Meine Frau, ihr GARTEN… : Wenn Hasen alt werden

ich

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle über den Obstbaumschnitt philosophieren und über Leimringe. Ich habe doch jetzt zwei Birnbäume. Beim Spaziergang durch eine nahegelegene Kleingartenkolonie ist mir nämlich aufgefallen, dass ganz viele Bäume einen Leimring tragen und manche neuerdings fast zur Hälfte weiß getüncht sind. Donnerwetter, dachte ich, warum machen die das? Und muss ich das auch machen, wenn ich im nächsten Jahr Birnen ernten will? Aber es gibt da ein anderes Thema, das mich nun schon seit zwei, drei Wochen belastet. Auch wenn es nur am Rande mit unserem Garten zu tun hat.

Der alte Hase ist ziemlich zutraulich geworden. Früher hat er sich immer in die hinterste Ecke seines Stalls zurückgezogen, wenn man die Hand nach ihm ausgestreckt hat. Aber vor einem halben Jahr mussten wir seine Partnerin vor der Lorbeerhecke beerdigen, seitdem lässt er sich kraulen, leckt einem neuerdings sogar den Finger mit seiner kleinen rosa Hasenzunge. Keine Frage, seit Muffel, so heißt er, Witwer ist, ist er einsam.

Und das ist noch nicht einmal sein größtes Problem. Er ist inzwischen fast neun. Für ein Kaninchen, in Wirklichkeit ist er nämlich gar kein Hase, wir nennen ihn nur so, eine ganze Menge. Neun Kaninchenjahre entsprechen gut und gerne 85 Menschenjahren. Und obwohl er immer sehr auf sich geachtet hat, Muffel hat ausschließlich Rohkost geknabbert, schwächelt er. Er ist grau geworden, sein Blutdruck ist zu hoch, sein Hasenherz ein bisschen angegriffen. Am schlimmsten aber steht es um seine Zähne. Massive Wurzelentzündung hat die Tierärztin gesagt, als er nicht mehr fressen wollte. Wenn er Pech hat, müssen alle raus. Grauenhafte Vorstellung, ein Hase ohne Hasenzähne ist geliefert. Wenn der nicht ununterbrochen futtert, kollabiert er ganz schnell.

Allein im Oktober hat seine Behandlung um die 200 Euro gekostet. Kurz, wirklich nur ganz kurz, habe ich das in Hasen umgerechnet: 200 Euro, dafür bekommt man sieben neue. Und früher wurden Kaninchen doch ganz einfach geschlachtet, wenn sie reif für den Ofen waren, dafür hielt man die Kaninchen doch.

Aber erstens hat Muffel jetzt schon so viele Schmerzmittel intus, dass er für den Verzehr gar nicht mehr geeignet wäre. Und zweitens ist er uns seit acht Jahren treuer Begleiter. Das kann wieder werden, hat die Tierärztin gesagt.

Was, wenn es nicht mehr wird? Ich erinnere mich noch an den letzten März, als wir seine Partnerin im knüppelhart gefrorenen Garten beerdigt haben, der überdies vor der Lorbeerhecke ganz schön verwurzelt war. Müssten wir nicht jetzt, bevor der Frost kommt, eine Grube ausheben? Leider liegt die vorgesehene Stelle direkt neben dem Fahrradschuppen. Ich weiß nicht, ob ich die nächsten sechs Monate an einem offenen Hasengrab vorbeigehen möchte. Ach, wäre der Winter bloß schon vorbei.Andreas Austilat

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar