Zeitung Heute : Mensch, Deutschland

Und jetzt auch noch der Sieg gegen Schweden. 20 Momentaufnahmen vom Ausnahmezustand der ersten beiden WM-Wochen

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Ein Telefonat mit der besten Freundin, die sich nie für Fußball interessiert hat:

„Na, wie geht’s?“

„Mensch, Deutschland spielt!“

„Du guckst doch nie Fußball!“

„Das ist was anderes. Deutschland spielt!“

„Meinst du das ernst?“

„Du, ich kann jetzt echt nicht. Tschüss.“

Zweiter Versuch.

„Tochter!“

„Hallo Papa. Woher weißt du, dass ich das bin?“

„Kind, Deutschland spielt! Wer außer dir würde da anrufen?“

„Ist Mama da?“

„Die guckt auch.“

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Wahrscheinlich wird dieses Volk jetzt bald seine Caspar David Friedrichs in den Keller tragen. Das Land der Melancholie gefällt sich in der Leichtigkeit, man weiß gar nicht, wo man anfangen soll, all die Fröhlichkeit zu beschreiben. Vielleicht bei dem Betrunkenen auf der Fan-Meile in Berlin, der vor dem Spiel gegen die Schweden Streit suchte, mit irgendeinem, völlig egal, Hauptsache Streit. Also, er war wirklich schon provokant, muskulös zwar, aber nicht wirklich eine Gefahr. Er machte an, wer ihm in den Weg kam, er fand keinen Kontrahenten, er fand nur lachende Gesichter, er wurde mit seiner geballten Aggression plötzlich völlig nichtig. Er trollte sich. Nicht ausgelacht, aber weggeschwemmt von der Freude. Und das vor dem Spiel.

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Oder nach dem Spiel. 2:0, grandios, das Ärgste, was gegen die Schweden zu hören war, war der Song: „Schweden ist nur ein Möbellieferant, Möbellieferant.“ Dann standen zwei Argentinierinnen am Wegesrand der Straße zum 17. Juni. Zu dem Zeitpunkt war noch nicht klar, ob Argentinien nächster Gegner der deutschen Mannschaft sein würde. Und um die Argentinierinnen herum standen ein paar junge deutsche Männer. Sie tanzten, Samba, oder was sie dafür hielten. Die Südamerikanerinnen lächelten. Sie konnten nicht mithalten. Beim Ausgang an der Siegessäule dröhnten die Fehlfarben aus den Lautsprechern: „Geschichte wird gemacht, es geht voran.“

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Ein einsamer Hund trabt am Samstag kurz vor fünf durch die ausgestorbene Potsdamer Straße in Berlin. Er trägt ein schwarz-rot-goldenes Tuch um den Hals. Rasse? Deutscher Schäfer.

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Das Olympiastadion von Berlin, die Zuschauerränge leuchten in SchwarzRot-Gold, es spielen Deutschland und Ekuador. In Block 21.2, Reihe 25, Sitz 4 hat ein Mann Platz genommen, der hier schon 1974 bei der WM saß; damals hatte er eine chilenische Fahne („Chile si, Junta no“) durch die Polizeikontrollen geschmuggelt, um gegen Pinochets Folterregime zu protestieren. Nun ist er, ganz zivil gekleidet, umringt von Deutschlandtrikots. Das Spiel hat kaum begonnen, da stehen die Zuschauer auf und rufen im Chor: „Steht auf – wenn ihr Deutsche seid!“ Der Mann steht auf und brummt: „Ich stehe auf, weil ich sonst nichts sehen kann.“ Ein Eckball von der anderen Seite, über die Stationen Mertesacker – Schweinsteiger – Klose landet der Ball im Netz, 1:0, anschwellende Fangesänge, der Mann von Sitz 3 schaut gebannt auf seine Unterarme, wo die feinen Haare strammstehen. Der Mann von Sitz 4 schaut hin und sagt: „Musst dich nicht schämen, ich hab auch Gänsehaut.“

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Halbzeitpause des Spiels Polen gegen Deutschland: Von beiden Ufern der Oder, aus Frankfurt und aus Slubice, tönen die Tröten und die Schlachtrufe der Fans. Unten am polnischen Flussufer hebt sich in der Dämmerung die Silhouette eines einsamen Anglers ab. Der Mann sitzt auf einem Klappstuhl, Pfeife im Mund, und schaut auf die Oder. Der Mann, um die 50, begreift die Frage erst nicht: Fußball? Dann lächelt er und flüstert auf Polnisch: „Dafür habe ich keine Zeit.“ Er deutet erst auf seine Angel und legt dann den Zeigefinger auf die Lippen.

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Die Morena-Bar in Kreuzberg. Das Spiel ist vorbei, eine Rothaarige kommentiert auf der großen Leinwand das Geschehen. „Hey, da macht ja sogar Esther Schweins mit bei der WM“, sagt eine Frau am Nachbartisch. Ihr Begleiter: „Mann, das ist Monica Lierhaus.“

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Mike, acht Jahre alt, aus Heilbronn, zappelt. ADS? Nein. Er steht in den Katakomben des Gottlieb-Daimler-Stadions in Stuttgart mit 21 anderen Kindern. In ein paar Minuten werden sie mit den Fußballern auf den heiligen Rasen laufen. Zehntausende werden brüllen und kreischen, dann wird die Nationalhymne Frankreichs und der Schweiz erklingen. „Ist mir egal, die Hymne“, sagt Mike. „Ich will Zidane.“ Mike ist Stürmer im Heimatklub, Kreisklasse, und seine beiden Vorderzähne sehen aus wie die von Ronaldo. „Okay, ich würde auch Henry nehmen“, sagt er. Als die Hymnen gespielt werden, steht er in den Armen von Willy Sagnol.

