bei meiner Rückkehr vorfand, war ja nichts Neues für mich. Der Wirbel gehört zur Mode-Szene, er kann manchmal ganz amüsant sein.

Ihr Comeback wurde von den Fachleuten gefeiert, besonders von Suzy Menkes von der „International Herald Tribune“, der wohl einflussreichsten Kritikerin in Ihrer Branche. Sie schrieb: „Endlich ist sie wieder da, die Stimme, die für die Frauen spricht.“

Es ist wirklich etwas Besonderes, wie die Presse und die Kunden reagiert haben, so positiv und freundlich. Wissen Sie, es hat mir gut getan zu sehen, dass durch mein Fehlen eine Lücke entstanden ist. Es hat mir gut getan zu spüren, dass ich nicht austauschbar bin. Ich habe auch gesehen, dass man Fehler wieder gutmachen kann. Jetzt kann ich die Geschichte fortsetzen.

Verstehen wir Sie richtig? Sie haben, als Sie sich damals im Streit von Ihrem Geschäftspartner Patrizio Bertelli, dem Chef von Prada, getrennt haben, auch Fehler gemacht?

Natürlich. Wir hatten uns zu wenig Zeit genommen, kannten uns einfach nicht genug. Deswegen konnte es nicht funktionieren. Man muss die verschiedenen Kulturen zusammenbringen. Wenn man so eine Partnerschaft eingeht, muss man seine Hausaufgaben gemacht haben, man muss sehen, wie man zusammen arbeitet, wie in einer funktionierenden Ehe. Ich war in dieser Zeit viel zu beschäftigt und habe das anderen Leuten überlassen – ein Fehler. Außerdem haben wir damals alle gedacht, man muss fusionieren. Vor drei, vier Jahren waren Fusionen ja eine Modeerscheinung in unserer Branche. Der Konzern LVMH expandierte, die Gucci-Gruppe übernahm Yves Saint Laurent.

Sie wurden in den vergangenen drei Jahren durch den Designer Milan Vukmirovic ersetzt. Er sollte Ihr Label jünger und billiger machen. Das ist nicht gelungen, wirtschaftlich war die Entscheidung für das Unternehmen ein Desaster. Ist es nicht schmerzhaft, wenn man jahrelang unter dem eigenen Namen Kleider sieht, die nichts mit der eigenen Arbeit zu tun haben?

Ansatz für Kritik findet man immer und überall, wenn man danach sucht. Ich suche nicht danach. Ich möchte betonen, dass es immer sehr mutig ist, eine fremde Idee zu übernehmen und daran weiterzuarbeiten.

In Ihrer neuen Schau in Mailand haben Sie, im Gegensatz zu früher, nur einen einzigen Hosenanzug gezeigt.

Von so einer großen Kollektion kann in der Schau immer nur ein Ausschnitt gezeigt werden – es gibt schon noch ein paar Hosen mehr. Aber Sie haben Recht: Diese Kollektion ist femininer denn je. Mein Frauenbild hat sich nicht geändert, es ist aber um einen Aspekt erweitert worden. Man hat Jil Sander stets mit der „Frau in Hosen“ identifiziert, aber es gibt eben auch eine andere Seite, die zeige ich nun deutlicher.

Kleider spielten bei Ihnen früher keine große Rolle.

Alles hat seine Zeit. Wir behandeln die Schnitte für Jacken, Hosen und Mäntel wie Kleiderschnitte. Dieser Ansatz ist nur effektvoll, wenn man spürt, dass eine Jacke wie ein Kleid sein kann.

Ist Ihre Mode emotionaler geworden?

Ich denke, dass ich in meiner Arbeit, bei der Übertragung meiner Gefühle auf die Mode, immer sehr emotional war. Aber nun bin ich erwachsener geworden. Ich halte heute nicht mehr so fest, bin nicht mehr so streng. Ohne mein Ideal der Klarheit, Einfachheit und Modernität zu vernachlässigen, zeige ich jetzt wohl mehr Offenheit. Das hat sicherlich auch mit meiner persönlichen Entwicklung zu tun.

