Zeitung Heute : „Meine feurige Geliebte“

Viele Vulkanologen haben ein sehr inniges Verhältnis zu ihrem Berg

Bas Kast

Ihr Beruf ist gefährlicher als der eines Bombenentschärfers oder Löwendompteurs im Zirkus. Denn die Bomben, mit denen sie es zu tun haben, lassen sich nicht entschärfen, und ihre Löwen sind ganz und gar unbezähmbar. „Vulkanologen müssen Risiken eingehen, um Ausbrüche vorherzusagen und Tausende von Menschenleben zu schützen“, sagt Stanley Williams, Geologe an der Arizona State University. Und wie dieses Risiko konkret aussieht, das weiß Williams nur allzu genau.

Kolumbien, 14. Januar 1993. Eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern schreitet den Vulkan Galeras empor, 4276 Meter ist er hoch; es ist ruhig. Leiter der Gruppe: Stanley Williams. Das Ziel: herauszufinden, wann der Feuerberg wieder Lava und Asche spucken wird. „Genau können wir das allerdings nicht vorhersagen“, meint die Vulkanologin Patty Mothes, am Kraterrand stehend, gegenüber Fernsehreportern.

Gefangen im Ascheregen

Was die Experten nicht ahnen: Dass es nur noch wenige Stunden dauern soll, bis das Pulverfass, auf dem sie stehen, mit einer gewaltigen Wucht explodiert. Gesteinsbrocken schießen durch die Luft, Lava, über tausend Grad heiß, spritzt umher, Gase, Asche, und mittendrin: die Forscher. Sechs von ihnen sterben, die andere Hälfte überlebt, darunter auch Williams, der sich beide Beine und den Unterkiefer bricht; einer der umherfliegenden Feuerbrocken verletzt den Mann am Schädel. Der Forscher beschreibt das Erlebnis in seinem Buch „Der Feuerberg. Wie ich den Ausbruch des Vulkans Galeras überlebte“.

Ehrfurcht, Neugierde, Angst treibt die Geologen auf ihre gefährlichen Gebirge, immer wieder. Für sie sind die spuckenden Ungeheuer nicht bloß Gebilde aus totem Stein. „Ein aktiver Vulkan fühlt sich fast an wie ein lebendiges Wesen“, sagt die amerikanische Vulkanologin Christina Heliker.

Wer so nah dran ist, für den bekommen Vulkane sogar menschliche Züge. Zum Beispiel der Vulkan Stromboli, nördlich von Sizilien. Alle halbe Stunde fliegen dort die Brocken durch die Luft, fast ununterbrochen faucht der Vulkan vor sich hin. Und doch ist er harmlos. „Ein typischer Mann“, sagt der deutsche Vulkanologe Boris Behnke, der an der Universität Catania, am Fuße des Ätna, forscht. Der Ätna dagegen: geheimnisvoll, neurotisch, unberechenbar, explosiv – eine Frau eben, „meine feurige Geliebte“, wie Behnke sagt.

Forschen auf dem Pulverfass

Ja, man kann Vulkane auch aus der Ferne studieren. Mit Seismographen, die das Beben des Bodens registrieren. Mit Satelliten, die die Wärmeverteilung des Vulkans verfolgen. Aber Vulkanologen, das sind keine Theoretiker, die auf Distanz bleiben wollen. Wenn es brodelt, sind sie am liebsten mittendrin, naja – so nah es eben geht. Und das nicht nur aus Leichtsinn und Abenteurertum: Sie brauchen Lavaproben und Gasanalysen, um das unberechenbare Erdungeheuer zumindest ein wenig berechenbarer zu machen.

„Mich interessieren Vulkane und Eruptionen, weil sie so viel größer sind als wir. Weil sie mysteriös sind“, sagte der Franzose Maurice Krafft, der zusammen mit seiner Frau Katia jahrzehntelang Vulkane bestiegen, studiert und gefilmt hatte. 1991 starben die beiden in einer Glutwolke auf dem japanischen Vulkan Unzen. „Wenn du das machtvolle Gesicht der Natur magst, das, was du nicht im Zaum halten kannst, dann wirst du auf einem Vulkan glücklich sein“, hatte Katia Krafft gesagt. „Vulkanologen suchen den Adrenalin-Kick“, glaubt auch Williams, der wieder umgebremst auf den Pulverfässern herumklettert. „Ich fühle mich nie so lebendig, wie wenn ich auf einen Vulkan steige.“

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