Zeitung Heute : „Meine KZ-Nummer ist wie eine Medaille“

Schau einem SS-Mann nie in die Augen – das lernte er mit zehn Jahren in Auschwitz. Thomas Buergenthal hätte allen Grund zu hassen, doch er sagt: Rache ist irrational.

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Thomas Buergenthal, 73, überlebte als Kind im Konzentrationslager. 1951 emigrierte der Sohn deutschjüdischer Eltern in die USA und studierte Jura. Heute ist Buergenthal Richter am Internationalen Gerichtshof der UN in Den Haag. Gerade erschien seine Biografie „Ein Glückskind“ im S. Fischer Verlag.

Interview: Andreas Austilat und Anna Kemper Foto: Mike Wolff Herr Buergenthal, ist es Ihnen recht, wenn wir dieses Gespräch auf Deutsch führen?

Ja, natürlich, oder glauben Sie, mein Deutsch ist nicht mehr gut genug?

Ihr Deutsch ist ausgezeichnet, aber es ist die Sprache derer, die Ihren Vater ermordet haben.

Es ist auch die Sprache meiner Mutter. Und ich lass mir doch von den Nazis meine Muttersprache nicht wegnehmen.

Als Jurist urteilen Sie vor allem in Fragen der Menschenrechte. Sind Sie eigentlich als Richter schon einmal wegen Befangenheit abgelehnt worden?

Es gab Fälle, aus denen ich mich zurückgezogen habe. Etwa als ich Mitglied des UN-Komitees für Menschenrechte war. Damals rief uns ein französischer Holocaust-Leugner an, weil man ihn in Frankreich bestraft hatte. Ich habe eine Erklärung abgegeben, warum ich mich für befangen halte.

Sie hätten als Zeuge auftreten können.

Stimmt. Ich habe dann geschrieben, dass ich als Kind in Auschwitz war, dass mein Vater im Konzentrationslager ermordet wurde und meine Großeltern auch. Das war dann viel wirkungsvoller, als wenn ich am Prozess teilgenommen hätte.

Sie gehören zu den wenigen Menschen, die noch erzählen können, wie es in Auschwitz-Birkenau aussah. Was haben Sie für ein Bild vor Augen, wenn Sie an diesen Ort denken?

Ich erinnere mich als Erstes an den Gestank, der aus den Krematorien kam. Ein dicker Rauch, wie aus Raffinerien. Das Wasser war immer rostig, richtig rotbraun. Und es gab keinerlei Vögel in Auschwitz. Die konnten das wohl nicht aushalten dort. Und überhaupt kein Gras. Als ich 1991 das erste Mal wieder nach Auschwitz kam, da fielen mir sofort die vielen Vögel und das Grün auf.

Gibt es ein Geräusch, bei dem Sie an Auschwitz denken, wenn Sie es heute hören?

Manchmal, wenn ich Hunde bellen höre, vor allem Schäferhunde. Dabei mag ich Hunde ganz gern.

Verbinden Sie mit dem Lager bestimmte Gesichter?

Gar nicht. Wenn man mich zum Beispiel fragte, wie Josef Mengele aussah, der KZ-Arzt, den könnte ich nicht beschreiben. Ich hatte Angst, den Mann überhaupt anzuschauen. Augenkontakt wäre viel zu gefährlich gewesen.

In Ihrem Buch schreiben Sie, Sie hätten Glück gehabt, überhaupt nach Auschwitz zu kommen.

Weil ich lebend ins Lager hineingekommen bin. Wenn man da am Bahnsteig ankam, wurden Kinder und Alte von Leuten wie Mengele normalerweise sofort in die Gaskammern geschickt. Aber wir kamen aus einem Arbeitslager und wurden nicht selektiert. Später hat mein Vater dann erkannt, dass hinter den Selektionen, die sich alle drei, vier Wochen wiederholten, ein System steckte: Wir mussten antreten, wurden gezählt, dann wurden die Schwachen aussortiert. Mein Vater hat immer darauf geachtet, dass ich bei diesem Appell hinten in einer Ecke stehe, um mich gleich nach dem Zählen in einer Baracke zu verstecken.

Sie waren zehn Jahre alt und mussten ständig diese Todesangst aushalten.

Als Kind im Lager gewöhnt man sich sogar an die eigene Angst. Genauso wie an den Hunger. Es muss für die Erwachsenen wie meinen Vater viel schwieriger gewesen sein, die kannten doch das Leben vorher. Ich durfte schon im Ghetto in Kielce nicht mehr auf die Straße, weil die Schutzpolizei dort willkürlich Leute erschossen hat. Wenn man das mit sechs oder sieben sieht, dann denkt man gar nicht mehr, dass es ein anderes Leben gibt. Es ist merkwürdig, man denkt auch nicht an den Tod, selbst wenn um einen herum Leute aufgehängt oder erschossen werden. Einmal bin ich mit zwei anderen Kindern in eine SS-Küche eingebrochen, weil dort ein Topf Milch stand. Das war natürlich Wahnsinn. Aber Kinder vertrauen darauf, dass sie ewig leben.

Sie waren mit Ihrem Vater zusammen. Wie ist er mit der Situation fertig geworden?

Mein Vater war ein ewiger Optimist, er hat immer gesagt, es wird schon wieder alles gut werden. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie das dann aussehen sollte. Ein Häftling hat mir mal erzählt, wenn wir befreit werden, kommst du in die Schule. Eine Schule, habe ich gedacht, das ist so ein großes Lager, da gehen Kinder hin, die dann dort lernen müssen.

Wenn ein Kind in dem Bewusstsein groß wird, dass Hunger und Tod vollkommen normal sind, dann fehlt dem doch etwas für den Rest seines Lebens.

Sie meinen psychisch? Das Gefühl habe ich nie gehabt. Ab und zu sagt meine Frau, kannst du dich noch an dieses oder jenes Spielzeug erinnern, das wir früher gehabt haben, und dann korrigiert sie sich, ach, du hattest ja gar kein Spielzeug. Sie vergisst das manchmal.

Hat man Ihnen als Kind in Auschwitz auch eine Häftlingsnummer eintätowiert?

Ja, sehen Sie, sie ist größer geworden, damals hatte ich doch noch so einen kleinen Arm. Ich habe die 2930, mein Vater hatte 2931.

Sie haben Kinder und Enkelkinder, haben die Sie gefragt, was das für eine Nummer ist?

Natürlich, und ich habe ihnen gesagt, das ist eine gute Nummer, wie eine Medaille, sie beweist, dass ich da war und überlebt habe. Diese Leute wollten uns töten, sie haben es nicht geschafft.

Sie haben Menschen erlebt, die unter schwierigsten Bedingungen ihre Würde bewahren, und andere, denen das nicht gelungen ist. Wie schafft man es, zu verhindern, dass jemand zum Unmenschen wird?

Die Frage habe ich mir oft gestellt, aber ich kann sie nicht beantworten. Das Benehmen meines Vaters hat mich sehr beeindruckt. Er hat immer gesagt: Zeig nie, dass du Angst vor denen hast, sonst bist du verloren. Er selbst hat im Ghetto nie einen Hut getragen, er wollte ihn vor den Nazis nicht abnehmen müssen. Nicht vor diesen Leuten, hat er gesagt.

Denken Sie noch manchmal an den Moment, als Sie von Ihrem Vater getrennt wurden?

Ich war so gewöhnt an das alles – als er zur einen Seite geschickt wurde und ich zur anderen, er noch versuchte, mich an sich zu ziehen, da habe ich gar nicht daran gedacht, dass dies die Trennung sein würde. Das Schwerste für mich ist, dass ich heute noch denke, mein Vater hätte vielleicht überlebt, wenn er nicht hätte glauben müssen, ich sei in der Gaskammer umgekommen. Wahrscheinlich hat ihm das den Überlebenswillen genommen.

Gibt es Augenblicke, in denen Sie denken, meine eigenen Kinder wissen gar nicht, wie gut sie es haben?

Schon. Aber wenn ich denen sage, weißt du, als ich in deinem Alter war … Ich habe ihnen oft erzählt, als ich 1951 nach Amerika kam, kostete eine Tasse Kaffee nur fünf Cent. Wenn ich jetzt also über früher rede, dann sagen die, ja, ja, da kostete der Kaffee fünf Cent. Amerikanische Kinder, deutsche wahrscheinlich auch, sind sehr verwöhnt. Aber ich muss kein dünnes Brot mehr essen und meine Kinder auch nicht. Sie sollten aufwachsen wie normale amerikanische Kinder.

Als Ihre Kinder zehn waren, haben Sie sich da manchmal gefragt, ob sie es auch geschafft hätten, unter solchen Bedingungen am Leben zu bleiben.

Oft. Und ich bin dann immer zu dem Schluss gekommen, dass sie es wahrscheinlich geschafft hätten. Ich war kein großer Held. Ich hatte den Vorteil, dass ich im Lager aufgewachsen bin. Ein Kind merkt, wenn es halbwegs intelligent ist, wann man aufpassen und wann man Angst haben muss. Ich bin oft in Lateinamerika gewesen. Für die Straßenkinder dort geht es nur ums Überleben, und sie schaffen das. Sie sind klug.

Bewundern Sie die Kinder dafür?

Ja, und ich sehe mich in ihnen.

Sie schreiben, wie Sie mit 200 Kindern von Auschwitz aus vor der anrückenden Front nach Westen marschieren mussten. Sie waren eines von nur drei Kindern, die diesen Marsch überlebten. Hatten Sie nicht doch eine Fähigkeit, die anderen fehlte?

Ich hatte gelernt, SS-Leuten nie zu glauben. Als die zum Beispiel sagten, Kinder, die nicht schnell gehen könnten, sollten raustreten, die würden in ein Kloster geschickt, habe ich denen nicht geglaubt. Es sind viele umgekommen, die SS-Leuten geglaubt haben.

Sind Sie heute noch ein misstrauischer Mensch?

Im Gegenteil. Viele sagen mir sogar, du glaubst den Leuten viel zu viel. Ich glaube ihnen, solange sie nicht etwas tun, das sie unglaubwürdig macht.

Macht Ihnen Ihre persönliche Geschichte die Arbeit als Richter einfacher oder schwerer?

Persönlich ist es manchmal nicht leicht. Wenn ich Bilder sehe, zum Beispiel aus dem Bosnienkrieg, die Flüchtlinge auf den Straßen, die Gesichter der Kinder, dann sehe ich mich, wie ich mit meinen Eltern in Polen vor der deutschen Armee geflüchtet bin. Wenn ich einen Zeugen verhöre, der dann erzählt, wie es bei einem Massaker zuging, dann könnte ich weitererzählen, als ob ich dabei war. Ich weiß, wovon dieser Mann spricht, und manchmal fühle ich, ob er die Wahrheit sagt oder sich wichtig macht.

Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass Sie sich als Jurist auf die Menschenrechte spezialisiert haben.

Ich glaube, dass ich als Jurist dazu beitragen kann, zu verhindern, dass sich wiederholt, was ich als Kind erlebt habe. Wenn ich davon nicht überzeugt wäre, wäre ich Rechtsanwalt in New York geworden und heute längst ein reicher Mann.

Die Wahrheitskommission für El Salvador, in der Sie Mitglied waren, hat zwar Verbrechen der Militärjunta aufklären können, aber es wurde niemand zur Rechenschaft gezogen.

Weil die Täter amnestiert wurden. Das hat mich sehr geärgert. Eine Amnestie sollte es nur geben, wenn das Volk damit einverstanden ist, wenn es freie Wahlen gegeben hat und eine Wahrheitskommission oder eine vergleichbare Instanz festgestellt hat, was eigentlich passiert ist. Sonst wird einfach nur alles unter den Teppich gekehrt, und irgendwann kommt es wieder hoch.

Sie sind heute Richter am Internationalen Gerichtshof der Vereinten Nationen, der bei Auseinandersetzungen zwischen Staaten urteilt. Daneben gibt es den Internationalen Strafgerichtshof, der gegen Personen ermittelt, etwa wegen Kriegsverbrechen. Dieser Gerichtshof wird von den USA nicht anerkannt.

Ich halte es für falsch, dass die USA dem Strafgerichtshof bisher nicht beigetreten sind. Amerika hat meines Erachtens sehr viel für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit geleistet, wenn es für diese Werte eintritt, muss es sich auch in internationalen Gremien engagieren.

Die USA befolgen nicht einmal die Urteile, die Ihr Gericht fällt: Die US-Regierung wurde 1986 wegen militärischer Aktivitäten gegen Nicaragua verurteilt. Und sie hat die Entscheidung nicht akzeptiert.

Auch das war ein Fehler. Natürlich sagen die Leute dann: Wie könnt ihr Amerikaner von Menschenrechten sprechen? Ich habe das Problem oft, weil ich Amerika in vielen internationalen Gremien vertrete.

Spüren Sie manchmal eine Diskrepanz zwischen Ihrem persönlichen Gerechtigkeitsempfinden und dem, was Sie als Völkerrechtler und Richter sagen und tun müssen?

Es ist schrecklich, was auf der Welt vor sich geht, und ich frage mich manchmal, ob ich mit dem Völkerrecht überhaupt etwas dagegen ausrichten kann. Nehmen Sie nur die Vorgänge in Darfur.

Bei Bürgerkriegen wie im Sudan ist der Internationale Gerichtshof nicht zuständig.

Ja. Aber in anderen Fällen habe ich wenigstens die Möglichkeit, zu verhindern, was ohne Völkerrecht und ohne Menschenrechtskonvention nicht zu verhindern wäre.

Wäre es für Sie als Richter nicht befriedigender, wenn Sie Kriegsverbrecher zur Rechenschaft ziehen könnten?

Für mich ist meine Arbeit konkreter. Wenn ich eine Regierung zwingen kann, Entschädigung zu leisten, dann habe ich das Gefühl, den Menschen zu helfen. Strafe ist wichtig, aber viel wichtiger ist es, die Opfer zu unterstützen.

Was ist mit dem Hass auf die Täter? Sie sind nach Ihrer Befreiung als Erstes in ein SS-Büro gestürmt und haben ein Hitler-Bild von der Wand gerissen, um darauf rumzutrampeln.

Und das mit meinen erfrorenen Zehen! Wie weh die mir getan haben.

Nach dem Krieg haben Sie bei Ihrer Mutter, die das KZ überlebt hatte, in Göttingen gewohnt. Hatten Sie da keine Rachegefühle?

Am Anfang saß ich oft auf unserem Balkon, besonders am Sonnabend und Sonntag gingen unten die Leute spazieren, Väter und Großeltern mit den Kindern. Und mein Vater war nicht da. Ich habe gedacht, wenn ich jetzt ein Maschinengewehr hätte, ich würde sie alle erschießen.

Wann haben Sie diesen Wunsch nicht mehr gespürt?

Das legt sich, wenn man mit den Kindern spielt und Leute sieht, die nett sind.

Gab es auch Eltern, die ihren Kindern verboten haben, mit Ihnen zu spielen, weil Sie Jude waren?

Ich war bestimmt der einzige Jude auf dem Gymnasium, aber ich habe nie etwas bemerkt. Mich hat auch nie jemand gefragt, was war. Die wollten das gar nicht wissen. Es hat mich erstaunt, dass die Nazizeit damals in der Schule nicht vorkam. Ein Lehrer, der war bestimmt Nazi, der sprach mal vom Bombenangriff auf Hamburg. Da habe ich gesagt, warum sprechen Sie nicht über London? Es gab eine Riesenaufregung.

Ist es nicht ungerecht, wenn ein Täter sein Leben weiterlebt wie bisher?

Damals habe ich mich sehr gefreut, dass die hohen Nazis in Nürnberg gehängt worden sind. Aber wie sollte es nun weitergehen? Ich war trotz meiner amputierten Zehen einer der besten 100-Meter-Läufer in Göttingen, ich habe ein neues Leben gelebt. Nach einer Weile habe ich mich gefragt, was bringt die Rache?

Genugtuung zum Beispiel. Ist Rache nicht ein legitimes Bedürfnis?

Sie sind viel zu philosophisch. Sie haben wahrscheinlich schon bemerkt, ich bin nicht so sentimental. Rache ist irrational, sie geht immer zu weit und manchmal trifft sie Unschuldige. Gerechtigkeit versucht, den angerichteten Schaden zu reparieren und ein Beispiel für das richtige Verhalten in der Zukunft zu geben. Rache frisst einen auf. Wir töten unsere Gegner, dann töten sie unsere Kinder. Man muss einfach damit aufhören.

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