Zeitung Heute : Meister des Senats: Lyndon Johnsons große Jahre

Ein mächtiger Mann, der niemals ein Wort zu viel verlor und alles zu wissen schien

Robert A. Caro

Die Vormittage im Senatssaal folgten dem immer gleichen Ablauf. Während alte Papiere im Luftzug unter den verwaisten Tischen tanzten, stapelte ein Bediensteter unzusammenhängend neue Papiere aufs Podium: die täglichen Ablaufpläne, die Gesetzesentwürfe. Ein oder zwei Senatoren standen in der Nähe der Garderobe und unterhielten sich, während unten im Reportergraben bereits eine Handvoll Journalisten versammelt war, die auf das tägliche Briefing der Parteiführer wartete. Gerade hörten sie dem Oppositionsführer William Knowland zu, der in seiner schwerfällig brummenden Art über die Tagesagenda sprach. Der Senatssaal war der schläfrige, behäbige Ort, der er immer war.

Bis schließlich um kurz vor Mittag die hohen Doppeltüren am hinteren Ende des Mittelgangs aufgestoßen wurden und Lyndon Johnson energisch den Raum betrat. Noch während die Türflügel zuklappten, nahm er, ohne seinen Schritt zu verlangsamen, den braunen Aktenordner entgegen, den ihm Gerry Siegel hinhielt, während er gleichzeitig George Reedy aus dem Mundwinkel eine Anweisung zuwarf. Mit langen, schnellen Schritten stieg er die vier breiten Stufen des Mittelgangs hinab. Die Journalisten verrenkten die Hälse, und Oppositionsführer Knowland, dem klar war, dass Johnson sich näherte, hörte auf zu reden, setzte sich an seinen Tisch und wartete ab, was sein Gegenspieler zu sagen hatte.

Johnson stellte sich an seinen Tisch, einen weiten Halbkreis aus glänzendem Mahagoni. Da er auf einer Stufe stand, die sich knapp zwei Meter über dem Boden des Reportergrabens befand, sah er aus einer Höhe auf die Journalisten hinab, die seine eigene Körpergröße übertraf, obwohl er hinter dem niedrigen Tisch noch größer wirkte, als er es eigentlich war. Sein ausgedünntes schwarzes Haar war glatt nach hinten gekämmt, so dass nichts das Profil seines massiven Schädels oder den scharfen Vorsprung des Kinns oder seine große Nase abmilderte. Wenn er sich den Zuschauern zuwandte, wurden unter seinen schweren Brauen die intensiven, aufmerksamen dunklen Augen sichtbar, die stets wachsam waren und sich von einem Moment auf den anderen zu Schlitzen verengen und ungemein einschüchternd wirken konnten. Tief unter den Augen schließlich lag der grimmige, harte Strich von Lyndon Johnsons Mund. „Er stand immer sehr aufrecht dort oben, hoch aufgerichtet und zuversichtlich, das Modell eines zupackenden Mannes“, erinnert sich einer der Journalisten. „Eine nervöse Vitalität ging von ihm aus, fast eine Art animalische Energie.“

Seine physische Präsenz war nicht der einzige Grund, warum Lyndon Johnson so groß wirkte. Andere Parteichefs, die sich vor der täglichen Senatssitzung mit Reportern getroffen hatten, waren traditionell von Assistenten begleitet worden, die ihren Chefs Details zu den Fragen der Reporter soufflierten. Kein Assistent begleitete Lyndon Johnson. Er brauchte keinen, er kannte die Details selbst. Der Aktenordner, den Gerry Siegel für ihn vorbereitet hatte, enthielt den Tagesablauf und die zu diskutierenden Verordnungen, versehen mit Notizen zu den jeweiligen Standpunkten der Senatoren zu den verschiedenen Gesetzen sowie kurzen Statements, die Johnson abgeben sollte. In der Erinnerung der Journalisten, die sich regelmäßig mit ihm trafen, öffnete Johnson den Ordner nie, nicht ein einziges Mal. „Wenn jemand ihm eine Frage zu irgendeinem unbedeutenden Gesetz stellte“, erinnert sich ein Reporter, „dann sagte er ‚Oh ja, das ist Tagesordnungspunkt Nummer So-und-So.’ Er kannte die Zahlen, ohne hinzusehen. Oder er sagte: ‚Das ist noch nicht im Komitee diskutiert worden, sieht aus, als könnte das Unterkomitee diese Woche damit fertig werden.’ Er wusste immer ganz genau, in welchem Verhandlungsstadium sich ein Gesetz gerade befand.“

