Meine Frau, ihr Garten und ich : Nadelbaum auf Sparflamme

Tannen können ja sehr nervig sein, weil ihre Nadeln nämlich nicht verrotten, sondern ewig rumliegen. Ich weiß das, Nachbars Tanne nadelt gerade wie verrückt, und sie tut das genau über dem Weg zu unserem Haus.

Grafik: Tsp

Dort heften sich die Nadeln gelb und klebrig an die Sohlen meiner Schuhe und lösen sich erst in der Wohnung wieder.

Nachbars Tanne nadelt derart extrem, dass ich befürchtete, sie könnte erkrankt und innen schon ganz morsch sein. Seitdem macht sie mir noch mehr Angst, wenn ihr Wipfel im Wind bedrohlich über unserem Dachfenster schwankt. Direkt darunter steht unser Bett, ich könnte also von Nachbars Tanne im Schlaf erschlagen werden. Aber solange wenigstens die Spitzen schön grün sind, spricht alles gegen eine Krankheit und für den normalen Nadelverlust, der in diesem Jahr halt besonders kräftig ausfällt. Auf ein trockenes Frühjahr folgte ein trockener Frühsommer, und der Herbst war auch nicht besser, im Oktober und November hat es praktisch nicht geregnet. Unter solchen Bedingungen geht so eine Tanne schon mal auf Sparflamme und trennt sich von allen Nadeln, auf die sie verzichten kann.

Nun weiß ich natürlich auch, dass das nicht die richtige Jahreszeit ist, seiner Abneigung gegen Tannen freien Lauf zu lassen. Weshalb ich klarstellen möchte, dass ich nichts gegen Weihnachtsbäume habe. Gerade eben erst haben wir einen erworben, Nordmann, kerzengerade, zwei Meter 20 hoch. Die Nordmänner machen mindestens 70 Prozent des Weihnachtsbaum-Geschäfts aus. Interessanter Fall übrigens, Nordmann klingt ja so, als sei sie aus dem Norden. Ist sie nicht, sie kommt aus dem Kaukasus, ist mithin also Russe, Georgier, Armenier oder Türke und der botanische Beweis, dass es so etwas wie Männerfreundschaft gibt.

Benannt ist sie nach Alexander von Nordmann, einem finnischen Botaniker, der in den 1830er Jahren am Botanischen Garten im ukrainischen Odessa arbeitete. Eines Tages brachte der von einem Streifzug aus Georgien eine bis dato namenlose Tanne mit, zäh, schnell wachsend, aber nur auf einem eng begrenzten Terrain zu Hause. Zur gleichen Zeit verkehrte in Odessa noch ein Finne, der den Kaukasus ebenfalls gut kannte: Christian Steven. Steven gab dem Fund den Namen Pinus nordmanniana, also zur Gattung der Kiefern zugehörig. Vier Jahre später wurde der zur Abies nordmanniana korrigiert, also in die Gattung der Tannen eingeordnet.

Nordmann revanchierte sich und schrieb ein Buch: „Steven. Nestor der Botaniker“. Ich finde das eine nette Geste. Vielleicht war es aber auch irgendein Deal zwischen den beiden, sich gegenseitig unsterblich zu machen. Falls ja, hat Steven das kürzere Ende gezogen: Das Buch über ihn ist heute kaum mehr zu bekommen, in Berlin gibt es nur ein Exemplar in der Staatsbibliothek. Die Nordmann-Tanne dagegen steht in diesen Tagen wieder an jeder Ecke.

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