Meine Frau, ihr GARTEN … : Der Hund flieht vor dem Frühlingsduft

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Ein wesentliches Moment der Warenpräsentation in Supermärkten ist die Themenbildung. Zurzeit ist Frühling ein ganz großes Thema. Mögen draußen auch minus zehn Grad sein, an der Kasse stehen kleine Blumentöpfe mit vorgezogenen Frühlingsblühern. Das ist ganz schön raffiniert, weil meine Frau haben sie damit voll am Haken. Sie kann praktisch gar nicht daran vorbeigehen.

Neulich brachte sie wieder einen dieser kleinen Töpfe mit. Hyazinthen, drei Stück für wenig mehr als zwei Euro. Hübsch, wie lauter kleine blaue Sternchen, die sich zu einem wahren Blütenturm zusammenfügen. „Guck mal“, hat sie gesagt, „sieht gleich nach Frühling aus.“ Drinnen natürlich, draußen hätten die Hyazinthen noch keine Chance, da kommt ihre Zeit eigentlich erst im April.

Erst standen sie in der Küche. Leider war der Geruch dermaßen intensiv, dass ich mir schon einbildete, er liege mir auf der Zunge. Was in der Küche jetzt nicht so gut ist. Also haben wir sie ins Wohnzimmer gestellt, da würde sich der Duft eher verlieren.

Am nächsten Morgen kam mir auf der Treppe der Hund entgegen. Eigenartig, dachte ich noch, normalerweise liegt er morgens gern unten auf der Fensterbank und guckt in den Garten. Warum geht er denn hoch zum Dachboden? Und dann roch ich es, als ob man gegen eine süße Wand läuft: Hyazinthe. Das arme Tier, Hunde sind bekannt für ihre empfindliche Nase.

Dabei war Hyazinthe in Frankreich lange ein klassischer Grundstoff in der Parfümherstellung. Es heißt, eine Tonne Blüten ergeben ein Kilo Hyazinthen-Absolue, das ist der konzentrierte Duftstoff, den man durch Destillation gewinnt. Hyazinthen-Absolue ist nur sehr aufwendig herzustellen und so gut wie gar nicht mehr zu bekommen. Der Duft wird deshalb heute synthetisch imitiert, zum Beispiel in „Versace pour Homme“ oder „Love“ von Chloe.

Die Franzosen waren es auch, die die Hyazinthe nach Berlin brachten. Genau genommen die Hugenotten, die wegen ihres evangelischen Glaubens daheim verfolgt wurden. Um 1700 ließen sie sich hier nieder, vorzugsweise auf dem Gebiet der heutigen Bezirke Kreuzberg und Friedrichshain. Viele von ihnen gründeten damals Gärtnereien, Namen wie die Neue Grünstraße oder Gärtnerstraße zeugen immer noch davon. Die Gegend war über 200 Jahre berühmt für ihre großen Hyazinthenfelder. Der Bildhauer Max Kruse beschrieb einmal, wie er einst aus dem Fenster seiner Wohnung in der Köpenicker Straße auf blühende Hyazinthen blickte.

Blaue Hyazinthen sollen übrigens intensiver duften als weiße oder rosafarbene. Hinters Ohr reiben sollte man sich allerdings keine der Blüten. Sie enthalten einen hautirritierenden Stoff, der die sogenannte Hyazinthenkrätze auslösen kann. Ich glaube, der Hund weiß das. Kluges Tier.Andreas Austilat

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