Zeitung Heute : „Meine Singerei ist ein biologischer Zufall“

Sie wollte einen Cowboy als Mann und landete auf den Beinen von Marlene Dietrich. Heute steht Gitte Haenning auf bulgarische Frauenchöre und Trollinnen.

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Gitte Haenning, 59, wurde in Dänemark mit „Ich heirate Papi“ ein Kinderstar. Mit Rex Gildo hatte sie auch in Deutschland Erfolg. In den 60er Jahren drehte sie Filme mit Peter Alexander, später ging sie mit anspruchsvollen Jazzsongs auf Tournee. Sie lebt in Berlin, mit der „Gitte, Wencke, Siw“Show ist sie hier im März zu sehen.

Interview: Christian Schröder Frau Haenning, beginnen wir das Gespräch mit einem kleinen Gedächtnistest.

Oh Gott, ich habe kein Gedächtnis.

Ich zitiere einige Zeilen aus einem Ihrer Lieder, und Sie müssen bitte die nächsten Zeilen ergänzen.

Wir können es versuchen.

Also: „Lass die andern Mädchen stehen, mein Boy, das sag ich dir / Lass dir nicht den Kopf verdrehen, und wenn, dann nur von mir.“

Kann ich nicht. Ich konnte nie meine Texte. Das setzt sich nicht fest bei mir. Wenn ich ein Talent habe, dann ist es zu vergessen.

Sie stehen seit mehr als einem halben Jahrhundert auf der Bühne, Ihren ersten Film haben Sie 1960 gedreht. Da müssen Sie doch Ihre Texte können.

Leider nicht. Neulich habe ich im Fernsehen die Komödie „Liebesgrüße aus Tirol“ gesehen, die ich 1964 mit Peter Weck und Grete Weiser gedreht habe. Da kriegte ich vorher das Angebot, synchronisiert zu werden. Aber als Dänin ist man auf diesem Gebiet sehr stolz und lässt sich nicht synchronisieren, also musste ich das alles lernen. Meine Kollegen waren erfahrene Schauspieler, die haben mich getragen. Grete Weiser …

… die berühmte Charakterkomikerin des Ufa- und Adenauer-Kinos …

… konnte richtig giftig sein, nicht nur in ihren Rollen. Gott sei Dank war sie begeistert von mir. In einigen Szenen gab es Tafeln, auf denen mein Text stand. Die hat sie dann für mich gehalten.

Der Song, aus dem die zitierten Zeilen stammen, heißt „Dein Glück ist mein Glück“. Der Refrain lautet: „Denn dein Glück ist mein Glück, und mein Glück ist dein Glück / Und das macht uns happy, mein Darling, mein Liebling, mein Darling.“ Sind Ihnen solche Texte heute peinlich?

Die waren mir auch damals schon etwas peinlich. Als ich begann, auf Deutsch zu singen, wurde Kurt Feltz engagiert, um die Hits für mich zu schreiben. Er hatte mit Caterina Valente und Peter Alexander gearbeitet, Feltz war der Papst der Schlagerbranche, ein älterer, intelligenter Herr, der einen Chauffeur mit weißen Handschuhen hatte und dem keiner widersprach. Zu dem bin ich dann irgendwann hin, um mit ihm über die – wie ich fand – zu banalen Texte zu diskutieren. Meinen damaligen Freund, einen Juristen aus Kopenhagen, hatte ich zur Verstärkung mitgenommen.

Und, wie hat der Schlagerpapst reagiert?

Der fiel aus allen Wolken. Er hat auf jeder Zeile seiner Wundergedichte mit den englischen Wörtern drin beharrt. Es war eine harte Konfrontation, und wir konnten uns nicht einigen. Nachher rief mich der engste Mitarbeiter von Herrn Feltz noch an: Du, wir haben ein herrliches Lied für dich, das wird bestimmt ein Riesenhit. Aber mein Entschluss stand fest: Wenn er weder mich noch meinen Freund ernst nimmt, dann kann ich nicht mehr mit ihm arbeiten. Ich war, glaube ich, die erste Sängerin zu dieser Zeit, die sich getraut hat zu widersprechen. Am nächsten Tag stand in der Zeitung: Feltz trennt sich von Gitte.

