Zeitung Heute : Melodien für Mobile

Milan Pawlik führt ein Leben zwischen Dieter Bohlen und „Löwenzahn“: Er produziert Klingeltöne für Handys

Christian Hönicke

Nein, eine Goldene Schallplatte hängt hier nicht. Einen Marmorfußboden, verschwenderisch eingerichtete Badezimmer oder Groupies sucht man ebenfalls vergeblich. Die klassischen Vorstellungen vom Arbeitsumfeld eines Musikproduzenten werden schnell enttäuscht, wenn man sich mit Milan Pawlik trifft. Statt dessen erwarten einen: eine Flasche stilles Wasser, eine angebrochene Milchtüte, ein schwer in Mitleidenschaft gezogener Rucksack, ein Päckchen Zigaretten und ein Kopfhörer. Na schön, und fünf Handys. Dazu muss man wohl sagen, dass Milan Pawlik kein Musikproduzent im klassischen Sinne ist. Er produziert Klingeltöne für Mobiltelefone.

Milan teilt sich seinen Arbeitsplatz mit vier weiteren Klingeltonproduzenten beim Berliner Unternehmen „Jamba“. Als er gerade erklären will, was er an den vier Tagen in der Woche hier genau tut, da hebt plötzlich eine Frauenstimme an: „Don’t tell me why…“ Es ist einer dieser Realtones, die auf den neuesten Handys laufen und dem CD-Sound verdammt nahe kommen. Ein Kollege ist offensichtlich schon recht weit gekommen mit seinem neuesten Projekt. „Wenn wir alle hier sitzen und jeder seine Töne testet, kann das der reinste Psychoterror sein“, sagt Milan. Es fällt nicht schwer, sich das vorzustellen bei inzwischen weit mehr als 10 000 Klingeltönen, die man sich bei „Jamba“ für 1 Euro 99 pro Stück herunterladen kann. Vor nicht allzu langer Zeit muss das noch schlimmer gewesen sein: Da wurden die Melodien sogar hier in Kreuzberg aufgenommen.

Im Boot mit der Musikindustrie

In der gleichen Geschwindigkeit, wie die Melodien fürs Handy die U-Bahnen und Cafés erobert haben, hat sich aber auch das noch junge Berufsbild des Mobilfunktelefonklingeltonproduzenten gewandelt. Plattenfirmen haben das Gepiepse als Absatzmarkt erkannt, zehn Prozent ihres Umsatzes werden allein hier gemacht. Die Verlage schicken ihre Hits inzwischen eigenständig an die Milans dieser Welt – in der Hoffnung, sie bald auf dem Handy zu hören. Ab Ende Mai sollen sogar deutschlandweite Klingelton-Charts veröffentlicht werden. Eigentlich überflüssig, denn was auf Viva oder MTV läuft, verkauft sich auch auf dem Telefon und umgekehrt. Milan weiß das. „Der Workflow hat sich professionalisiert“, sagt er und spricht von „strikterer Aufgabenteilung“. Wo er sich früher von irgendwoher Songs besorgt und sie dann auf dem Keyboard nachgespielt hat, agiert er nun als Vermittler zwischen Plattenindustrie und den acht externen Klingeltonmusikern, die für „Jamba“ arbeiten. Das Keyboard steht einsam am Fenster; ein verstummter Zeuge des verflogenen Klingelton-Pioniergeists.

Zunächst sucht Milan die prägnantesten Stellen des Lieds (für gewöhnlich eine Strophe und den Refrain) für die Verarbeitung zur Fast-Food-Version heraus. Wichtiges Merkmal: Sie müssen sich „loopen“, also ständig wiederholen lassen, ohne dass man störende Übergänge hört. Ein ganzer Song verbraucht nämlich so viel Speicherplatz, dass er nicht auf ein gebräuchliches Handys passt. Nach diesem „Cut“ schickt er das Material an die Klingeltonmusiker. Ihre Aufgabe ist es, die Songs so gut es geht dem bescheidenen Handy-Klangrepertoire anzupassen. Sie hören sich die Originale an, nehmen dann per Keyboard ihre Miniversion auf und schicken die wenige hundert Kilobyte großen Dateien per E-Mail an Milan zurück.

Dann beginnt die Bastelarbeit. Einen Klingelton zu produzieren, das hat etwas von einem Strategiespiel. Das Programm „Logic“, mit dem auch viele Musikstudios arbeiten, stellt jeden einzelnen Ton optisch dar und breitet ein Geflecht von Blöcken auf Milans Bildschirm aus. Und wie bei einem Strategiespiel sind auch hier die Voraussetzungen für den Erfolg starke Nerven und etwas Geschick. Milan sitzt dann da, den Kopfhörer auf den Ohren, hört kurz und schiebt die Blöcke hin und her, wieder und wieder und immer wieder. „Ich überprüfe, ob unser Musiker das Feeling des Originalsongs getroffen hat.“ Stimmt das Timing des Schlagzeugs, haut der Basslauf ordentlich rein, wurden die richtigen Instrumente verwendet?

Fünf Stunden für einen Song

Fünf verschiedene Versionen eines Liedes muss er fertig stellen, weil zum Beispiel Telefone japanischer Hersteller andere Klangformate benötigen als ein Siemens-Handy und auch die alten Monophon-Telefone, die wirklich nur piepsen können, nicht vergessen werden dürfen. Ganz klar auf dem Vormarsch sind aber die polyphonen Töne, die aus bis zu 16 verschiedenen Spuren bestehen. Pro Spur kann ein Instrument verwendet werden; je mehr Spuren, desto realistischer klingt das Ganze. Und umso zeitintensiver ist es.

Doch Zeit ist kostbar geworden. Seit die Industrie mit im Boot sitzt, gibt es Vorgaben: 20 Klingeltöne muss jeder der fünf Produzenten pro Woche schaffen. Eine ganze Menge, wenn man bedenkt, dass man an komplexeren Arrangements wie dem Thema der Comicserie „Die Simpsons“ mit seinen Streichern schon mal fünf Stunden sitzen kann. „Mir hilft, dass ich selbst elektronische Musik mache“, sagt Milan. So ist er auch an den Job gekommen. Nach einer Ausbildung zum Mediendesigner hat er eine Demo-CD an „Jamba“ geschickt und wurde angenommen.

Den größten Teil seiner Arbeit verbringt Milan seither in der akustischen Gesellschaft von Dieter Bohlen und seinen Superstars. „Wir arbeiten primär die Charts ab“, sagt er. Das ist hart für einen 32-Jährigen, der selbst Elektromusik macht. Nur ab und zu gibt es kleine Highlights. Dann darf er schon mal ein Lied der britischen Kritikerlieblinge „Radiohead“ in den Handykosmos transferieren.

Genau dieser Schlag von Musikern jedoch weiß mit dem Werk ihrer neuen Kollegen so gar nichts anzufangen. „Die meisten Klingeltöne sind einfach nur stümperhafte Umsetzungsversuche“, sagte Michi Beck von den „Fantastischen Vier“ vor kurzem der „SZ“. Denyo von den „Beginnern“ hat sich mal zum Spaß einen Song seiner Band als Klingelton runtergeladen und befand: „Ich musste es mir viermal anhören, bis ich es überhaupt wiedererkannt habe, so schrottig klang das.“

Solche Kritik lässt Milan Pawlik kalt. Sein Monophon-Handy benutzt er nur zum Telefonieren, mehr nicht – ohnehin kann er den ganzen Klingelton-Hype nur schwer nachvollziehen. Aber er lebt davon – etwa 1000 Euro verdienen Klingeltonproduzenten im Monat–, insofern mag er sich nicht beschweren. Und ab und zu, wenn er in der U-Bahn einen Song hört, der auf seinem Computer entstanden ist, dann muss er auch ein bisschen lächeln. „So was wie ,Die Sendung mit der Maus‘ oder ,Löwenzahn‘ auf einem alten Monophon-Handy, das kommt schon ganz gut.“

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