Zeitung Heute : Mein Sohn, der Staatsfeind

Seit sechs Jahren kämpfen sie um die Wahrheit. „Er war kein Gewalttäter“, sagen sie. Ein Besuch bei den Eltern von Carlo Giuliani, der 2001 beim G-8-Gipfel von Genua erschossen wurde

Johanna Lühr[Genua Rom]

Noch zwei Minuten bis zur Gedenkminute. „Was ist, kommst du?“ Giuliano Giuliani trinkt den Orangensaft aus und geht von der kleinen Bar hinüber zur Kirche.

Es ist Freitag der 20. April und wie an jedem 20. des Monats ist Giuliani auf der Piazza Alimonda, dort, wo vor sechs Jahren am 20. Juli 2001 um 17 Uhr 26 ein Polizist seinen Sohn erschossen hat. Es war der zweite Tag des G-8-Gipfels in Genua, der 23-jährige Carlo Giuliani war einer der Demonstranten, der 20-jährige Carabiniere Marco Placanica Wehrpflichtiger im Polizeidienst. Das Foto von Carlo Giuliani ging um die Welt: die Schultern eines Jungen im weißen Unterhemd, ein Hinterkopf in schwarzer Strumpfmaske, ein Feuerlöscher in den erhobenen Armen und hinten in einem Jeep verschwommen der Lauf der Pistole des Polizisten.

Jetzt stehen hier zehn Leute, eine bunte „Pace“-Fahne ist an das Kirchengitter gehängt. In der Mitte steht Vater Giuliani, graue Haare, runde Brille, Anzug und Aktentasche. Einer spricht ein paar Worte, es ist Carlos ehemaliger Lehrer aus dem Gymnasium, alle klatschen. Mit den Jahren ist die Gruppe vor der Kirche kleiner geworden. Es sind meistens die Eltern der Freunde von Carlo, die kommen und mit den Jahren auch zu Freunden der Eltern Giuliani geworden sind.

Die Piazza Alimonda in Genua ist eigentlich eine Straßenkreuzung, in der Mitte ein Stück Rasen, auf dem eine Palme steht, ein mit Zeitungen verhängter Kiosk, eine Bar an der Ecke. Jeder, den man hier fragt, kennt den Namen von Carlo Giuliani. Für die Linken ist er ein Symbol, für die Rechten ein Staatsfeind und für die Alten ein dummer Junge, der es zu weit getrieben hat.

Später im Haus der Giulianis: Der Vater schließt die Gartentür auf und geht die Steinstufen hinab durch den Terrassen-Garten. Seine Frau Haidi ist unterwegs. Seit letztem Jahr ist sie Senatorin für die Partei „Rifondazione Comunista“. Unter der Woche arbeitet sie in Rom.

Die Vorhänge in der Küche sind rotweiß kariert, durch die Fenster blickt man auf grüne Hänge und Gärten. Vater Giuliani stellt seine Aktentasche ab und holt den Laptop heraus. Während der hochfährt, zeigt er den Rest des Hauses. Auch das Zimmer von Carlo, dem kleinen Carlino, dem lieben Carletto. Fotocollagen an der Schranktür und ein verstaubtes Playmobilschiff auf dem Regal über dem Bett. Carlo hat dort schon lange nicht mehr gewohnt. Es ist ein Jungszimmer, in dem die Zeit stehen geblieben ist. Nur ein paar Plakate von Demonstrationen, Protesten und Erinnerungsveranstaltungen im Namen von Carlo sind hinzugekommen. Er war Schulsprecher, einer, in den die Mädchen verliebt waren. Politisch links wie alle seine Freunde. Einer, der nicht nur redet, sondern auf Demonstrationen geht. Kein Gewalttäter. Eher schmächtig. Jetzt ist Carlo ein Symbol geworden für Globalisierungsgegner. Wie ist das, wenn sein Sohn ein Symbol wird? „Ich wünschte, er wäre kein Symbol, sondern lebendig.“

Giuliano Giuliani spricht ruhig, nicht verbittert, nicht verzweifelt wie seine Frau später. Nur seine Augen blicken immer ein wenig erstaunt, aber vielleicht sind das auch nur die dicken Brillengläser.

Seit seinem Tod kämpfen die Eltern Giuliani ununterbrochen.

