Zeitung Heute : „Meine Mutter ist nicht faul“

Der Tagesspiegel

Von Sandra Dassler

Als ihre Mutter arbeitslos wurde, war Jenny* überglücklich. „Das war Anfang der 90er Jahre“, erzählt die heute 17-Jährige: „Damals ging ich noch in den Kindergarten und alle beneideten mich, weil ich schon am Mittag abgeholt wurde. Als mein Vater 1999 seinen Job verlor, war alles ganz anders. Er hatte ja nichts zu tun und richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf mich. Er kontrollierte meine Schulaufgaben und nörgelte ständig an mir rum. Als er nach einem Jahr endlich wieder Arbeit fand, war ich froh. Jetzt kommt er abends geschafft nach Hause, lässt sich in den Sessel fallen und mich in Ruhe.“

Tina (18) hakt nach: „Vor allem hat er nicht zu trinken angefangen wie der Vater von Mike.“ Jenny nickt zögernd. Erst nach der Versicherung, dass alle anonym bleiben, sagt sie: „Mike ist ein Freund von uns. Sein Vater ist Konstrukteur und schon seit drei Jahren arbeitslos. Inzwischen hängt er an der Flasche. Dem Mike ist das total peinlich.“

Viele Cottbuser Jugendliche berichten von ähnlichen Erfahrungen. Doch besonders im Teenager-Alter fühlen sie sich schon von der ständigen Anwesenheit ihrer erwerbslosen Eltern in der Wohnung genervt. Für die Schüler einer 12. Klasse am Fürst-Pückler-Gymnasium ist Arbeitslosigkeit alltäglich. Sie wissen, dass in ihrer Heimatstadt jeder Fünfte keinen Job hat und sie kennen die damit verbundenen Probleme meist aus der eigenen Familie. Denny (18) sagt: „Meine Mutter verlor 1994 die Arbeit. Sie lebte mit meinem Bruder und mir allein – damals ging unser Lebensstandard ganz schön runter. Ich wusste, dass ich vieles nicht bekommen konnte, was für meine Freunde selbstverständlich war. An der Grundschule bin ich deswegen gehänselt worden. Aber das hat mich weniger belastet als zu sehen, wie meine Mutter unter der Arbeitslosigkeit litt. Sie wurde immer nervöser und zeitweilig sogar depressiv.“

Martin (18) meint: „In meiner Familie war noch keiner arbeitslos, aber die Angst davor ist eigentlich immer da. Mein Vater hat wieder angefangen zu rauchen, als es in seiner Firma Probleme gab. Irgendwie hat man das Gefühl, dass die gesamte Arbeitswelt von der Generation unserer Eltern eher negativ empfunden wird.“ Seine Mitschüler nicken. Besonders problematisch sei es, wenn Eltern trotz ihres Hochschulstudiums arbeitslos würden: „Meine Mutter hat das nie verkraftet“, sagt ein Junge aus der letzten Reihe. „Und jetzt meint sie, es hätte doch sowieso keinen Zweck, dass ich studiere. Das würde mich auch nicht vor Arbeitslosigkeit bewahren. Besonders motivierend ist das nicht für mich. Aber wenn ich jetzt vor dem Abitur hinschmeiße, wäre sie auch enttäuscht.“

Ein Mädchen findet die ganze Diskussion übertrieben: „Das ist schließlich nicht unser Problem, da können wir nicht helfen – außer, dass wir uns das Taschengeld selber verdienen. Aber ansonsten müssen unsere Eltern selbst damit klar kommen.“ Fast alle widersprechen. Denny wird richtig resolut: „Es geht doch nicht in erster Linie um das Materielle. Arbeitslosigkeit macht viele im Kopf kaputt. Sie denken, sie wären nichts mehr wert. Ich habe mich damals oft mit meiner Mutter unterhalten und versucht, ihr Mut zu machen. Ich glaube, das hat geholfen.“

Matthias Frey, der als Lehrer am Fürst-Pückler-Gymnasium die Diskussion verfolgt, ist von der Offenheit seiner Schüler überrascht: „Arbeitslosigkeit ist zwar nicht direkt ein Tabuthema, aber da sich seit vielen Jahren nichts an der Situation verbessert hat, haben viele resigniert.“ Die Abiturienten bestätigen das. Sie verfolgen die Arbeitsmarktpolitik eher gelangweilt. Im Herbst dürfen sie zum ersten Mal an einer Bundestagswahl teilnehmen. Dass einer der Kandidaten an der Situation etwas ändern kann, bezweifeln sie. „Das kann nur die Wirtschaft“, sagt Martin. „Und die ist hier im Osten einfach zu schwach.“

Im Gegensatz zu den Abiturienten vom Pückler-Gymnasium haben die 24 Mädchen und Jungen einer 10. Klasse an der 5. Gesamtschule in Cottbus kaum Muße, sich um die Arbeitslosigkeit ihrer Eltern zu kümmern. Schließlich stehen die Sechzehnjährigen zurzeit selbst vor der Berufswahl. Erst sechs Schüler haben vier Monate vor dem Schulabschluss eine Lehrstelle. So erhebt sich Protest, als Adina verkündet, wer keine Arbeit habe, sei nur faul. „Meine Mutter ist nicht faul“, sagt Carmen: „Ich war mehrmals mit ihr auf dem Arbeitsamt und weiß, dass es fast unmöglich ist, hier in der Gegend einen Job zu bekommen.“ „Da muss man eben mobil sein und anderswo eine Arbeit annehmen“, kontert Adina. Einige Schüler blicken betreten nach unten, die meisten aber nicken zustimmend. Sie haben sich in Bayern, Baden-Württemberg oder Hessen beworben. Schuldirektor Harry Paulenz beobachtet diesen Trend seit Jahren: „In den alten Ländern gibt es mehr Lehrlingsgeld, viele haben schon ältere Geschwister drüben – was sollte die jungen Leute hier halten?“

Nur Dirk gibt offen zu, dass er nicht aus Cottbus weg will. Er möchte Industriemechaniker werden. Wenn er in diesem Jahr keine Lehrstelle bekommt, macht er erstmal Abitur. Etwa 15 Prozent der Gesamtschüler tun es ihm gleich – auch, weil sie sich vom Abitur bessere Chancen in nicht-akademischen Berufen versprechen. „Cottbus ist meine Heimat“, sagt Dirk. „Nur, wenn ich hier keine Arbeit finde, gehe ich in den Westen.“

Seine Klassenkameradin Bettina findet das mit Osten und Westen albern. Sie lebt bei ihren Großeltern, seit ihre Eltern sich eine neue Existenz im Sauerland aufbauten. „Die haben wenigstens Mumm – hier wären sie auch arbeitslos“, sagt Bettina, die allerdings sehr unter der Trennung leidet. Aber sie wollte die Schule unbedingt in Cottbus zu Ende bringen – mit den Klassenkameraden und Freunden. Im September beginnt sie eine Gastronomie-Lehre in Köln. Von da aus ist es nicht mehr so weit bis ins Sauerland.

*) die Namen der Jugendlichen wurden von der Redaktion geändert

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