Zeitung Heute : Meister des Minimalismus Claudio Silvestrins Möbel sind für Leute mit Kondition

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Claudio Silvestrin ist Purist. Im wahren Sinne des Wortes. Auf Mallorca hat der Londoner Architekt die Villa Neuendorf wie ein sizilianisches Normannenkastell gebaut, ähnlich auch die ArmaniShops in Sao Paulo und Seoul. Klare, fast schroff abweisende Strukturen, kubisch, mit einem schmalen Spalt dazwischen. Wer diese spröde Architektur gesehen hat, wundert sich nicht, wenn er Möbel von Claudio Silvestrin sieht. In ihrer Klarheit und Geradlinigkeit sind sie kaum zu überbieten. „Less is more“ ist sein Motto – oder „Less is beautiful“. Sehr architektonisch wirkt die stark horizontal betonte Serie „Le foglie“ für den italienischen Hersteller Dema.

Einen Gegenpol zur Überfüllung möchte Silvestrin mit seinen Möbeln setzen. Doch Fülle bieten sie dagegen schon, wie etwa der 120 Zentimeter breite Sessel, 87 Zentimeter tief und nur 74 Zentimeter hoch. Rücken- und Seitenlehnen befinden sich auf gleicher Höhe, sie wirken breit und robust. Die Füße bestehen aus zwei Planken mit einer Birnbaumholzschicht, die im Gegensatz zu dem wuchtigen Korpus so zierlich sind, dass der Sessel zu schweben scheint. Ein Zierkissen mit vier deutlich sichtbaren Perlmuttknöpfen gibt diesem Sessel die besondere Note.

Vom Sessel zum Sofa ist es nur ein kleiner Schritt. Man muss ihn nur breiter gestalten, dann kommt erst der horizontale Charakter des Möbels so richtig zur Geltung. Die Sitzbreiten variieren zwischen 200, 250 und 300 Zentimetern. Dazu passend hat Silvestrin Sitzbänke entworfen, die die Grenze zwischen Sitz / Sofa und Ablage fließend gestalten: eine lang gezogene Bank mit einer Rückenlehne und Sitz- und Rückenpolster für einen Sitz. Daneben befindet sich die Ablage oder die Fläche für „schnelles Sitzen“. Der Gipfel des Minimalismus sind die „Tische“, eine langstreckte Holzplanke von 250 Zentimetern und einer Breite von 43 Zentimetern, gerade einmal sechs Zentimeter hoch. Dennoch schwebt das Brett auf kaum erkennbaren Füßen. Den Tisch für agile Leute mit geschmeidigen Rückenwirbeln gibt es auch im Quadrat. Die Möbel erfordern viel Platz, damit die flache Horizontale zur Geltung kommt. Oder man nimmt sich den breiten Sessel als Einzelstück, um sich mehr als bequem darin zu vertiefen. R.B.

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