„Dein Glück ist mein Glück“ haben Sie 1965 mit Rex Gildo gesungen. Sie galten als Traumpaar des deutschen Schlagers, die Illustrierten meldeten schon die bevorstehende Hochzeit.

Wir waren auch sehr hübsch zusammen: Blond und dunkelhaarig, das Bild passte.

Aber Rex und Gitte waren nicht wirklich ein Paar, oder?

Es gab schon Affinitäten zwischen uns. Das war nicht bloß Show, aber wir waren kein Paar. Ich bin bekannt dafür, ziemlich authentisch zu wirken in meiner Arbeit. Aber nach einer gewissen Zeit konnte ich auch die Geschichten über uns nicht mehr ertragen. Wir waren Material für die Magazine, wir waren hübsch, man konnte uns gut fotografieren, sogar sehr schlechte Fotografen konnten das. Fotografiert zu werden, kann auch sehr schön sein, aber damals sind wir auf eine so billige Art abgelichtet und zur Ware gemacht worden, dass ich heute noch einen Klumpen im Hals kriege, wenn ich daran denke. Nach zwei Jahren habe ich entschieden, jetzt muss ein Schlussstrich gezogen werden.

Mit Rex Gildo waren Sie 1963 von einem Fernsehmann verkuppelt worden.

NDR-Unterhaltungschef Henri Regnier hatte ein Sommerhaus in Dänemark und sah mich in einer dänischen Fernsehsendung. Er wollte dann einen Film drehen über mich, über den Alltag eines Fernseh-Teenagerstars, fand aber, dass dieser dänische Teenagerstar allein für das deutsche Publikum nicht interessant genug sei. Deswegen fragte er mich, ob ich etwas dagegen hätte, einen sehr sympathischen jungen Mann an meiner Seite zu haben. Hatte ich nicht. Man hat noch ein bisschen rumgebastelt an mir, meine Haare waren so existenzialistisch lang, ich hatte keine Taille, aber die haben sie so ein bisschen eingequetscht, so wurde eine schnieke junge Frau aus mir gemacht. Das war der Anfang meiner Karriere in Deutschland.

Wussten Sie, dass Rex Gildo schwul war?

Ja, das konnte man spüren. Er war sehr charmant und eitel, beliebt bei gewissen Leuten.

Hatten Sie nach dem Ende Ihrer Zusammenarbeit noch Kontakt mit ihm?

Nein, was er machte, war dann bald nicht mehr so ganz meine Welt. Ich hatte andere Interessen.

In den 60er Jahren bekam jeder Star ein Image verpasst. Einige sind an der Diskrepanz zwischen Image und wirklicher Persönlichkeit zerbrochen: Roy Black wurde Alkoholiker, Rex Gildo brachte sich am Ende um. Gab es für Sie Momente, wo Sie dieses Doppelleben nicht weiter führen wollten?

Natürlich, aber ich pendelte zwischen zwei Kulturen, der skandinavischen und der deutschen.

Damals gab es in Dänemark noch starke Vorbehalte gegen die Deutschen, weil sie im Krieg Besatzer gewesen waren?

Nicht nur die Deutschen brauchten Zeit, um zu verstehen, was alles im Zweiten Weltkrieg geschehen war. Mein früherer Freund erzählte mir, dass ein Familienmitglied in Süddänemark auch fest an Hitler als Befreier geglaubt hatte. Als dem Mann bewusst wurde, wer Hitler wirklich war, beging er Selbstmord. Die Seele Deutschlands hat einige Generationen gebraucht, um nur einigermaßen Heilung zu finden. Den Nachbarländern erging es nicht anders. Bei meiner letzten CD-Produktion „Johnsson“ bin ich übrigens zurück in meine Heimat gegangen, da klingen aber vor allem schöne Dinge heraus, ich lade die Zuhörer ein, mit mir Pfifferlinge, Blaubeeren und Erde zu riechen.

Dänemark ist gerade durch den Streit über die Mohammed-Karikaturen in den Schlagzeilen ...

