Meine Frau, ihr Garten und ich : Die Borsten der Raupen

Meine Frau klagt zuweilen darüber, dass ich nicht das nötige Interesse an unserem Garten aufbringe. Stimmt gar nicht.

Meine Frau klagt zuweilen darüber, dass ich nicht das nötige Interesse an unserem Garten aufbringe. Stimmt gar nicht. Im Moment zum Beispiel finde ich ihn wunderschön. Weil er nämlich total aus dem Ruder gelaufen ist, verwildert, während wir im Urlaub waren. Alles wuchert kreuz und quer, die Hecke ist außer Form, die Forsythie, längst verblüht und nur noch grün, ist explodiert. Ein bisschen sieht es aus wie im Urwald. Die feuchte Wärme der letzten Zeit, die ist dem Garten gut bekommen, vor drei Wochen noch ließ er kraftlos blass die Blätter hängen.

Und über allem taumeln Schmetterlinge mit ihrer eigenartigen, aber nur vermeintlich ziellosen Flugtechnik. Sie wissen ganz genau, wo sie hinwollen, zum Sommerflieder nämlich. Tagfalter lieben die violetten Blüten, von denen wir eine ganze Menge haben. Wegen seiner magnetischen Wirkung wird der Strauch auch Schmetterlingsflieder genannt.

Vor Jahren war ich mal in Mittelamerika, dort, in den subtropischen Regenwaldregionen, gab es handtellergroße Schmetterlinge. Jeden Morgen lagen sie in Scharen tot vor dem Gebäude der Provinzverwaltung; ein Straßenkehrer fegte sie dann immer zu großen Haufen zusammen. Wahrscheinlich waren die Scheinwerfer zu heiß, mit denen das Gebäude angestrahlt wurde. Erst lockten sie die Viecher an, und dann verbrannten sich die an ihnen.

Schmetterlinge sind nämlich leider ziemlich empfindlich. Weshalb man sie auch nie an den Flügeln anfassen sollte, die reißen leicht ein. Falls Sie mal einen verirrten Falter aussetzen wollen, sollten Sie ihn am Thorax packen, empfiehlt Wolfram Mey, Kustos der Schmetterlingssammlung im Berliner Naturkundemuseum. Am besten greift man ihn kurz hinter dem Kopf. Nur, das tut ja keiner. Wenn doch, muss man genau hingucken, und dann sieht man, dass der Schmetterling ein Insekt ist. Und Insekten mag eigentlich niemand.

Das Gleiche gilt übrigens für die Jugend des Schmetterlings. Die verbringt er als Raupe, und wer mag schon Raupen. Neulich etwa, an der Krummen Lanke, da wurde auf Schildern vor den Nestern des Eichenprozessionsspinners gewarnt. Dessen Raupen können mit ihren Borstenhaaren heftige allergische Reaktionen auslösen. Die Borsten bleiben übrigens zurück im Gespinst des Nestes, auch wenn die Raupe sich längst in einen Falter verwandelt hat.

Raupen also gelten als eklig. Schmetterlinge dagegen kriegen poetische Namen, in Dänemark und in der Schweiz heißen sie zum Beispiel Sommervögel. Damit endet allerdings die menschliche Fürsorge. Der Schmetterling von heute hat es nämlich nicht leicht, seit die echten Wiesen mit Blumen und Unkraut immer seltener werden.

Wenigstens gibt es ja noch unseren Sommerflieder.

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