Meine Frau, ihr GARTEN …und ich : Die fleißigen Ameisen

Die alte Dame, die das Grundstück vorne zur Straße hin besaß, ist gestorben. Ich muss gestehen, dass ich gar nicht so viel über sie weiß. Da lebt man jahrelang ziemlich dicht beieinander und kennt sich dann im Grunde kaum. Ich weiß aber, dass sie sich über den Grünstreifen, der zwischen ihrem Grundstück und der Straße lag, immer sehr geärgert hat.

Dieser Grünstreifen war einst als eine Art Reserve geplant, für den Fall, dass die Straße einmal verbreitert würde – was glücklicherweise nie geschehen ist. Weil sich für Grünreserven nun einmal niemand wirklich interessiert, ist die Wiese reichlich verwahrlost. „Müllstreifen“ hat die Dame das dürre Grün mal genannt. Aber ich glaube, dass sie sich auf subtile Weise gegen die Verwahrlosung gewehrt hat. Jedes Jahr zeigt sich nämlich am Ende des Winters das gleiche Bild, dann wogt dort ein lilafarbener See, kleine Krokusse, die vom Frühlingsbeginn künden. Und so bietet die Wiese wenigstens einmal im Jahr von Ende Februar bis Mitte März einen schönen Anblick.

Ich bin jedenfalls sicher, dass dieser Krokus-See seinen Ursprung im Garten der alten Dame hatte, weil er sich über Jahre immer nur entlang ihrer Grundstücksgrenze gezeigt hat. Inzwischen allerdings hat er einen anderthalb Meter breiten Weg überquert und sich wunderbarerweise auch auf der nächsten Wiese vor dem Nachbargrundstück ausgebreitet.

Wahrscheinlich haben Ameisen vom Typ Lasius niger dieses Kunststück vollbracht. Lasius niger oder auch schwarze Wegameise ist die etwas schwächlich wirkende Verwandte der Waldameise, sie zeichnet sich aber trotz ihrer geringeren Körpergröße durch erstaunliche Genügsamkeit aus. In unserem sandigen Grund gibt es diesen Typ in rauen Mengen. Sie untertunnelt Terrassen und Gehwege, wirft dabei in den Ritzen kleine Hügel auf.

Lasius niger mag genügsam sein, am ölhaltigen Anhängsel der Samen des Krokus aber kommt sie nicht vorbei, da steht sie total drauf. Sie schleppt also das ganze Samenkorn in ihren Bau, frisst dort das Anhängsel ab und entsorgt anschließend den für sie nicht mehr interessanten Samen. Übrigens bedienen sich Schneeglöckchen des gleichen Tricks, vielleicht sieht man sie deshalb manchmal in der Nähe der Krokusse stehen.

Krokusse sind ziemlich hart im Nehmen. Ich habe neulich sogar ein Exemplar im festgetretenen Boden zwischen Pflastersteinen blühen sehen. Und wenn sie ihre Blüte geschlossen kriegen, überstehen sie sogar einen Wintereinbruch, falls doch noch mal Schnee fallen sollte.

Die Chancen stehen jedenfalls gut, dass die Krokusse nicht nur in diesem Vorfrühling vorn an der Straße blühen, sondern dass sie es wie in den letzten Jahren auch in Zukunft tun werden, ja, dass sie sich vielleicht sogar weiter ausbreiten. Ein schönes Vermächtnis, das die alte Dame da hinterlassen hat.

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