Zeitung Heute : „Mein Traum hat meine Eltern schockiert“ Warum halten Argentinier das Vergangene stets für das Beste?

Samanta Schweblin weiß es – und verrät, wie man Bargeld gut vor Dieben versteckt

Interview: Anna Kemper Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Frau Schweblin, können Sie sich noch an die erste Geschichte erinnern, die Sie geschrieben haben?

Nicht an die allererste, aber an die beste. Als ich ungefähr sechs war, schrieb ich …

… Sie haben schon mit sechs Jahren Geschichten geschrieben?

Ich habe sie meiner Mutter diktiert. Mein Großvater war bildender Künstler, er band mir kleine Bücher, meine Mutter schrieb meine Geschichten hinein, und danach zeichnete ich dazu die Bilder. Wenn ich mir diese Bücher heute anschaue, bringen sie mich immer noch zum Staunen.

Und wie geht nun die beste Geschichte?

Auf der Kuppe eines Berges liegt ein Dorf. Am allerhöchsten Punkt dieses Dorfes ist ein Gemüseladen. In dem Laden gibt es eine Kiste mit Kürbissen, die aufeinandergestapelt sind. Die Geschichte handelt von dem Kürbis, der ganz oben auf allen anderen liegt. Er hat natürlich wahnsinnige Angst, weil ja jeden Moment eine Frau kommen könnte, die einen Kürbis kaufen will, dann würde der ganze Haufen aus dem Gleichgewicht geraten, und so ein Kürbis hat weder Arme noch Beine, um das auszubalancieren. Wenn er einmal fällt, kann er nie wieder zurückkehren – und so ist er die ganze Zeit hochkonzentriert und angespannt, weil er nicht fallen will. Nicht schlecht, was?

Ihre Eltern müssen sich Sorgen gemacht haben.

Die waren es schon gewohnt, dass ich ein wenig anders war. Zum Beispiel träumte ich einige Male von sterbenden jungen Männern, fast noch Kindern. Das war zur Zeit des Falklandkrieges, und das Militärregime verschwieg, wie viele sehr junge Soldaten umkamen. Ich wachte also nachts schreiend aus Albträumen auf, meine Eltern waren beunruhigt, gingen sogar zum Arzt mit mir. Was hast du geträumt?, fragten sie mich, und ich sagte: Sie töten die Jungen! Ich war so voller Angst, dass ich meinen Traum gar nicht richtig erklären konnte. Und an dem Tag, an dem die Regierung die ganze Wahrheit auf den Tisch legte, saßen meine Eltern auf dem Sofa, schauten die Nachrichten und konnten nicht glauben, was dort gezeigt wurde. Ich blickte nur einen kurzen Moment auf den Bildschirm, wo all die Kriegsbilder liefen, und sagte: Das sind die Kinder, die sterben. Das war mein Traum. Meine Eltern waren schockiert.

Das klingt fast so wie eine Ihrer Kurzgeschichten.

Ich glaube, vieles in der Literatur überhaupt hat seinen Ursprung in der Kindheit. In Argentinien gibt es ein Sprichwort: „creer o reventar“ …

… was man in etwa mit „Glaub es oder stirb“ übersetzen kann.

Als Kind findet man vieles normal, was Erwachsene vielleicht nicht normal finden würden. Normalität ist eine Übereinkunft der Erwachsenen, Kinder sind offener, weil sie noch keine Vorurteile haben; sie spüren und glauben Dinge, die wir gar nicht mehr wahrnehmen würden. Das gefällt mir.

Ihre Erzählungen sind so kurz wie verstörend: Sie schreiben zum Beispiel über ein Mädchen, das seine Kanarienvögel verspeist, um sich einen rosigen Teint zu bewahren.

Die Realität besteht aus Kleinigkeiten, die eine Situation ins Unheimliche kippen lassen können. Je näher am Normalen das Fantastische ist, desto unheimlicher. Daher beginnen alle meine Geschichten auch in einer ganz gewöhnlichen Situation.

Trotzdem werden Ihre Bücher oft der fantastischen Literatur zugerechnet.

Die argentinische Literaturkritik sieht mich in der Tradition von Luis Borges oder Julio Cortázar. Das ist natürlich eine Ehre, ich bewundere ihre Werke. Aber ich glaube nicht, dass meine Geschichten zur fantastischen Literatur zählen. Denn sie könnten ja alle genau so geschehen!

Sie haben bis jetzt nur Erzählungen veröffentlicht.

Als Kind haben meine Eltern mir viel vorgelesen. Und wie das so ist, manche Bücher mehrmals. Ich kannte also das Ende schon und wurde ungeduldig. Mir gefiel das Kurze, das Wichtige, was ja oft am Ende einer Geschichte passiert. Das ist bis heute so geblieben. Ich liebe die Schnelligkeit und die Präzision der Kurzgeschichte. Wenn ich schreibe „eine weiße Tasse“, dann muss dieses Weiß etwas bedeuten, ich will keine Zeit verschwenden, sonst langweile ich mich und den Leser. Argentinien ist eines der Länder, in denen es am teuersten ist, sich freie Zeit zu schaffen. Wie viele Stunden arbeitet man in Deutschland?

Normal sind acht, neun Stunden täglich.

Wir arbeiten zehn oder elf, haben wenig Ferien, viele arbeiten tagsüber und gehen abends zur Universität. Buenos Aires ist teuer, ein Kaffee oder ein Mittagessen kostet fast so viel wie in Berlin, aber wir verdienen weit weniger. Wer schreiben will, muss sich die Zeit also eigentlich kaufen. Der Vorteil: Man steht mittendrin in der Wirklichkeit und ist wirtschaftlich nicht abhängig von dem, was man schreibt.

Sie besitzen eine Firma, die Webseiten entwickelt. Wie kam es denn dazu?

Ich habe Film studiert, merkte aber: Zu viel Energie und Aufwand fließt in andere Dinge als die Geschichte an sich. So saß ich eines Tages vor dem Computer und dachte: Womit kann ich in kurzer Zeit so viel Geld machen, dass ich schreiben kann?

Und mit dem Schreiben Geld zu verdienen ging …

… das war im Krisenjahr 2001! Selbst heute bekommt ein Journalist, der einen Namen hat und eine Woche an einer großen Geschichte für die renommierteste argentinische Zeitung schreibt, dafür vielleicht 250 Pesos, das sind 45 Euro. Ich verdiene leicht das Vierfache in derselben Zeit.

Da muss Ihnen ja vor dem Computer eine wirklich gute Idee gekommen sein.

Ich fand einen Kurs in den USA, in dem man lernen konnte, wie man es anstellt, dass ein bestimmter Eintrag bei Google als erster erscheint. Das gab es damals in Argentinien noch nicht, und das brachte ich mir selbst bei, ich bin schon immer gut mit Computern klargekommen. Dann machte ich mir eine Webseite, auf der ich Entwurf, Entwicklung und Positionierung von Webseiten anbot. Die Seite sah aus, als hätte ich eine riesige Firma, und sie erschien bei Google natürlich auch als erste. Ich bekam gute Aufträge, konnte ein paar Leute anstellen, wir arbeiteten wie verrückt.

Hat Sie das nicht vom Schreiben abgelenkt?

Nicht zu sehr. Mir gefällt es, dass ich keinen persönlichen Ehrgeiz in dieser Arbeit habe. Wenn der Kunde zufrieden ist, bin ich es auch. Ich muss mich nicht darin verwirklichen, zapfe also nicht die gleichen Ressourcen an, die ich zum Schreiben brauche. Und umgekehrt bin ich beim Schreiben nicht auf den ökonomischen Erfolg angewiesen. Vor zwei Jahren bekam ich allerdings ein Schreibstipendium, danach machte ich einen Schnitt: Die Firma gehört zwar noch mir, ist nun aber einer größeren unterstellt, die sich um alles kümmert.

Ihren ersten Literaturpreis gewannen Sie im Dezember 2001, dem Monat, in dem das argentinische Finanzsystem zusammenbrach …

Diese Wochen waren für mich eine Achterbahnfahrt. Ich gewann den prestigeträchtigsten Literaturpreis des Landes, ich war ja erst 22, es war irre. Die schlimmste Zeit der Krise begann wenige Tage nach der Preisverleihung, die Privatkonten wurden eingefroren, also konnte mir das Preisgeld nicht überwiesen werden. Zum Zeitpunkt der Verleihung hatte das Preisgeld den Wert einer halben Wohnung in Buenos Aires, ein paar Tage später nicht mal mehr den eines halben Autos.

Der Internationale Währungsfonds hatte sich wegen der desolaten Wirtschaftslage geweigert, Argentinien weiter zu unterstützen, eine Nachricht, die das Bankensystem endgültig in die Krise stürzte.

In dieser Zeit ging ich zu Planeta, dem besten Verlag des Landes, denn meine Geschichten waren ja nur in Zeitschriften erschienen. Ich dachte: Fange ich mal da an, ich kann meine Ansprüche ja immer noch runterschrauben. Da stand ich also, 22, eine total unbekannte Autorin, dazu noch eine Frau, in Argentinien ist die Literatur eher von Männern dominiert. Alles sprach gegen mich. Es waren furchtbare Tage, in Buenos Aires gab es gewalttätige Proteste, 25 Menschen starben.

Der Präsident trat zurück, sein Nachfolger nach fünf Tagen auch, der Staat erklärte sich bankrott.

Und dann ruft Planeta an und sagt: Wir machen dein Buch. Monate zuvor war ich noch mit meinem Freund an dem Verlagshaus vorbeigegangen, er hatte gesagt: „Eines Tages verlegen die dich.“ Ich dachte damals: Wie süß! Er hatte ja keine Ahnung.

Wie hat die Krise das Land verändert?

Ach, die Menschen vergessen. Sie beginnen sogar wieder, ihr Geld auf die Bank zu tragen. Ich werde mein Leben lang keinen einzigen Peso mehr einer Bank geben!

Und was tun Sie mit Ihrem Geld?

Mein Vater hat uns Kindern beigebracht, wie man Geld zu Hause versteckt. 80 Prozent sind an einem strategisch sehr sehr gut ausgesuchten Ort versteckt, die anderen 20 Prozent an einem schneller erreichbaren Platz. Wenn jemand einbricht, muss man erst abstreiten, dass man Geld zu Hause aufbewahrt, auch wenn der Einbrecher einem Gewalt antut. Dann muss man so tun, als ob man nachgibt, und die 20 Prozent rausgeben, so sagte es mein Vater. Mit der Zeit habe ich herausgefunden, dass das eine Menge Argentinier so machen. Momentan habe ich das Gefühl, über dem Land liegt eine Stille, die Stille vor dem Sturm. Ich sehe Sorge und Ernst in den Gesichtern, auf der Straße. In einem Jahr sind Wahlen, wer weiß, was dann passiert.

Nach der Krise wurde Nestor Kirchner Präsident, jetzt regiert seine Frau Cristina, es wird vermutet, dass Kirchner wieder Präsident werden will.

Das ist doch egal. Es regieren sowieso immer die Gleichen. Seit ich 18 bin, habe ich immer nur nach dem Ausschlussprinzip gewählt: Der Kandidat ist schlecht, der schlechter, der ganz schlimm. Also machte ich mein Kreuz bei dem schlechten. Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass da einer ist, der mir gefällt. In Argentinien ist Wahlpflicht, jeder muss eine Stimme abgeben, aber es gibt die Möglichkeit, „en blanco“ zu wählen, also für niemanden zu stimmen. Ungefähr die Hälfte meiner Generation macht das. Ich war immer dagegen, weil du damit ja die Mehrheit stützt, aber langsam gehen mir die Argumente aus.

Die Wahlkämpfe sind in Argentinien sehr auf Personen konzentriert, Inhalte kommen nur am Rande vor.

Die Politiker gelangen an die Macht, ohne irgendeinen Plan zu präsentieren. Es geht nur um die Person.

Eine Art Personenkult scheint typisch zu sein für Ihr Land: Evita, Che Guevara, der Tango-Sänger Carlos Gardel, Maradona …

Alle diese Figuren haben eines gemeinsam: Sie repräsentieren die Vergangenheit. Wir verehren ja nicht den dicken drogensüchtigen Maradona oder den, der bei der WM versagt hat, sondern den 20-Jährigen. Deshalb lieben wir auch den Tango und seine Nostalgie. Für uns ist immer das, was in der Vergangenheit liegt, das beste. Wir sind Immigranten oder Kinder von Immigranten, und zumindest in der Generation meiner Eltern und Großeltern spielt die Vergangenheit eine wichtige Rolle, die Geschichten aus der alten Heimat, Europa. Und bei diesen Geschichten trifft wieder das Sprichwort zu: „Creer o reventar“, glaub oder stirb.