Ebenso war er genauestens über alles informiert, was sich am vorausgegangenen Morgen in den Anhörsälen der verschiedenen Komitees und Unterkomitees abgespielt hatte, welche Argumente ausgetauscht, welche Maßnahmen ergriffen worden waren – ganz so, als sei er in jedem Raum persönlich dabei gewesen. „Wenn man ihm gegenüber erwähnte, dass dieses oder jenes Komitee gerade diese oder jene Bestimmung modifiziert hatte, antwortete er: ‚Das geschieht aus diesem und jenem Grund.’ Er schien jeden Aspekt von allem zu wissen, was der Senat getan hatte oder noch tun würde.“ Ein anderer Journalist erinnert sich: „Er kannte auch die Strategie der Republikaner genau. Er sagte zum Beispiel: „Wir werden jetzt eine Stunde über dieses Thema debattieren, und die Gegenseite wird dabei dieses und jenes versuchen.’“

Johnson wusste genau, was er sagen wollte, was er die Journalisten wissen lassen wollte – und er sagte kein Wort mehr. Wenn die Journalisten zu ihm hochschauten, sahen sie direkt hinter ihm die Uhr, die über der Doppeltür am Ende des Mittelgangs hing, so dass sie ständig daran erinnert wurden, dass die Uhr klingeln und den Senat zur Ordnung rufen würde – und damit ihre Fragezeit ablaufen würde, pünktlich um zwölf. „Er hatte nicht nur diese dominierende physische Präsenz, er hatte auch noch die Uhr im Rücken“, erinnert sich ein Reporter. „Es gab wenig Zeit für Fragen“, erinnert sich ein anderer. „Und Johnsons Ansicht nach bestand dafür auch kein Bedarf. Der Regierungsfraktionschef hatte den Journalisten gesagt, was er zu sagen hatte. Was könnten sie noch fordern?“ Wenn eine Frage ihn ärgerte, beantwortete Johnson sie, erinnert sich ein weiterer Journalist. „Aber er beantwortete sie auf seine Art. Man bekam nicht ein Stück mehr als das, was Lyndon Johnson einem sagen wollte. Niemals. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ihm in all diesen Jahren einmal etwas herausgerutscht wäre.“

Ein Teil der Aura, die Johnson umgab, wenn er in der ersten Reihe des Senatssaals stand, bestand nach Ansicht mancher Reporter „in dem, was wir über ihn wussten, darüber, was dieser Typ getan hatte und wozu er fähig war, was er sein wollte“. Es war eine Aura errungener Triumphe und zukünftiger Triumphe. „Er strahlte einfach Macht aus“, erinnert sich ein Reporter. „Diese Art, wie er einen ansah, wie er seinen Kopf hielt. Selbst wenn man nicht wusste, wer er war, wusste man trotzdem genau, dass das ein Typ war, vor dem man sich in Acht nehmen sollte. Man ahnte: Diesem Typ sollte man nicht im Weg stehen. Er war so groß! Und wenn er sich im Saal umsah, sah es aus, als wollte er sagen: Das ist mein Revier!“

Dann, pünktlich um zwölf, läutete die Uhr, und der Senator, der den Vorsitz innehatte – der Senator, dem Lyndon Johnson den Vorsitz übertragen hatte –, ließ seinen Hammer durch den Raum hallen, und der Senat begann zu tagen. Und immer noch war Lyndon Johnson am Steuer.

Auszug aus „Master of the Senate“ (2002). Aus dem Englischen von Jens Mühling.

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