Meine Frau, ihr GARTEN… : Schicksal eines Erdhörnchens

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Es war eine der erstaunlichsten Meldungen der letzten Woche: Russischen Forschern ist es in ihren Laboren gelungen, eine Eiszeitblume wieder zum Blühen zu bringen, deren Samen 31 000 Jahre am Ufer des Kolyma irgendwo im Fernen Osten Sibiriens eingefroren war. 31 000 Jahre!

Ebenfalls letzte Woche hat meine Frau die Trachycarpus fortunei bei uns im Garten von ihrem Sisalmantel befreit. Und siehe da, auch diese Hanfpalme, es ist nun schon die dritte ihrer Art, hat den Berliner Winter, der doch in diesem Jahr eigentlich nur drei Wochen im Februar dauerte, nicht überstanden. Trachycarpus ließ sich ganz leicht aus ihrem Topf heben, da waren keine Wurzeln mehr. Immerhin, es scheint der einzige Verlust in diesem Jahr zu sein. Es gab schon schlimmere Winter, den im Vorjahr zum Beispiel. Da war am Ende sogar unsere kränkliche Birke tot. Und deren Verwandte kommen doch sogar in Sibirien klar.

Ich konnte es mir nicht verkneifen, auf die krasse Diskrepanz zu verweisen. Drei Wochen, lächerlich. Meine Frau sollte endlich auf ihre Palmenexperimente verzichten. Was sind 21 Tage gegenüber 31 000 Jahren, den Silene stenophylla überdauert hat, so heißt das sibirische Kraut, das mit seinen weißen Blüten ganz hübsch aussieht.

Noch dramatischer als die Geschichte der zähen Pflanze ist aber eigentlich die des Arktischen Erdhörnchens, das erst zum Überleben der Silene beigetragen hat. Das Tier hat nämlich jede Menge von dem Samen in seiner fußballgroßen Höhle zusammengetragen. So viel, dass es nach tierischem Ermessen für einen normalen sibirischen Winter reichen würde, den das Vieh wahrscheinlich meistenteils zu verschlafen gedachte. Aber es kam ganz anders. 31 000 Jahre sollte es dauern, bis es wieder taute. Man stelle sich vor, ein Winter, der nie aufhört, das arme Erdhörnchen. Es hätte allemal verdient, dass sich die Forscher auch seiner annehmen. Doch da war wohl nichts mehr zu machen.

Ganz anders bei uns im Garten. Die Palme ist hin. Doch in der Ummantelung, die eigentlich die Pflanze schützen sollte, regt sich immer noch Leben. Ein paar Mäuse haben sich dort eingerichtet. Und irgendwie ist es ihnen gelungen, in den Terrassenschrank einzudringen und sich am Eimer mit dem Vogelfutter zu bedienen. Jedenfalls lagen reichlich Körner zwischen den Sisalschichten. Leider müssen wir ihnen jetzt die Wohnung kündigen. Der Winter ist so gut wie vorbei, ab jetzt dürften die Mäuse auch draußen wieder klarkommen.

Meine Frau nahm den Tod ihrer Hanfpalme übrigens auf die englische Art, also ziemlich gelassen, zur Kenntnis. Man sagt nämlich, deutsche Gärtner würden hadern, wenn ihnen was erfriert, englische freuen sich, dass sie wieder Platz für was Neues haben. Genau so sieht sie das auch. Andreas Austilat

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