Meine Frau, ihr GARTEN… : Traue keinem Begleitzettel

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Meine Frau kann zuweilen sehr streng sein – wenn jemand nicht so macht, wie sie will. Deutzia scabra plena musste das schon erfahren. Ja, ich kenne ihren Namen auch nur, weil der kleine Begleitzettel noch an einem ihrer Zweige hängt: Deutzia scabra plena heißt im Volksmund Rosa Maiblumenstrauch und blüht an sich üppig, dabei ist sie äußerst anspruchslos. Nun, Deutzia scabra plena blühte in ihren ersten drei Jahren bei uns gar nicht, nicht rosa, nicht im Mai, nie auch nur irgendwie. Dass sie überhaupt bleiben durfte, verdankt sie der Tatsache, dass sie schön grün vor sich hinwuchs. Sie war also guten Willens. Nur hatte sie eindeutig ihr Thema verfehlt.

Es kam also, wie es kommen musste, sie wurde verbannt. Und wer meint, hier schon von der Deutzia gelesen zu haben, ja, dieser radikale Schritt wurde im letzten Herbst an dieser Stelle von mir bereits beschrieben. Deutzia musste damals ihren Platz in der 1-a-Lage räumen. So nennen wir intern den Garten hinter dem Haus, jene Fläche, die an die Terrasse angrenzt und die man häufiger zu sehen kriegt als die 1-b-Lage. Die befindet sich vorne, links und rechts vom Eingang, die sehen wir eigentlich auch nur, wenn wir das Haus verlassen oder betreten.

Wie auch immer, da vorn, weitgehend unbemerkt, entwickelte sich Deutzia scabra plena ganz prächtig und blühte ungeheuer. Was bedeuten kann, dass der Standort dort irgendwie besser ist. Vielleicht hatte sie aber auch einfach Angst, weil ihr klar war, nach der 1-b-Lage kommt nicht mehr viel. Pflanzen können recht sensibel sein.

In diesem Jahr könnte es Philadelphia virginal erwischen, auch bekannt als Falscher Jasmin. Der benimmt sich nicht besser als die Deutzia, seit drei Jahren ist er bei uns, ein einziges Mal hat er ein bisschen geblüht. Obwohl er doch anspruchslos sein soll und sehr stark blüht, wie auf seinem Begleitzettel behauptet wird. Auch für ihn gilt, er ist schön grün, neigt sogar zur üppigen Laubbildung.

Nun könnte man natürlich fragen, warum wir eigentlich keinen echten Jasmin haben? Habe ich auch schon mal, erhielt von meiner Frau aber keine vernünftige Antwort. Stattdessen hat sie den falschen jetzt auf dem Kieker. Er steht kurz vor seiner Umsiedlung. Gewissermaßen in letzter Sekunde habe ich mich nun kundig gemacht und bin da auf eine Spur gestoßen: Der falsche Jasmin sollte nur nach der Blüte im Sommer geschnitten werden, auf jeden Fall sehr vorsichtig, weil man ihn sonst leicht seiner Blütenknospen berauben kann. Dumm nur, dass er noch nie geblüht hat. Wann ist also nach der Blüte? Im Prinzip im August. Es wäre demnach höchste Zeit.

Die Frage ist, ob er die noch bekommt. Denn in unserem Garten geht es nicht besonders gerecht zu, wer sich nicht anstrengt, fliegt raus. Ich sag ja, meine Frau kann streng sein. Aber das ist die Natur schließlich auch. Andreas Austilat

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