Meine Frau, ihr Garten … und ich : Tapferer kleiner Salbei

Es gibt ein Geheimnis, da bin ich noch nicht hinter gestiegen: Warum halten Kräuter auf der Fensterbank nie lange durch? Als erstes kräuseln sich beim Basilikum die Blätter, irgendwann lässt auch der Schnittlauch die Halme hängen.

Noch schlimmer sieht es draußen aus: Estragon? Nicht wiederzuerkennen. Oregano? Perdu. Thymian? Längst erfroren. Einzig der Rosmarin hat noch nicht aufgegeben, da sind tatsächlich noch ein paar grüne Spitzen.

Sind die geerntet, ist mit Nachschub nicht mehr zu rechnen. Müssten wir frische Ware nur aus dem Garten beziehen, noch vor Ostern würde uns der Skorbut die Zähne lockern. Nicht einmal der sonst so unverwüstliche Giersch ist zu sehen. Jawohl, das von Gärtnern gefürchtete Kraut mit der extremen Verdrängungskraft, von meiner Frau unnachsichtig verfolgt, war einst ein geschätzter Vitaminspender. Schon der Neandertaler nahm es als Gemüse gern mit ins Grab. Und römische Legionäre schätzten den Giersch als gesunde Marschverpflegung. Was sollten sie auch machen, an der Via Appia gabs keinen Supermarkt.

Dann aber machte ich eine Entdeckung: Auf der Terrasse stand versteckt unter allerlei Gerümpel ein ganzer Terracottakasten voller Kraut, anscheinend vergessen. Ich riss ein Blatt ab, zerrieb es zwischen Daumen und Zeigefinger und roch: frischen Salbei. Sofort hatte ich ein Bild vor Augen. Bandnudeln, dachte ich, Bandnudeln mit Butter und frischem Salbei, dazu eine Scheibe Kalbsleber, gegessen auf dieser Terrasse, als sie noch nicht vollgerümpelt war, mit allem was da dicht an die Hauswand gerückt der immer noch kalten Witterung trotzt. Muss so vier Monate her sein, wahrscheinlich im September, ach war das schön, als wir das letzte Mal draußen gegessen haben.

Leider werden ja Kräuter im Garten hierzulande oft zu gering gehandelt und verdrängt von irgendwelchen Petunien. Nur weil sie unscheinbarer aussehen. Das war nicht immer so. Kaiser Karl der Große gab es den Seinen vor über 1000 Jahren sogar schriftlich. In einem der ältesten Gartenbücher überhaupt, dem „Capitulare de Villis“, wurde angeordnet, was Karl auf seinen Gütern wachsen sehen wollte: Kümmel, Bärwurz, Petersilie, Estragon und Fenchel, um nur ein paar zu nennen. Und zwischen all den Kräutern durfte auch mal eine Schwertlilie stehen oder eine Ringelblume.

Tapferer kleiner Salbei, dachte ich weiter, du schaffst das. Ist nicht mehr lange, ist ja fast schon Februar. Und dann ging ich wieder rein, wo meine Frau saß und in ihren Gartenzeitschriften blätterte, die schon mal auf Frühling machen und knallbunte Blüten auf die Titelseiten gerückt haben. In einer stand tatsächlich etwas über Salbei: Verträgt nach dem Winter einen kräftigen Rückschnitt, ab Ende Februar bis Ende März, auf jeden Fall vor dem Austrieb. Den soll er kriegen, mein neuer Freund.Andreas Austilat

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