Zeitung Heute : Meine kleine Tour

An diesem Wochenende startet die große Radrundfahrt durch Frankreich. Auch unser Autor ist bestens vorbereitet.

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Von Matthias Altenburg Samstag, 18. März

Heute zwei Stunden mit dem schwarzen Stevens-Carbon-Rennrad durch die Wetterau. Mühsam. Schön. Der letzte Widerstand des Winters: zwecklos. Tot am Straßenrand: ein Fuchs (zweigeteilt), ein Fasan (geköpft), eine Katze (aufgeplatzt). Die Schützen schießen wieder, die Gärtner werkeln, die Autofahrer hupen, die Sonne schaut mal kurz vorbei. Der Hundeübungsplatz ist noch leer. Die Straßen werden gekehrt. Es ist Kommunalwahlkampf; ein Plakat fordert „ordentliche, saubere Schulen!“ Nazis? Von wegen, das Plakat stammt von der Linkspartei. Also muss man auch die bekämpfen!

Sonntag, 19. März

Fünfuhrachtzehn. Nullkommanull Grad. Was ist denn das? Hinter dem dunklen Fenster im Haus gegenüber bewegt sich etwas. Irgendwas Weißes. Wie ein Gespenst. Egal. Frühstück. Um kurz nach acht auf die Straße. Auf dem Parkplatz steigt gerade ins Auto: das Gespenst. Es ist eine Braut mit weißem Kleid und Schleier. Daneben, reichlich verzappelt, der Zukünftige. Die beiden sind wohl auf dem Weg zur Kirche. Wir grüßen, nicken, lächeln.

Unser Sportradkollektiv „Lokomotive Rotes Ritzel“ trifft sich zur ersten Ausfahrt. Fast alle sind da. Aufgekratzte Stimmung, Gruppenfoto. Also los. Temperatur kein Problem. Große Schleife bis an die Ränder des Vogelbergs. Nach 80 Kilometern kommt mein Einbruch. Bin vollkommen leer, kann nur noch um Nachsicht betteln. Langsam weiter. Am Ende sind auf dem Tacho 130 Kilometer und auf der Stirn ein erster Sonnenbrand. Noch vier Wochen bis zum Jedermann-Rennen „Rund um den Henninger-Turm“. Jetzt ist Blitz-Training angesagt. Und am besten eine Blitz-Diät.

Samstag, 1. April

Mit dem weißen Strada Richtung Norden. Regen, Wind, Sonne. Auf der steilen Straße zur Ronneburg begegnet mir ein langhaariger Typ, barfuß, in einer langen Mönchskutte. Verrückt. Oben sehe ich dann, dass hier irgendwelche Ritterspiele stattfinden: Zelte, Burgfräulein, fechtende Ritter in schweren Rüstungen, Irrsinn. Nach drei Stunden wieder zu Hause. In diesem Jahr gefahren: 855 Kilometer, und das Anfang April, schwach, schwach, schwach. Rufe Atilla an, ob wir morgen eine Tour machen. Er ist gerade erst aus der Türkei zurückgekommen. Sein Opa liege im Sterben, aus allen Poren komme Blut, sagt er.

Karfreitag, 14. April

Auf dem Rad durch Friesland. Schnuppertage in Esens, überall diese Fummelläden. Ärgerlich, Bananen vergessen, und alle Geschäfte geschlossen. Dann aber ein Lichtschimmer aus einem Tchibo-Shop in Dornum. Das Geklapper der Klickpedale auf den Fließen. Die Kunden drehen sich um, glotzen mich an mit reglosen Gesichtern. Nie einen Rennradfahrer in seinem Strampelanzug gesehen oder was?

Der Himmel: altmeisterlich. Alle sind wieder da: Fasan, Feldhase, Wildentenpärchen und Wiesel. Auf der Straße ein zermatschter Frosch. Ein Rabe landet, schaukelt auf die Beute zu, schnappt sich das Aas und startet schwerfällig. 125 Kilometer, davon 60 gegen den Wind.

Freitag, 28. April

Windige Tour bis zur Ronneburg. Nirgends kommt mir Deutschland deutscher vor. Diese Festung auf dem Hügel, die kaputten Fachwerkdörfchen rundum, die Namen der Ortschaften: Butterstadt, Lieblos, Hüttengesäß. Das Restaurant heißt: „Deutscher Hof“, ein Hinweisschild zur „Falknerei“ und eins zum „Judenfriedhof“. Wenig Menschen, schnelle, aufgedrehte Autos, hölzerne Kreuze an den Rändern, manchmal nabelfreie Mädchen, schielen, drehen sich weg, kichern. Und der Frühling macht seine Sachen. Auf dem Rückweg, in Bruchköbel, kann ich dann sogar Armlinge und Beinlinge abstreifen. Ja Leute, gafft doch nicht so schamlos. 80 Kilometer.

