Meine Frau, ihr GARTEN… : Hymne an einen großen Baum

ich

Ich bin immer froh, wenn die Eiche bei uns vorn an der Straße wieder grünt. Sie ist der einzige Baum dort, der seinen eigenen Platz haben darf. Alle anderen, die Platanen und die Kastanien, müssen schön brav in Reih und Glied stehen. Das liegt daran, dass es die Eiche schon gab, als unsere Häuser hier noch gar nicht standen. Gut möglich, dass sie also schon 100 Jahre alt ist, dick genug wäre sie. Genaues wird man wohl erst erfahren, wenn sie einmal gefällt wird. Ich habe jedenfalls im Bezirksamt angerufen, in der Abteilung für Straßengrün, die wussten auch nicht mehr, die Eiche ist älter als das Amt.

Natürlich steht sie auch ein bisschen im Weg. Den parkenden Autos oder den Schneereinigern, die im Winter nicht richtig an ihr vorbeikamen. Mir macht das nichts, ich mag sie trotzdem. Natürlich verliert sie ab und zu einen kleinen Ast. Man mag sich nicht ausmalen, wenn da mal was Größeres runterkommt. Oder gar der ganze Baum. Wie Anfang März in Kreuzberg geschehen, als an der Obentrautstraße eine mächtige Linde plötzlich umfiel und auf ein Auto krachte. Zum Glück blieben die Insassen unverletzt.

Die Ursache war wohl Wurzelfäule, jedenfalls ist es das meist, wenn ein Baum plötzlich und unerwartet umfällt. Meist trifft es Straßenbäume, die viel auszuhalten haben. Zum Beispiel, wenn bei Straßenbauarbeiten die Wurzeln beschädigt wurden.

Neben unserer Eiche wurde im vergangenen Jahr an den Gasleitungen gearbeitet. Ich hoffe, da ist nichts passiert. Während nämlich bei uns im Garten die Pflaume, die Kirsche und die Birne tüchtig knospen, Nachbars Erle schon ganz grün ist, ist bei der Eiche draußen noch gar nichts los. Nun ist die Eiche immer ein wenig spät dran. Aber jedes Jahr macht mich das ein bisschen besorgt, vor allem, seit ich erleben musste, wie die Birke bei uns im Garten nach dem Winter gar nicht wieder kam. Bis heute macht mich der Anblick des kahlen Reststumpfs traurig. Ich hoffe, dass die Wisteria in diesem Jahr endlich blüht, die wir seitdem am Birkengerippe hochranken lassen.

Wenn das bei der Eiche passieren würde, dann müsste sie bestimmt fallen. Und bis ein neuer Baum diese Höhe hätte, das würde dauern. Vor der Hauptbibliothek der Freien Universität zum Beispiel haben sie zum 50-jährigen Gründungsjubiläum vor elf Jahren einen Papiermaulbeerbaum gepflanzt. Der Baum hat bis jetzt gerade mal fünf Ästlein, ist wenig höher als einen Meter. Entweder haben sie den Setzling heimlich ausgetauscht, oder es wird noch ziemlich lange dauern, bis man sich unter seinen Ästen in den Schatten stellen kann.

Meine Frau findet es ja schon toll, wenn ihre Blumen wieder blühen, aber in Wirklichkeit signalisiert doch erst das Grün der Bäume: Jetzt geht es los. Ich liebe diesen Moment, das zarte Maiengrün ist für mich die schönste Farbe überhaupt. Andreas Austilat

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar