Zeitung Heute : Meister der Collage

Compagnie Stéphane Bittoun spielt mit Identitäten.

Multimediale Inselträume: von Gurus, Kannibalen & Brooke Shields. Foto: promo
Multimediale Inselträume: von Gurus, Kannibalen & Brooke Shields. Foto: promo

Im Moment widmet sich der Künstler Stéphane Bittoun einem verrückten deutschen Nudisten, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Papua-Neuguinea ging, um Kokosnüsse anzubeten – und natürlich auch zu essen. Der historisch verbürgte Apothekenhelfer und Sonnenorden-Gründer August Engelhardt ist allerdings nicht der einzige Stofflieferant für die performative Südseerevue „Nackt unter Kokosnüssen“. Bittoun verschränkt die Sinnsuche mit Yann Martels Roman „Schiffbruch mit Tiger“, und wo er schon beim Thema ist, knüpft er sich noch den soften Liebesfilm „Die blaue Lagune“ mit Brooke Shields vor und den Piratenklassiker „Der rote Korsar“ gleich mit.

Compagnie-Gründer Stéphane Bittoun, Spross der „Gießener Schule“, ist der Freibeuter des Frankfurter Offtheater. Ein Multimedia- und Multitaskingkünstler, der nicht nur eigene Regieprojekte aufzieht, sondern als Schauspieler für Film, Fernsehen und Bühne tätig ist, als Sprecher arbeitet und Drehbücher schreibt. Für ihn „alles Vokabeln einer Sprache“. Bittoun – der als Sohn eines französischen Juden aus Algerien und einer deutsch-katholischen Mutter aus Münster geboren wurde – lässt in seinen Arbeiten oft Fiktion und Dokumentation ineinanderfallen. Und treibt sein mehrdeutiges Spiel mit wechselnden oder flüchtigen Identitäten. Was in einem Mix aus Sound, Hörspiel, Liveperformance und Projektion aufgeht, von einem Stammnetzwerk aus Medienkünstlern und Schauspielern.

„Das wilde Schaf“ (2006) collagierte drei französische Filme zu einer Nouvelle-Vague-mäßigen Mythenrecherche über Romy Schneider. „Mein erster Sony“ (2008), Adaption des gleichnamigen Romans von Benny Barbasch, erzählte die Geschichte des Israelis Jotam, der als Chaos-Chronist mit seinem Kassenrekorder den ersten Sex der Cousine oder den Clash der Generationen auf Familienfeiern festhält. „Undercover Tel Aviv“ (2010) verwob auf der Grundlage von Interviews die Lebensentwurfssuche junger Menschen in Tel Aviv mit einer Agentenstory. Das Beste an Bittouns Projekten: Ihnen liegt nichts zu fern. paw

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