Meine Frau, ihr GARTEN… und ich : Angst vor der Monsterhecke

Meine Frau wünscht sich am hinteren Ende unseres Gartens eine Hecke.

Grafik: Tsp

Und zwar schnell. Das angrenzende Haus steht nämlich zum Verkauf, und es ist absehbar, dass wir da neue Nachbarn bekommen. Eine Hecke? Brauchen wir die denn, wir haben doch nichts zu verbergen, sage ich, und beobachte den Strom der Interessenten, der drüben ein- und ausgeht. Wir haben ja nicht einmal Vorhänge. „Waren auch nicht nötig“, sagt meine Frau. Die alte Dame, die bisher da drüben wohnte, hatte vor ihrer Tür einen derart mächtigen Kirschlorbeer gepflanzt, dass man ihr Haus kaum sehen konnte. Und sie unseres nicht. Nun könnte es sein, dass die neuen Besitzer das Gestrüpp einfach roden. Und dann? Dann gucken sie mir auf die Terrasse. Das will ich nicht.

Gut, stimme ich also zu, vielleicht eine Eibenhecke. Eibe, habe ich mal gelesen, ist der Porsche unter den Hecken. Obwohl, für einen Porsche wächst sie zu langsam. Sagen wir, sie ist der Edelstein. In Blickling Hall, einem altenglischen Herrenhaus, habe ich mal eine Eibenhecke gesehen, die sah aus wie ein rasierter Königspudel. Aber bis sie die so weit hatten! In Blickling Hall wurde Anna Boleyn geboren, eine jener bedauernswerten Gemahlinnen von Heinrich VIII., die die Ehe mit ihm nicht überlebten. Die imposante Hecke links und rechts der Auffahrt zum Herrenhaus hat sie auch verpasst, jedoch nur knapp. Der Gärtner hat mir gegenüber jedenfalls behauptet, das imposante Gewächs sei jetzt 300 Jahre alt. Er muss es wissen. Angeblich stellt seine Familie dort seit sechs Generationen den Gärtner. 300 Jahre sind für unsere Zwecke natürlich zu lang.

Liguster, das wäre doch eine Alternative. Unser Nachbar zur Rechten hat den zwischen uns gepflanzt, bevor wir einzogen. Steht da wie eine grüne Wand, sieht allerdings im Moment aus wie ein explodierter Wischmopp, weil wir mit dem Schneiden nicht hinterherkommen. „Nein“, sagt meine Frau, „noch mehr Liguster ist mir zu eintönig.“

Thuja gefällt ihr auch nicht, mit Thujen experimentieren wir seit Jahren und ebenso lange kränkeln die nun schon, weil sie auf einer Seite kaum Licht kriegen. „Ich will eine Rotbuche“, sagt meine Frau schließlich, „wächst im Schatten und in der Sonne.“ Und vor allem soll sie das wahnsinnig schnell tun. Außerdem könnten wir bald loslegen, Rotbuchen kann man gut im Oktober pflanzen.

Rotbuche? Ich gucke ins Pflanzenlexikon: Wirft ihre Blätter erst im Frühjahr ab, wenn die neuen kommen. Aha, wir werden nicht nur im Herbst Laub harken, sondern auch im Frühjahr. Kann bis zu 40 Meter hoch werden, lese ich weiter, muss deshalb regelmäßig beschnitten werden. Ich sehe den entgleisten Liguster und fürchte mich vor dem, was kommen wird: Eine Monsterhecke, 40 Meter hoch. „Schatz“, sage ich, „vielleicht sind die neuen Nachbarn ja ganz nett.“ Andreas Austilat

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