Meine Frau, ihr GARTEN… : Platzhalter und Lückenfüller

Eine der neuesten Errungenschaften meiner Frau ist die Weigelie. „Was willst du denn mit der?“, habe ich sie beim Anblick der vollkommen kahlen Stängel gefragt. „Eine Lücke füllen“, hat sie geantwortet, „wirst sehen.“ Ich lass’ mich nicht gern überraschen, also habe ich im Internet nachgeschaut. „Wird bis 2,50 Meter hoch und breit“ steht da. Um Himmels Willen, was soll das für eine Lücke sein? Nun, im Moment sieht die Weigelie noch handzahm aus, ihre Zeit kommt erst im Mai.

Jetzt sind andere dran. Die ersten Tulpen zeigen sich, die Hyazinthe, die Forsythie und – wie es sich gehört – die Osterglocke. Die heißt nur so, weil sie immer zu Ostern blüht, in Wirklichkeit handelt es sich um eine Narzisse, genauer um die Narcissus pseudonarcissus. Und während die Weigelie wegen eines Herrn Weigel so heißt, ist die Narzisse griechisch.

Der griechischen Mythologie verdanken wir ja nicht nur interessante Komplexe wie die des Ödipus oder des Narziss, Letzterer war angeblich auch noch namensstiftend für die Narzisse. Gleich eine Handvoll antiker Dichter von Sophokles bis zum Römer Ovid erzählen jedenfalls in einigen Varianten die Geschichte vom schönen Jüngling, der sich in sein Spiegelbild verliebt und damit zum tragisch gescheiterten Ahnherren aller Egomanen wird: Narziss stirbt, seinem Blut entspringt die Narzisse. Oder so ähnlich.

Doch bereits Pausanias, Autor eines auch schon fast 2000 Jahre alten und damit allerersten Griechenlandreiseführers überhaupt, konnte nicht recht glauben, dass die Geschichte so gelaufen sein soll und erzählte sie seinen Lesern wohl nur der Vollständigkeit halber. Pausanias war ziemlich pingelig, weshalb man ihn auch den Baedeker der Antike nennt.

Und so hat die Narzisse ihren Namen wahrscheinlich aus ganz anderem Grund: Es steckt das griechische Wort „Narkein“ drin, was so viel wie betäuben heißt und direkt in die Narkose führt.

Tatsächlich war die Narzisse in der Antike ein probates Brechmittel. Sämtliche Bestandteile der Pflanze sind giftig für Mensch und Tier. Das Verspeisen der Zwiebel kann tödlich sein, das ständige Befingern der oberen Bestandteile eine Floristendermatitis nach sich ziehen, eine Hautirritation, die bei Blumenhändlern als Berufskrankheit gilt.

Tückisches Ding also. Dabei ist die Osterglocke ganz hübsch, 1981 brachte es ihre zierlichere, wilde Schwester sogar mal zum Titel „Blume des Jahres“. Und weil sie so pünktlich zu Ostern blüht, wurde sie schon in den Klöstern des Mittelalters kultiviert.

Nach der Blüte mäht man sie einfach ab. Im nächsten Jahr kommt sie dann wieder, weil selbst Wühlmäuse lieber um die giftige Zwiebel herumgraben. Ein echter Lückenfüller, der seinen Platz bereitwillig für den nächsten räumt. Und wenigstens das unterscheidet die Osterglocke von der Weigelie.Andreas Austilat

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben