Meine Frau, ihr GARTEN … : Die kleine verwirrte Zirbelkiefer

Kollege M. war sehr besorgt. In der Kantine kannte er nur ein Thema: seine sibirische Zirbelkiefer. Eigenartig, M. wohnt im vierten Stock eines Altbaus und ist mir auch sonst nicht als Gärtner aufgefallen. Doch wenn ich es recht bedenke, hat er mich schon vor einem Jahr einmal gefragt, wie man wohl ein eingetopftes Tannenbäumchen am besten durch den Winter bringt.

Meine Frau hat ja gute Erfahrungen mit einer Kombination aus Kokosmatte und Knackfolie gemacht. Die isolierende Wirkung einer Luftschicht sei nicht zu unterschätzen. Ich weiß nicht, ob er ihrer Expertise vertraut hat, auf jeden Fall scheint sein Bäumchen vergangenes Jahr auf dem Balkon überlebt zu haben. Warum also jetzt solche Panik? Immerhin handelt es sich um eine sibirische Zirbelkiefer. Von der darf man doch verlangen, dass sie ganz andere Härten gewohnt ist.

Dazu muss man wissen, dass M. eine ganz besondere Affinität zu Sibirien hat. Den Samen zu selbiger Kiefer hat er eigenhändig aus der Taiga mitgebracht. Oder war es die Tundra? Nun ist er schon wieder eine ganze Weile zurück und scheint was zu vermissen. „Meine Zirbelkiefer darf nicht sterben“, sagte er mit Verzweiflung in der Stimme. Die Kollegen von der Kultur, die bei Tisch gegenüber saßen, waren peinlich berührt, murmelten so etwas wie, „mit euch kann man gar nicht normal reden“, und wandten sich gar von uns ab.

Geschehen war folgendes: M hatte, ob aus Eigensinn oder aus Vergesslichkeit, auf Knackfolie verzichtet und allein auf Kokosfilz gesetzt. Beunruhigt stellte er Mittwochmorgen fest, der Filz war komplett mit verharschtem Schnee bedeckt. M. kam in dieser Situation auf die absurde Idee, sein Bäumchen gießen zu wollen. Das nahm natürlich kein Wasser mehr an. Wie auch, mit gefrorenem Wurzelballen. Ich versuchte ihn dadurch zu beruhigen, dass ich ihm sagte, seine Kiefer habe ihren Stoffwechsel inzwischen sicher auf null runtergefahren und sei außer Gefahr.

M. gestand mir darauf, dass er seine Kiefer schon nach drinnen gebracht hätte, weil er um ihr Überleben fürchtete. „Nicht gut“, sagte ich, „stell dir vor, du würdest einen Bären während des Winterschlafs in die beheizte Wohnung bringen, der kommt doch durcheinander.“ Ich war stolz auf mein Gleichnis, fand, dass es irgendwie sibirisch klang. „Hm, ich habe sie in die Badewanne gestellt und das Fenster offen gelassen,“ erwiderte er. „Besser“, sagte ich, „da lässt du sie bis Sonntag, dann soll es draußen tauen und du kannst sie vorsichtig wieder auswildern.“ M. guckte sehr unglücklich, weil es in seinem Bad sicher nur noch wenig über zehn Grad hätte und er nicht wüsste, wo er bis dahin duschen sollte. Ich wollte ihm darauf eigentlich sagen, dass es einem Sibirier doch wahrscheinlich nichts ausmachen würde, ein Paar Tage unter Kiefern kalt zu duschen, hab’s mir aber verkniffen. Die Kollegen von der Kultur guckten schon wieder rüber. Andreas Austilat

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