In politische Diskussionen möchte ich mich nicht einmischen. Meine Kultur war für mich ein Kraftbeutel, den ich immer bei mir hatte. Das haben viele Kollegen nicht gehabt. In Dänemark hatte ich eine Aufgabe nach der anderen lösen dürfen, als Kind, als Teenager, Frühteenager, Spätteenager. Bis zum 17. Lebensjahr hatte ich ja schon die ganze Palette durch: Kabarett, Revuen, Filme, Jazz und Theater, sogar eigene Fernsehshows. Dabei hatte ich unglaublich viel gelernt, das war schon ein kleiner Rucksack, den ich mit mir nach Deutschland tragen konnte. Und immer wenn ich mich fremd und nicht zu Hause gefühlt habe, habe ich diesen kleinen Beutel genommen und Kraft getankt.

Sie sind in Aarhus geboren, Ihr Vater Otto Haenning war in Dänemark ein bekannter Liedermacher.

Ja. Mein Vater war ein hervorragender Troubadour, er hat auch zu Hause gerne und viel gesungen.

Und Sie haben als Kind einfach irgendwann mitgesungen?

Nein, eigentlich nicht. Aber dann gab es 1954 in Deutschland einen großen Hit: „Ich heirate Papi“, gesungen von Conny Froboess und Camillo Felgen. Der Produzent meines Vaters fragte: Kannst du das nicht mit einer deiner Töchter auf Dänisch aufnehmen? Ich war acht, meine Schwester zwölf, also habe ich mit meinem Vater gesungen. Es war sozusagen bloß ein biologischer Zufall. Mein Vater verstand sich als ernst zu nehmender Liedermacher, eigentlich war er gar nicht scharf auf das Lied. Aber die Familie brauchte Geld. Und es wurde auch ein großer Hit.

Sind Sie als Kind gerne auf die Bühne gegangen?

Nein, gar nicht, ich gehörte nicht zu der Kategorie von Kindern, die unbedingt auf die Bühne wollten. Gar nicht. Ich war schüchtern und introvertiert. Und ich habe mich jedes Mal gewundert über die Begeisterung der Leute. Das war ja ein Phänomen, an das sich heute noch jeder in Dänemark erinnert. Meine Einstellung, mich zu wundern, die habe ich übrigens immer noch.

Hatten Sie Angst vor der Bühne?

Mein Vater hat mich getragen und geschützt und mir die Lieder beigebracht. Andererseits war er ein sehr autoritärer Lehrer. Mit 13 Jahren habe ich mich zum ersten Mal von meinem Vater emanzipiert. Da habe ich ihm gesagt: Ich finde nicht, dass es gut aussieht, wenn du immer auf der Bühne neben mir stehst. Das hat ihn getroffen, vielleicht auch verletzt, aber er hat sich dann zurückgezogen. Ich hatte ja die Macht, weil ich ja das Geld für die ganze Familie verdiente. Ich habe viel Liebe gekriegt, aber von meiner Singerei hielt meine Mutter nicht viel. Wir wohnten in Kopenhagen in einer Dachwohnung. Manchmal waren Autogrammjäger sehr hartnäckig und klingelten immer wieder. Meine Mutter hat die dann mitunter nach oben gebeten, ihnen eine Tasse Tee eingegossen und gesagt: Jetzt spiele ich euch eine Sängerin vor, die wirklich singen kann.

Frau Haenning, Ihr Herz gehört dem Jazz, aber in Deutschland gelten Sie bis heute als Schlagersängerin. Fühlen Sie sich missverstanden?

Kritiker hantieren gerne mit diesen Schubladenbegriffen. Aber Musik braucht keine Grenzen, die Grenzen zwischen Pop und Jazz haben sich immer weiter aufgelöst. Die deutsche Popszene ist hervorragend geworden, mit Stars wie Udo Lindenberg, Grönemeyer oder Xavier Naidoo und vielen jungen kreativen Köpfen. In meiner Jugend war das anders, da gab es diese Freiräume nicht. In Deutschland habe ich meine Liedchen mit Rex Gildo aufgenommen, in Kopenhagen bin ich mit den besten dänischen Jazzmusikern in Clubs aufgetreten. Meine Göttinnen waren Dinah Washington, Ella Fitzgerald, Julie London und Lena Horn.

Statt nur noch auf Jazz zu setzen, sind Sie 1973 mit dem Titel „Junger Tag“ für Deutschland beim Grand Prix aufgetreten.