Sonntag, 1. Mai

Endlich, das Henninger-Rennen. Um acht Uhr morgens startet die „Lokomotive Rotes Ritzel“ an der Deutschen Bibliothek. Es ist schnatterkalt und ich mit meiner kurzen Hose viel zu dünn gekleidet. Na, wenigstens sind die Beine frisch rasiert. Locker zum Main-Taunus-Zentrum (MTZ) rollen, Fototermin vor dem Kinopolis, Aufstellung in den Gittergängen der Startblöcke. 3300 Teilnehmer. Verbissene Asketen, schüchterne Novizen, schnaufende Fettwänste. Es wird gefroren und gefrotzelt, erste Feindschaften werden aufgebaut, um sie während des Rennens zu pflegen. Dunkle Wolken über dem Großen Feldberg. Startschuss. Tausendfaches Klacken der Klickpedale. Die Cracks rauschen davon. Von den Meinen bleibt mir nur Freund Atilla. Wir schwören uns Treue und Beistand, was sich am Ende als die richtige Taktik erweisen soll. 15, 20 Kilometer bolzen wir uns auf ebener Strecke die Nervosität aus den Beinen. Dann nehmen wir uns zurück. Nur jetzt noch nicht verausgaben, Kraft einteilen! Aber dranbleiben, einen guten Schnitt vorlegen, bevor die ersten Anstiege kommen. Da ist sie schon, die „Hölle von Eppstein“, ein kurzer Stich mit 19 Prozent Steigung. Vor uns kippen einige vom Rad. Bloß eine Lücke finden, dass man nicht aus den Pedalen muss. Wir drücken uns im Wiegetritt hoch. Geschafft. Jetzt Vorsicht: Es kommt die steile Abfahrt durch den Ort, wo es im letzten Jahr gleich einen Fahrer aus der Kurve getragen und gegen eine Hauswand geschmettert hat. Da hört man auch schon die ersten Martinshörner. Aber wir sind durch, und es geht schon wieder bergauf, lang, mühsam, zäh. Bald hört man nur noch Atmen, Schnaufen, Keuchen.

Immerhin wird es langsam wärmer, die Sonne kommt durch, die Muskeln lockern sich. Bis zum Fuß des Ruppertshainer Bergs haben wir einen Schnitt von 31 km/h retten können. Wenn jetzt nichts mehr passiert, kann uns nichts mehr passieren. Auf der rauschenden Fahrt Richtung Frankfurt hängen wir uns an eine fünf-, sechsköpfige Gruppe, die ein enormes Tempo tritt. Aber wir dürfen uns nicht abhängen lassen. Wer weiß, wann wir wieder einen so komfortablen Windschatten finden. – Dann der Aufstieg zum Henninger-Turm. Wie ist die Atmosphäre? Sonst noch jemand da? Keine Ahnung, bin nur mit mir, mit meinem Körper beschäftigt, und damit, an Atilla dran zu bleiben. Dann wieder in die städtische Ebene, die Gruppen sind durcheinander gewirbelt, die Karten neu gemischt. Es wird gerüpelt, gedrängelt, geflucht. Weiterbolzen Richtung Schwanheim, Nied, Höchst.

Jetzt noch die letzte lange Gerade, aber das MTZ schon vor Augen werden die letzten beiden Kilometer zur Schinderei, einmal noch um dieses Schandmal der Architektur herum, dann mit versiegender Kraft ins Ziel. Wir reichen uns die Hände, reißen sie hoch, fahren über die Linie, bestusst, befriedigt grinsend. Die Rechnung ist aufgegangen. Wenn einer geschwächelt hat, hat der andere gezogen. Wir sind einen Schnitt von 33,56 km/h gefahren, fast einen Stundenkilometer schneller als im Vorjahr. Alles ist gut. 102 000 Meter und drei Stunden Qual sind vergessen.

Mittwoch, 3.Mai

Das Rennen steckt noch in den Knochen, nein, eher in den Muskeln. Warum sind heute lauter schwarzgekleidete Frauen mit ihren kleinen schwarzen Hunden unterwegs? Alles Witwen, Trauernde? Und mindestens genau so viele Schwangere, junge Mütter mit Kinderwagen. Na, aber das ist doch immer im Frühjahr so … Dann an der Bushaltestelle: zwei Frankfurter Matronen in dieser drögen Rentnerinnen-Kleidung, die zu sagen scheint: Hauptsache, nicht auffallen. Daneben zwei etwas jüngere, aber ebenso dicke Musliminnen mit Kopftüchern und in langen Für-die-Jahreszeit-zu-warm-Mänteln, die zu sagen scheinen: Hauptsache, nicht integrieren. Aber diese vier unterhalten sich angeregt, lachend. Nur aus dem Augenwinkel im Vorbeifahren sehe ich für eine Sekunde die Szene und erwische mich, wie ich den Satz denke: „Na also, geht doch!“

Mittwoch, 24. Mai

Niemals habe ich mehr Geld ausgegeben, als beim Versuch zu sparen. Wie viele billige Radlerhosen habe ich schon bei Aldi-Tchibo-Penny-Lidl gekauft. Und jedes Mal haben sie gescheuert, gedrückt, gerieben. Und hinterher tagelang die Wunden an gewissen peinlichen Stellen. Dagegen hilft nur das Assos-Polster, sagt die Legende. Und sagen die Kenner. „Wer einmal eine Assos-Hose hatte, zieht nie wieder etwas anderes an.“ Also setze ich mich aufs Rad und fahre nach Darmstadt, wo die kleine Schweizer Bekleidungsfirma ihre deutsche Vertretung hat („Hinter der Dolly Buster links rein!“). Man ist freundlich, unaufdringlich, begeistert vom eigenen Produkt. Das Polster bestehe aus dem so genannten Dynamic-Memory-Foam, einem Kunststoff, der für die Autositze in der Formel Eins verwendet werde und der sich dem Körper des Fahrers anpasse. 30 Jahre Forschung habe man auf die Entwicklung und Verarbeitung verwendet, eine beispiellose Erfolgsgeschichte… Okay, okay, ich bin ja überzeugt. Und packe es in meinen Rucksack, dieses schwarze Nichts von einem Höschen, das so viel kostet wie drei DVD-Spieler bei Saturn.

Montag, 4.Juni

Es wird Sommer, man spürt es, man riecht es. Von Bamberg starte ich um kurz vor acht. Kalt. Verheddere mich sofort im Hafen- und Gewerbegebiet. Weit und breit niemand zu sehen, den ich nach dem Weg fragen könnte. Aber dann, auf der Treppe eines Geschäftshauses: Ein Berber macht sich gerade tagfein. Er ist freundlich, kennt sich aus, zupft aus fadenscheinigen Taschen eine zerfledderte Karte hervor, kann sie kaum entfalten mit seinen steifen grindigen Riesenhänden, aber weist mir den Weg. Rechts und links flitzen die Kaninchen ins Unterholz, Enten flattern böse auf, eine Pfingstprozession stolpert müde an der Hauptstraße entlang, aber als ich gerade an dem Zug vorbeifahre, falle ich vor Schreck fast vom Rad, weil genau in diesem Moment die Kapelle anfängt zu spielen. Kurz vor Schweinfurt aus dem Maintal hoch ins Hinterland. Menschenleer. Nur ab und zu in den Dörfern einzelne Männer um die Fünfzig, die auf der Straße stehen, heraus gefallen aus dem Beruf, der Ehe, der Familie, aus allem… Sie rauchen, stehen in Jogginganzügen, starren oder reden mit sich selbst. Und gehen nur widerwillig zur Seite, wenn doch einmal ein Auto kommt. Von Bischofsheim dann hoch auf die Schwedenschanze, hinunter nach Mosbach, Gersfeld und weiter nach Poppenhausen. Knapp 150 Kilometer. Und nichts hat gescheuert, gedrückt, gerieben. Die Legende ist also wahr. Die Assos-Hose ist so gut wie alle sagen. Leider. Ich werde nie wieder etwas anderes tragen. Was sollte ich auch mit drei DVD-Spielern anfangen.

Wieder zu Hause begegnet mir vor dem Haus das junge Ehepaar von gegenüber. Die beiden streiten, keifen sich an. Was denn nun? Schon alles vorbei, die Treue, die Liebe, die Ehe?

Freitag, 16. Juni

Blick auf den Radcomputer: 3107 Kilometer in diesem Jahr gefahren. Überall aus den Fenstern flattern Deutschland-Fahnen; schwarz-rot-goldene Standarten recken sich von den Autos, als handele es sich ausnahmslos um Staatskarossen. Ein Zeichen der neuen, entspannten Vaterlandsliebe, von der man allenthalben hört? Hinter den Scheiben sitzen dieselben verdrückten Gesichter wie immer. Versöhnen tut dann aber doch der Blick über die weiten Erdbeerfelder, wo zwischendrin der Klatschmohn flammt und die Disteln ihre fetten, violetten Köpfe neigen.

Dann, bei der Rast, kommt ein Feldhase angehoppelt und bleibt fünf Meter vor mir im Gras sitzen, kümmert sich nicht um den ruhenden Radler, sondern mümmelt minutenlang rum. Hat überhaupt keine Angst. Vielleicht ist er blind. Oder taub. Oder tollwütig. Oder er glaubt, dass doch noch alles gut wird. Dass ich ein freundlicher Mensch bin. Dass die Liebe ewig währt. Und dass Jan Ullrich doch nicht gedopt ist.

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