Zeitung Heute : Mein Schild mit der Aufschrift „Mami“

UNSERE KLEINE FAMILIE

Tanja Stelzer

UNSERE KLEINE FAMILIE

Die meisten werdenden Väter haben ja Angst, sie könnten mit ihrem Kind nichts anfangen, bevor es laufen kann. Ihre romantische Vorstellung vom Vatersein geht so: Samstags gehen sie mit ihrem Sohn auf den Fußballplatz, sonntags bringen sie ihm bei, Fahrrad zu fahren. Soll das Kind ein Mädchen werden, setzt die Fantasie noch später ein: Die zukünftigen Väter malen sich aus, wie sie picklige, Mofa fahrende Jungs verscheuchen, die vor der Haustür rumlungern. Aber Babykram ist Frauensache, denken sie.

Dann ist das Kind da, und alles kommt ganz anders. Die Väter krabbeln auf dem Boden herum, damit ihre Babys sich abgucken, wie das geht. Im Babyschwimmkurs singen sie vom Bi-Ba-Butzemann. Und in Gesellschaft anderer Jungväter, angespornt durch den Konkurrenzdruck, wickeln sie ihre Babys im Akkordtempo und wiegen sie anschließend geduldig in den Schlaf. Die Väter von heute sind die besseren Mütter.

Mein Mann ist auch so ein Superpapa (mit Ausnahme des Singens im Babyschwimmkurs; er meint, bevor man dem Kind was vorsingt, wie ich es tue, sollte man es doch lieber im Guten versuchen). Wenn mein Mann also abends nach Hause kommt und mit Noah Richtung Kinderzimmer verschwindet, höre ich ein einziges Giggeln und Quieken und kann nicht mehr unterscheiden, von wem die Laute stammen. Solche Väter haben wir Mütter uns immer für unsere Kinder gewünscht. Solche Väter machen uns rasend. Sie machen den Mythos kaputt.

Fünfmal am Tag rette ich meinem Kind das Leben, wenn es sich von der Wickelkommode stürzen will. Ich lenke es mit arglistigen Täuschungsmanövern davon ab, das Kabel unseres Fernsehers durchzubeißen. Ich führe, bewaffnet mit einem Arsenal verschiedenster Pülverchen und Wässerchen, einen end- und aussichtslosen Feldzug gegen Flecken aller Couleur. Ich kümmere mich den ganzen Tag. Und wen lacht das Kind an? Ihn. Als hätte es mich gar nicht bemerkt. Manchmal fühle ich mich wie eine Schrankwand. Erst wenn sie nicht mehr dasteht, merkt man am weißen Fleck auf der Tapete, dass was fehlt.

Wir Mütter denken ja, wir hätten mit der Geburt etwas Übermenschliches geleistet, und mit allem, was danach kommt, sowieso. Als ich nach Noahs Geburt meinen ersten Ausflug ins normale Leben unternahm und ins Kino ging, wunderte ich mich, dass alles so aussah wie zuvor. Unglaublich: Während doch in meinem Leben alles anders geworden war, waren jeden Tag Menschen ins Kino geströmt und hatten Popcorn gegessen. In der U-Bahn, auf dem Heimweg vom ersten Interviewtermin in meiner neuen Lebensphase, fühlte ich mich, als hätte ich ein Schild mit der Aufschrift „Mami“ umhängen. Ich wunderte mich, dass niemand anerkennend zur Seite wich wie sonst, wenn ich mit dem Kinderwagen in die Bahn steige.

Neulich war unsere Kinderfrau zum ersten Mal da. Ich ließ sie kurz mit Noah alleine. Als ich mich gerade einem Anflug von Freiheitsgefühl ergeben wollte, klingelte das Handy. Ich hörte nur ein schreiendes Baby. Ich war ein wenig enttäuscht, weil nichts wurde aus der kleinen Pause vom Muttersein. Ein wenig piesackte mich das schlechte Gewissen, weil ich mein Kind allein gelassen hatte. Und ein wenig fühlte ich mich geliebt.

Noah ist in der Fremdelphase. Wenn es schlimm kommt, habe ich gelesen, kann das Fremdeln sogar die Väter treffen. Ich will das nicht hoffen. Nur ein ganz kleines bisschen.

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