Sie entwerfen Ihre Mode auch für eine neue Generation von Frauen. Aus der Sicht der Modemacherin: Wie reagiert man auf solche Entwicklungen? Ihre Mode wirkt heute verspielter, nicht ganz so streng wie früher.

Der Begriff Verspieltheit entspricht nicht meiner Idee, und ich sehe auch nichts Verspieltes in dem, was ich gemacht habe. Die Schnittführung ist klar und deutlich, ornamentale Extravaganzen fügen sich ein, sie tragen nicht eine ganze Idee. Man sagt ja, meine Mode sei Anfang der Siebziger sehr emanzipiert gewesen. Damals, als ich anfing, brach die Zeit der Berufstätigkeit der Frauen an. Wir erlebten eine völlig neue Situation. Ich war jedoch immer schon eine Verfechterin von femininem Charme und habe nie versucht, Männermode für Frauen zu kopieren. Im Gegenteil, ich glaube, die Kombination männlicher und weiblicher Eigenschaften ist ganz wunderbar, wenn Frauen nicht vergessen, dass sie eben ihre starken femininen Seiten haben. Das möchte ich unterstreichen.

Ist es schwieriger für eine Frau, Männermode zu machen?

Das Männerthema war immer mein Lieblingsthema. Funktionalität, wunderbare Stoffe: Deswegen habe ich zu Beginn meiner Karriere auch mit Webern zusammengearbeitet, die nur Männerstoffe machten. Da ich gelernt hatte, Stoffe zu entwickeln, war das ein interessantes Thema für mich. Männermode war immer mein Traum. Wir haben ja damals auch einen völlig neuen Typ Anzug entwickelt: Einen geschneiderten Anzug mit 50 Prozent dünneren, feineren Einlagen, leichter und mit natürlichen Schultern.

Wie kommen Sie auf neue Ideen?

Wenn man so proportionssüchtig ist wie ich, sucht man ständig neue Formen. Die Proportionen sind das Wesentliche an einem Kleidungsstück. Ich bin beinahe fanatisch, wenn es um die Form geht.

Sie haben am Anfang unseres Gesprächs gesagt, Sie hätten vor nichts Angst. Das ist kaum zu glauben.

Ich meine damit, dass ich im Laufe meiner Arbeit als Designerin und Unternehmerin viele Erfahrungen gemacht habe. Ich lasse mich nicht schnell erschrecken, sagen wir es so. Vielleicht bin ich eher mutig, weil ich mich früh entschieden habe, mich selbstständig zu machen. Man muss eben Selbstvertrauen haben.

Sie sind schon wieder voll im Ihrem Arbeitsprozess, haben monatelang Nächte im Atelier verbracht, sind ständig unterwegs. Schaffen Sie es, sich die Freiräume der vergangenen Jahre zu erhalten?

Grundsätzlich ist es für mich und meine Arbeit wichtig, fast unerlässlich, überall Antennen zu haben. Aber die letzten Monate waren in der Tat wieder sehr intensiv. Wenn man wie ich eine Firma aufgebaut hat und mit ihr wächst, neigt man vielleicht dazu, jedes Problem selbst lösen zu wollen. Ich muss nun lernen, mehr zu delegieren – da habe ich schon Fortschritte gemacht.

Sie haben früh Verantwortung übernommen und in den letzten Jahren erst erfahren, wie es ist, keine zu haben. Jetzt begeben Sie sich wieder in die alte Mühle. Keine Angst, dass ganz schnell alles wie früher wird?

Nach einer Zeit voller Verantwortung habe ich in den letzten drei Jahren gemerkt, wie man sich fühlt, wenn man davon befreit ist: unbeschwert. Das war eine Bereicherung für mich. Ich bin gespannt, ob ich mir dieses Gefühl erhalten kann, oder ob man in die alten Raster zurückfällt und die Erinnerungen verliert.

Frau Sander, was war in den vergangenen Monaten der schönste Moment für Sie?

Der schönste Moment für mich war der Tag im Mai, der Tag meiner Rückkehr ins Atelier. Es war, als ob ich wieder nach Hause gekommen wäre.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben