Zeitung Heute : Mein TV kennt mich genau

Wissenschaftler und Studierende der TFH tüfteln am interaktiven Fernsehen der Zukunft

Marion Hartig

So könnte die schöne neue Welt des Fernsehens aussehen: Frau X kommt von der Arbeit nach Hause und schaltet den Fernseher ein. „Guten Abend, wie geht es dir? Willst du die Wettervorhersage für morgen hören?“, empfängt sie der dreidimensional auf dem Bildschirm erscheinende Interface-Agent. „Das dritte Programm zeigt um 23 Uhr einen Kinofilm mit Brad Pitt und auf Arte läuft eine Reportage über den Klimawandel“, informiert der freundliche Fernseh-Mann. Denn: Er kennt die Vorlieben seiner Nutzerin genau und leitet sie sicher durch den Fernseh-Internet-Dschungel. Außerdem besorgt er aus den Archiven der Sender Hintergrund-Informationen, Biografien, Filme, Texte oder auch Bücher und CDs, die die ausgewählten Filme ergänzen.

„Interface-Agenten, die individuelle Medien-Rundumpakete schnüren oder persönliche Programmzeitungen, die sich per Knopfdruck auf den heimischen Fernsehbildschirm holen lassen – sehr weit sind wir von solchen Visionen nicht mehr entfernt“, sagt der Kommunikationswissenschaftler Robert Strzebkowski von der Technischen Fachhochschule Berlin (TFH). Die technischen Voraussetzungen seien vorhanden, Mediacenter-Programme oder Plattform-Software erfunden und TV per Internet durch die inzwischen weit verbreiteten Breitbandnetze kein Problem mehr. „Es geht jetzt darum, herauszufinden, wie sich das vorhandene Wissen umsetzen lässt“, sagt Strzebkowski. Seit Mitte 2005 arbeitet er mit einem Team von Medieninformatikern, Medienwissenschaftlern und Informatikern an dem Forschungsprojekt „Interaktives Fernsehen“, entwickelt und erprobt mögliche Szenarien und Technologien des Fernsehens der Zukunft.

Dabei kann der Nutzer in Deutschland bereits jetzt auf einige interessante Internet-TV-Angebote zurückgreifen: ARD oder ZDF bieten zum Beispiel im Internet umfangreiche multimediale Inhalte zu ausgewählten Sendungen an. Per Video oder Media-on-demand lassen sich aus den Archiven der öffentlich-rechtlichen Sender Filme, Bilder oder Animationen abrufen. Das Manko: Das Angebot ist – bis auf die ZDF-Mediathek – fast ausschließlich für die Nutzung am PC-Bildschirm und nicht für den Fernsehkonsum aufbereitet. Auch eine sogenannte Set-Top-Box ist schon zu haben: Das Zusatzgerät hat einen integrierten Festplattenrekorder, über den sich digitale Sendungen und Zusatzinformationen empfangen und aufnehmen lassen. Auch ausgewählte, von den Sendern archivierte Filme sind per Box abrufbar. Sehr nachgefragt sind diese Service- Leistungen in Deutschland bisher allerdings nicht. Das Angebot sei noch viel zu gering und die Zuschauer sähen noch keinen bedeutenden Mehrwert in der Anschaffung entsprechender Geräte, sagt der Experte.

Die TFH-Wissenschaftler haben allerdings einige Ideen, wie sich das Interesse an der neuen Technik steigern ließe: Mit der T-Systems GmbH und Hertha BSC erarbeiteten sie zum Beispiel ein multimediales TV-Szenario für Fußballfans, das eine Art private Sportschau möglich macht: Auf einem transportablen Fernseher kann man das Spiel oder einzelne Szenen beliebig oft wiederholen, das Stadion aus verschiedenen Perspektiven betrachten, Informationen zu den Spielern abrufen oder auch Tickets ordern. „Realisieren lassen sich solche Angebote durch die Vernetzung von Archiven und Internet-Fernsehern“, erklärt Robert Strzebkowski.

Nach einem ähnlichen Prinzip funktioniert das Szenario einer interaktiven Tagesschau: Der Nutzer, so die Idee, kann sich bei laufender Sendung die Vorgeschichte eines aktuellen Themas abrufen und nach Schlüsselwörtern, Landkarten oder Hintergrundwissen suchen – ohne dass er etwas verpasst. Denn die Sendung wird auf der Festplatte einer Set- Top-Box gespeichert und läuft nach der Recherche-Pause einfach weiter.

Das Fernsehen der Zukunft – ein Informations- und Unterhaltungsparadies? Nicht nur. „Wie beim Internet besteht die Gefahr, dass der Nutzer mit einer riesigen Menge an Daten überflutet wird, durch die er sich erst hindurchwühlen und sich herauspicken muss, was ihn interessiert“, sagt der Experte. Die große Herausforderung der Medieninformatik sei es, übersichtliche Plattformen und praktische, einfache Handhabungen zu entwickeln. Denn: Das Fernsehen der Zukunft soll unterhalten, bequem zu bedienen sein und nicht anstrengen. Auch an solchen Lösungen forscht das Team der Technischen Fachhochschule, hier gemeinsam mit dem von ehemaligen Studierenden gegründeten Unternehmen meta.morph. Das junge Start-Up spezialisiert sich auf personalisierende Zusatzfunktionen und Verbindungen zwischen TV-Sendungen und Internetinhalten – das sogenannte „TV2.0“.

Drei bis vier Jahre wird es noch dauern, bis sich die neuen Technologien in Deutschland durchsetzen, schätzt Strzebkowski. „Wir stehen an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter für Internet basiertes und interaktives Fernsehen“, sagt er. Andere Länder seien da einen Schritt voraus. Weltweit gäbe es bereits drei bis vier Millionen Internet-Fernseh-Anschlüsse und die Zahl steige rapide an.

Ab Mai organisiert der TFH-Forscher gemeinsam mit der Potsdamer Medienfirma TeleClix GmbH ein sechsmonatiges Innovationsforum zum Thema „Internet basiertes Fernsehen“, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird (www.forum-iptv.org). Dort sollen die Chancen aufgezeigt und die Medienwirtschaft für das Thema sensibilisiert werden, kündigt der Wissenschaftler an. Denn: In Deutschland sei bisher wenig geschehen im Bereich Internet-Fernsehen. „Eine Marktlücke“, meint Strzebkowski. Seine Studenten könnten sie bald füllen.

Mehr Infos im Internet:

http://hypertv.tfh-berlin.de

www.tfh-berlin.de/VI

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