Den Grand Prix vor dem Fernseher zu gucken mit Freunden und Popcorn und Coca Cola, whatever, ist lustig, aber künstlerisch kann man diesen Wettbewerb nicht so ernst nehmen. Außerdem war ich eigentlich der Meinung, dass der Grand Prix mich nicht braucht. Da sollten junge Künstler eine Chance kriegen, aber etablierte Stars gehören da nicht rein. Sie haben mich damals eine Woche lang gefragt, und am Ende bin ich umgeknickt.

Und Wievielte sind Sie geworden?

Nummer acht.

Das ist ja nicht schlecht.

Nö, ist nicht schlecht, aber ich fühlte mich nicht gut. Das konnte man mir auch ansehen. Ich trug so ein steifes Folklorehemd mit Brosche und sah unecht aus. Durch diese Atmosphäre fühlte ich mich mehr und mehr gezwungen zu rebellieren. Deswegen sind meine neueren Lieder auch immer wieder Befreiungsschreie.

In den 80er Jahren gelang Ihnen mit Songs wie „Ich will alles“ oder „Ich bin stark“ ein Comeback. Seither steht auf Ihren Covern und Plakaten auch der Nachname. War das ein Signal: Gitte ist jetzt endgültig erwachsen?

Nein, das sollte kein Neuanfang sein. Das ist zu banal, wenn man immer wieder sagt ein Neuanfang. Ich habe den Nachnamen Haenning eingeführt, weil ich Haenning heiße und weil ich, bevor ich nach Deutschland gekommen bin, immer auch Haenning genannt wurde. Die Leute, die das Produkt Gitte verkauften, bekamen Schiss, denn ein neuer Name verfremdet das Produkt. Doch ich habe freundlich, aber bestimmt darum gebeten. Weil es sich auch so gehört, ganz einfach. Ich liebe das „Sie“. Früher kamen die Leute oft zu mir und klagten: Entschuldigung, Frau Gitte, aber wir wissen nicht, wie wir Sie nennen sollen.

Ihrem größten Hit „Ich will ’nen Cowboy als Mann“ haben Sie nicht nur Ihren Durchbruch in Deutschland, sondern auch die Bekanntschaft mit Marlene Dietrich zu verdanken.

Als ich 1963 mit dem „Cowboy“ das Schlagerfestival in Baden-Baden gewann, überreichte sie mir den Preis. Sie hat mir die Blumen gegeben und ich, natürlich war ich schüchtern, wusste nicht, um Gottes willen, was sage ich nur zu dieser großen Persönlichkeit. Also stammelte ich: You are wonderful. Wir haben uns beide vor dem Publikum verbeugt, ganz nach unten, wie sie es immer gemacht hat, dann hat sie für mich gesorgt den ganzen Abend. Ich habe auf ihrem Schoß gesessen, auf diesen tollen Beinen. Das wollte ich gar nicht, weil ich dachte, ich wäre viel zu schwer für ihre Traumbeine.

Angeblich haben Sie lange Zeit nicht verstanden, warum die Deutschen dieses Lied so lustig fanden.

Ja, ich kannte die deutsche Kultur damals noch gar nicht. Und auch nicht den deutschen Humor und die Begeisterung für Dialekte. In dem Lied führen Vater und Mutter einen Dialog im Ruhrpott-Dialekt. Ich ging damals bei dem Lied immer mit einem großen Fragezeichen im Gesicht auf die Bühne.

Haben Sie den deutschen Humor jetzt begriffen?

In meiner „Gitte, Wencke, Siw“-Show machen meine Kolleginnen Wencke Myhre, Siw Malmkvist und ich uns einen Spaß aus dem Song und bringen da bulgarische Frauenchöre rein. Ich für meinen Teil bin sehr gerne bereit, mich selber auf den Arm zu nehmen.

Die Show ist permanent ausverkauft.

Wir drei Sängerinnen stellen ein Spiegelbild des Publikums dar, das macht das Phänomen GWS, diesen Erfolg aus. Unsere Zuschauer können eine Zeitreise in ihre eigene Vergangenheit unternehmen, in ihre eigenen Verliebtheiten, wo sie zum ersten Mal unsere Songs gehört haben, zu diesen Songs getanzt haben. Auch außerhalb der Bühne albern Siw, Wencke und ich miteinander herum. Wir sind drei – wie sagt man auf Deutsch: Trollinnen?

Meinen Sie weibliche Trolle?

Ja genau, Trolle, das sind diese knuddeligen skandinavischen Fabelwesen.

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