MEISTERWERKBruno Ganz liest aus Roberto Bolaños „2666“ : Jenseits von Rottenegg

Von dem Literaturkritiker Helmut Böttiger stammt der schöne Satz, dass Literaturkritiker davon lebten, alle drei, vier Jahre auf ein wirklich großes Buch zu stoßen. Er begriff seinen Satz als Stoßseufzer angesichts der Flut von Büchern, die die Verlage frohen Mutes Jahr für Jahr veröffentlichen, die aber kein Mensch braucht. Als aktuelles Beispiel sei der Debütroman des einstigen MTV- Moderatoren und Jugendfernsehmannes Markus Kavka genannt, „Rottenegg“. Auf diesen Roman hat die Welt nicht gewartet, nicht einmal die Kavka-Fans. Er dürfte trotzdem ein paar Euro einspielen. Die Kavka-Fans kaufen ihn, weil sie nun einmal Kavka- Fans sind. Das Schlimme ist, dass Literaturkritiker zwar ahnen, dass „Rottenegg“ die Zeit nicht wert ist, die die Lektüre erfordert, sie das aber nicht hundertprozentig wissen. Vielleicht ist Kavka ja doch ein Stilist, ein Schriftsteller, ein Autor mit einem Stoff! Nun ja.

So steht hier der arme, prominente Kavka für die zahllosen Bücher noch namenloser Autoren, die es Saison für Saison gibt. Die alle mal anfangen müssen, aber ihre Zeit brauchen, bis sie große Literatur produzieren (wenn überhaupt). So was wie den gewaltigen, absonderlichen, monströsen Großroman „2666“ des 2003 verstorbenen chilenischen Schriftstellers Roberto Bolaño. Dieser Roman, aus dem Bruno Ganz am Mittwoch im Berliner Ensemble lesen wird, ragt heraus, der wirkt nach, mit dem ist man nach zweimaliger Lektüre nicht fertig. Und darin weiß eine der Figuren, auch im Hinblick auf Kavka und Konsorten, dass „Schreiben sinnlos war. Oder nur dann der Mühe wert, wenn man imstande war, ein Meisterwerk zu schreiben.“ Gerrit Bartels

Berliner Enesemble, Mi 23.2., 20 Uhr, 10 €

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