Zeitung Heute : „Meine Farbe Lila“

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Frau Junker, sind Frauen in der Politik womöglich weniger Größenwahn gefährdet als ihre männlichen Kollegen?

Das Wort „Größenwahn“ würde ich jetzt mal weglassen. Grundsätzlich ist es aber so, dass Politikerinnen sich nicht so sehr in den Vordergrund drängen. Sie werden auch nicht so zum Exhibitionismus verleitet. Nehmen Sie Cornelia Pieper, die Generalsekretärin der FDP: zieht sie mal etwas Auffälliges an, wird sie gleich als „papageienhaft“ bezeichnet.

Ist Ihnen so etwas auch schon mal passiert?

Klar! Ich trage immer nur die Farbe Lila, wohlgemerkt nicht aus politischen Gründen, sondern, weil mir lila steht. Da musste ich mir schon einiges anhören, unter anderem: „Zieh’ doch mal ein graues Kostüm an.“ Das prallt an mir ab.

Gibt es weibliche Schutzmechnismen, die das Ringen um die Macht abfedern?

Naja, Frauen legen zumindest andere Maßstäbe an. Sie sind selbstkritischer.

Diese Eigenschaft steht ihnen aber bei einer politischen Karriere oft auch im Weg.

Ja. Ich kann oft beobachten, wie weibliche Politikerinnen sich mit Äußerungen zurückhalten, weil sie glauben, noch nicht wirklich alles über eine Materie zu wissen. Auch Konsequenzen ihres Handelns zu ziehen, zum Beispiel zurückzutreten, fällt Frauen eher leichter.

Wie ist das bei Ihnen?

Ich halte nur Referate zu Themen, von denen ich etwas verstehe und habe, im Gegensatz zu vielen anderen Politikerinnen, eine ausgezeichnete MikrofonStimme.

Gibt es ein Selbstkritik-Gen?

Nein, sicher nicht. Frauen werden anderns sozialisiert. Und später kämpft jede Frau den Vereinbarkeits-Kampf – Kinder, Mann, Beruf. Viele Politikerinnen machen eine ganzheitliche Politik, sie sehen mehr. Sie haben einen weiteren Blickwinkel.

Wie schützen Sie sich vor dem Abheben?

Ich glaube, ich habe feine Antennen für meine Umwelt – und benutze sie als eine Art Korrektiv.

Karin Junker (SPD) ist Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen und Vorsitzende der Kommission Gleichstellungspolitik. Sie ist Mitglied des Parteivorstandes .

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