Sie kämpfen für die Wahrheit. Dafür dass die Ermittlungen gegen den Todesschützen wieder aufgenommen werden. Der Prozess gegen den Polizisten Placanica wurde nach zwei Jahren eingestellt, jetzt haben sie beim Europäischen Gerichtshof für Menschrechte in Straßburg geklagt. Sie kämpfen für das Andenken ihres Sohnes, der kein gewaltbereiter Terrorist war, sagen sie. Sie glauben, dass die Konfrontation gewollt war damals. Dass der Staat ein Exempel statuieren wollte. Sie kämpfen dafür, dass das nicht wieder passiert. Und vor allem kämpfen sie gegen die eigene Trauer.

Der Laptop auf dem Wohnzimmertisch blinkt. Die Foto-Präsentation ist professionell. In den Monaten nach dem Tod haben die Eltern von Carlo alles Material gesammelt, das sie aus den Archiven bekommen konnten. Man sieht Polizisten und Demonstranten durch die Gassen jagen, man sieht Knüppel, Blut und Rauch. Dann kommt die Szene mit Carlo. Man sieht, wie die Polizisten die Demonstranten erst in die Sackgasse drängen und die sie wieder zurück. Wie eine Handvoll schließlich noch in der Mitte des Platzes, Piazza Alimonda, steht. Wie Carlo einen Feuerlöscher aufhebt, drei Meter vom Jeep entfernt. Dann hört man einen Schuss. Beim nächsten Bild liegt der Junge auf dem Asphalt. Man sieht, wie der wendende Jeep zweimal über den Körper fährt, bevor er stehen bleibt. Wie die Carabinieri herumstehen, bis irgendwann ein Demonstrant kommt und sich über den Körper beugt. Giuliano hat die Szene mehr als hundert Mal gesehen. Er hat seinen Sohn immer und immer wieder sterben sehen.

Ein paar Tage später in Rom, die Mutter. In einem Palazzo hinter der Piazza Navona sitzen die Senatoren der „Rifondazione Comunista“. Haidi Giuliani wartet auf dem Treppenabsatz. Schwarze Hose und schwarzes T-Shirt, die grau gesträhnten Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Sie ist winzig klein. Ihr Büro ist ein Kabuff, Schreibtisch, Bücherwand. Ihre Freunde haben sie ein bisschen überreden müssen, in die Politik zu gehen. Sie sei immer ein sehr schüchterner Mensch gewesen, sagt sie, bis sie gezwungen worden sei zu reden, bis zum 20. Juli 2001. Sie steckt sich eine Zigarette an. Ihre Hand zittert, ihre Stimme auch. Es ist kein momentanes Zittern, es ist immer da. Seit damals hat das nicht mehr aufgehört. Seit die Polizei bei ihnen zu Hause vorfuhr und ihnen die Nachricht vom Tod ihres Sohnes überbrachte. Gerade noch rechtzeitig. Ein paar Minuten später, und sie hätten es aus dem Fernsehen erfahren. Sie sind zum Präsidium gefahren und haben die Leiche ihres Kindes gesehen. Danach war nichts mehr so, wie es einmal war. „Es ist das Schlimmste, was einem passieren kann, danach kann einem nichts Schlimmeres mehr passieren.“

Sie hat ein Netzwerk für Familien der Opfer staatlicher Gewalt im Internet gegründet. Die Familie war immer politisch. Sie, pensionierte Lehrerin in einer Schule, die Ganztagsbetreuung einführte. Ihr Mann hat für die Gewerkschaften gearbeitet.

Seit sie in die Politik gegangen ist, hat sie Gegner. Menschen, die ihr vorwerfen, sie würde mit der Leiche ihres Sohnes Politik machen. „Cattiva maestra“, Sie schlechte Lehrerin, beginnt ein Brief, den sie vor kurzem erhalten hat, „hätten Sie Ihren Sohn bloß besser erzogen, dann wäre das alles nicht passiert.“ Sie hat einen ganzen Packen solcher Briefe und E-Mails in ihrer Schublade. „Wenn du wüsstest, wie egal mir das ist“, sagt sie. Sie habe immer über den toten Carlo gesprochen, über „Carlo vivo“ würde sie nie erzählen. Das sei privat. Und dann nach einer kurzen Pause. „Er war der schönste, klügste und beste Junge auf der Welt, was soll eine Mutter denn sonst sagen?“

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