Schweblin klingt deutsch – durch Ihre Vorfahren?

Nein, ein Teil der Familie meines Vaters kommt aus dem Elsass. Mein Großvater väterlicherseits kämpfte im Zweiten Weltkrieg für die französischer Resistance. Er war Späher, fuhr mit dem Fahrrad voraus und sondierte die Lage. Ich muss jetzt vorab sagen: Viele Details kenne ich nicht, mein Opa lebt noch und will mir nicht alles erzählen.

Er lebt noch?

Ja, sein Bruder auch, und der sagt mir manchmal: Ich erzähle es dir irgendwann, aber noch gehört die Geschichte deinem Großvater. Er war also Späher, 18 oder 19 Jahre alt, und an einem Tag evakuierten sie ein Dorf, von dem sie wussten, dass es von Deutschen angegriffen werden würde. Aber die Flugzeuge fanden sie und alle kamen um. Meine Urgroßmutter bekam die Nachricht, dass ihr Sohn tot sei. Sie war eine winzige Frau, und sie sagte nur: „Mein Sohn ist nicht tot!“ Sie machte sich sofort auf den Weg, der Ort war nicht weit, und zwischen all den Leichen fand sie meinen Großvater. Er lebte noch.

Er war lebendig begraben?

Ja. Sie pflegte ihn gesund. Dann besorgte sie ihm eine Schiffspassage nach Argentinien. Meine Großmutter, seine spätere Frau, stammte aus Katalonien, im spanischen Bürgerkrieg arbeitete sie als Krankenschwester. Sie war gerade eine Woche mit einem Spanier verheiratet, als Kriegsverletzte in ihr Krankenhaus eingewiesen wurden, sie ging von Bett zu Bett, und in einem lag ihr Mann. Er starb in ihren Armen. Sie versank in ihrer Trauer, ihre Familie war ratlos und beschloss nach ein paar Jahren, sie nach Argentinien zu schicken.

Sie nahm dasselbe Schiff wie Ihr Großvater?

Genau. Sie lernten sich kennen, verliebten sich auf den ersten Blick, obwohl sie zehn Jahre älter war als er, und heirateten noch auf dem Schiff.

Ist die Geschichte Ihrer Verwandten mütterlicherseits ähnlich unglaublich?

Nein, aber der Vater meiner Mutter war als Bezugsperson viel wichtiger für mich, künstlerisch und menschlich. Er ist in Argentinien geboren, als Kind von Italienern. Ich kann mich noch an einen Besuch bei ihm erinnern, da war ich sechs Jahre alt, und zum ersten Mal allein mit ihm. Er sagte mir damals: Samanta, du wirst Künstlerin. Er begann eine Art Training mit mir, weil er glaubte, als Künstler müsse man lernen, ohne Geld zu leben.

Wie in „La Bohème“.

Genau. Zum Beispiel müsse ich lernen, ohne Geld zu reisen. „Wir steigen jetzt in den Zug“, sagte er, „ohne eine Fahrkarte zu kaufen! Wir müssen uns verstecken, denn wenn sie uns finden, kommen wir ins Gefängnis!“ Wir versteckten uns unter den Sitzen, und er flüsterte „Pssst! Wenn du eine Trillerpfeife hörst, dann haben sie uns entdeckt!“ Und es ist ja so, dass an jeder Station der Schaffner pfeift.

Sie lachen, während Sie das erzählen – aber das ist doch grausam für ein kleines Mädchen.

Ja, ich bin damals auch vor Angst gestorben, als der Schaffner das erste Mal pfiff. Solche Sachen machte mein Großvater mit mir. Aber ich glaube, im Guten wie im Schlechten, meine Literatur verdanke ich ihm. Für mich ist Spannung das Allerwichtigste, ohne Spannung gibt es keine Geschichte. Denn in dem Moment, wo du weißt, was geschehen wird, und ich es auch weiß – in dem Moment muss ich dir auch nichts mehr erzählen.

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