Meine Frau, ihr GARTEN … : Junge Frau und alte Fregatte

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Viele Leute finden die Hortensie ein wenig altmodisch. Ich glaube, meine Frau zählt auch dazu. Ich habe nämlich den Eindruck, dass sie sich nur wenig um sie kümmert. Ich mag die Hortensie, schon wegen ihrer großartigen Geschichte, bei der zwar nicht die jüngste, dafür aber die erste Erdumseglerin eine Rolle spielt. Doch auch ich habe sie schwer vernachlässigt. Wie schwer, ist mir leider erst aufgefallen, als wir aus dem Urlaub zurückkamen.

Wir waren am Lago Maggiore. Dort gibt es regelrechtes Hortensien-Gestrüpp. Mannshoch blüht es betörend, in Weiß, in Blau, in Pink. Wobei, pink wird die Hortensie erst, wenn ihr der Boden nicht sauer genug ist. Gibt man ihr im Frühjahr eine paar Löffel Kalialaun, wird sie wieder blau.

„Gute Güte“, dachte ich also, wie ich da vor so einer mächtigen Hortensienpracht stand, „was ist das?“ Die Frage ist berechtigt, wenn man sieht, was wir zu Hause als Hortensie rumstehen haben: ein paar mickrige Zweiglein, daran versprengte pinke Blütenblätter. Und, so viel ist klar, allein eine Prise Salz wird da nichts rausreißen.

Zeit für die großartige Geschichte: Es heißt nämlich, der Botaniker Philibert Commerçon soll der Hortensie den Namen gegeben und sie nach Europa gebracht haben. Commerçon war 1766 Mitglied der Expedition des französischen Kapitäns Bougainville bei dessen Weltumsegelung. Begleitet wurde er von Jeanne Baret, einer jungen Frau. Weil die aber davon ausgehen musste, dass sich eine 26-jährige Gärtnerin auf einer Fregatte randvoll mit französischen Matrosen kaum unbehelligt um ihre Pflanzen würde kümmern können, verkleidete sie sich als Mann.

Der Schwindel soll keinem aufgefallen sein, bis die „Boudeuse“, Bougainvilles Schiff, Tahiti erreichte. Erst die Insulaner dort bemerkten sofort, hey, das ist doch eine Frau. Fortan war große Unruhe auf dem Schiff. Weshalb Commerçon und Jeanne Baret auf Mauritius ausstiegen und sich dort gemeinsam fünf Jahre lang der Erforschung der Pflanzenwelt widmeten – bis zum Tod Commerçons. Vorher aber gab der noch der Hortensie ihren Namen, nach Hortense, wie er seine Gärtnerin Jeanne genannt haben soll. Stimmen, die behaupten, dass es noch andere Hortenses im Leben des Botanikers gab, seien hier erwähnt, aber vernachlässigt.

Jeanne alias Hortense Baret kehrte heim nach Paris und hatte damit als erste Frau die Erde umsegelt. Sie setzte die Arbeit Commerçons fort und wurde eine berühmte Naturforscherin. Davor muss man doch Hochachtung haben. Höchste Zeit also, sich zu fragen, warum unsere Hortensie so mickrig ist. Nun, vielleicht war einfach das Wetter schuld. Die Hortensie ist zwar winterhart, so hart wie der letzte Winter ist sie nun auch wieder nicht, da braucht sie ein bisschen Schutz. Und im Juli war keiner da, der ihr Wasser gab. Arme Hortense, du hast mehr Aufmerksamkeit verdient.Andreas Austilat

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