Zeitung Heute : Meinrad

Rostbraten und Kalbsgulasch

Bernd Matthies

Meinrad, Wielandstr. 38, Charlottenburg, Tel. 3151 9183, täglich ab 11.30 Uhr, Sa/So ab 17.30 Uhr. Nur EC-Karten. Foto: Mike Wolff

Wenn ein Koch die Sympathien der Berliner auf seiner Seite haben will, muss er Wiener Schnitzel braten. Woran das liegt, ist völlig unklar, zumal dieses Traditionsgericht parallel zum Aufkommen des deutschen Küchenwunders als megaspießig auf dem Index gelandet war, dort, wo sonst nur noch Jägerschnitzel und Sülzkotelett ein vergessenes Dasein fristen. Doch irgendwann in der zweiten Hälfte der 80er Jahre war es plötzlich wieder da, und heute ist es vor allem die Standardnahrung so genannter Promis, die sich nicht bei Kaviar und Hummer erwischen lassen dürfen.

Im weiteren Sinn gilt dies für die traditionelle österreichische Küche schlechthin. Kaiserschmarrn und Palatschinken, Rostbraten und Kalbsgulasch sind in Berlin vermutlich beliebter als in Wien; die dort deutlich schmeckbare Weiterentwicklung der Traditionsgerichte bleibt hier indessen völlig aus.

Auch das Restaurant Meinrad, das sich seinen Namen von dem österreichischen Schauspieler Josef Meinrad geliehen hat und Bilder aus seinem Leben an den Wänden der äußerst schlichten Gaststube zeigt, bleibt ganz in der Tradition von Vienna’s Greatest Hits. Das ist an sich kein Nachteil, aber mir scheint doch, dass selbst diese Hits mehr Sorgfalt im Detail verdient hätten. Hier gibt es einen handwerklich an sich gut gelungenen Zwiebelrostbraten mit guten Bratkartoffeln und ebenso gut gemachtem Salat – doch die Tradition verlangt eindeutig, dass auch die Zwiebeln frisch gebraten werden. Hier nimmt man sich dafür keine Zeit, und folglich liegen sie erschlafft, kalt und zwangsläufig zäh oben auf dem Fleisch.

Beim Spanferkelrücken in Schwarzbiersauce trat das gleiche Problem andersherum in Erscheinung: Hier war ganz offensichtlich das Fleisch lange vorbereitet und deshalb mehlig-trocken geworden. Das Broccolipüree dazu, hübsch grün, überzeugte uns als Beilage nicht sehr: Zu nahe war es in seiner mehligen Konsistenz den Kartoffeln. Vorspeisen sind bekanntlich keine Stärke dieser traditionellen Küche, deren Ziel grundsätzlich immer darin liegt, den Bauch des Essers mit einem Gang plus Mehlspeise bis obenhin zu füllen. Hier gibt es, immerhin, beispielsweise gebratene, ebenfalls etwas trockene Geflügelleber auf Rotkohlsalat und Gemüse- (wohl eher Kartoffel-) Krapfen auf Rucola, angenehm zu essen, sauber gemacht. Auch der abschließende, recht süße Marillen-Palatschinken entsprach unseren Erwartungen.

Auf der Karte findet sich eine Reihe von anständigen offenen Weinen, darüber hinaus etwa zwei Dutzend Flaschenweine, die leider nur zu etwa einem Drittel aus Österreich stammen, den dortigen Weinbau aber gewichtig vertreten: Der sehr feine 2001er Blaufränkisch Reserve von Krutzler (Burgenland) kostet angemessene 41 Euro. Die sehr aufgeschlossene und aufmerksame Kellnerin konnte nichts dafür, dass die Roten hier nach alter Väter Sitte oben im Regal liegen und deshalb gekühlt werden müssen, um nicht nur bräsigen Alkoholdunst zu verströmen. „Es bediente Sie SISSI“ steht hinterher auf der Rechnung – fast zu schön, um wahr zu sein.

Das alles wird zu sehr vernünftigen Preisen verkauft: Hauptgänge liegen durchweg zwischen zehn und 15 Euro. Dafür kann niemand perfekte Genüsse kreativ-regionaler Art erwarten. Dennoch finde ich, dass man auch für diesen Preis die traditionellen Gerichte mit etwas mehr Liebe zelebrieren kann.

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