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Auf dem Weg von Kaiserslautern nach Leipzig, im Zugbistro. Eine Frau bestellt Kaffee. „2 Euro 70 bitte.“ Die Frau schüttelt den Kopf. „Hat der nicht immer 2 Euro 60 gekostet?“ – Der Kellner schiebt den Becher rüber: „Ja. Vor der WM.“

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Anpfiff, Deutschland gegen Polen. Die Straßen in Schöneberg menschenleer, Sonntagnachmittagsstimmung. Raus auf den Balkon, endlich Ruhe, um in der Bibel zu lesen fürs Theologiestudium. Altes Testament, Ezechiel. „Ihr faulen Schweine, lauft endlich“, brüllt der Nachbar gegenüber. „Im fünften Tage des Monats erging das Wort des Herrn an den Priester Ezechiel. Und es kam die Hand des Herrn über ihn.“ Für den Propheten ist das kein Anlass zur Freude. Als ihm kurz darauf vier wahnsinnige Gestalten mit Flügeln, Füßen aus Erz und fahrbarem Untersatz begegnen, wirft er sich zu Boden, aus purer Angst. „Nein, Scheiße“, gellen Rufe durch die Straße. 1:0 für Polen? Ezechiel hat es mit Wesen zu tun, die Menschen-, Löwen-, Stier- und Adlergesicht tragen, die Symbole der Evangelisten im Neuen Testament. Hier, im Alten Testament, bei Ezechiel haben sie also ihren Ursprung – die Erkenntnis des Abends. Die Angstschreie der Nachbarn sind abgeebbt. „Schlag kommt auf Schlag, und Schreckenskunde auf Schr eckenskunde“, geht es weiter bei Ezechiel. „So blöde kann man doch gar nicht sein“, ruft der Nachbar.

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Sie tragen rote Plastikhemden mit der Aufschrift „Security“, einer wühlt in einem blauen Rucksack und findet einen Mini-Knirps: „Schirme dürfen nicht mit hinein. Sie können ihn in den Abfall werfen oder da hinten im weißen Container deponieren und nach dem Spiel abholen.“ Der Fußballfan geht weg und versucht es an einem der anderen Eingänge erneut. Dort übersieht der Security-Mann den Knirps, auch die zwei harten Bioäpfel „Royal Gala“ sind ihm egal, er nimmt ein pflaumengroßes, weiches Bällchen aus dem Rucksack und wirft es in eine Tonne. Der Fan beschwert sich: „Hey, das ist ein offizielles Fifa-Bällchen, das wird als Aktion für Kinder in den Stadien verteilt!“ Der Kontrolleur meint: „Ich versteh’s auch nicht, hier drinnen gibt’s die auch, aber wir haben klare Anweisungen: keine Bälle!“

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Herr H. hat keine Karte für das Spiel Mexiko gegen Angola, aber eine Idee. Ein Freund hat ihm geraten: Geh zu den Afrikanern! Nun parkt H. seinen Wagen in Hannover am Parkplatz Messe/Nord und nimmt die Straßenbahn Linie 8 zum Stadion. Drei Stunden bis zum Anpfiff. Der erste deutsche Schwarzhändler bietet 300 Euro für jedes Ticket, um es dann teurer zu verkaufen. In den Zeitungen stand, 320 mexikanische Fans seien ohne Karten unterwegs und würden irrsinnige Preise bezahlen. Herr H. späht nach den schwarz-roten Farben Angolas. Plötzlich sieht er einen Reisebus anrollen. Er bringt sich mit seinem Pappschild „Need 1 Ticket“ in Position. Unter den Aussteigenden einer, der sich als Deniz vorstellt. Er hat tatsächlich Eintrittskarten, einen dicken Packen, Deniz mischt sich unter die Leute. H. lässt ihn nicht mehr aus den Augen, folgt ihm, bequatscht ihn, bis der Angolaner ihm dieses begehrte grüne Papier gibt, zu 60 Euro für aufgedruckte 45. Statt eines Namens steht da: „Federation Football d’Angola“. Herr H. geht zum Fan-Shop und kauft für 15 Euro ein Trikot mit schwarz-roten Farben und zieht es an. Er hört mexikanische Fans „400 Euro“ raunen, er hört die Zahl „1000“. Herr H. klappt sein Handy auf, ruft zu Hause an, er sagt glücklich: „Ich bin Angola.“

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Eine irische Kneipe in Berlin-Kreuzberg. Das irische Fernsehen überträgt Portugal gegen Angola. Ein Spiel wie mit der Handbremse, keine Mannschaft scheint etwas zu wollen. Das Tischgespräch dreht sich um etwas Ähnliches, ums Vorwärtskommen im Leben, es endet im Ungefähren und mit schlechter Laune. Dann, aus den Lautsprechern, ein Satz des Kommentators: „A night to forget.“

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In Dortmund inspiziert das Sicherheitspersonal den Computer des Reporters. „Zeigen Sie mal her, hm, Siemens, also damit kommen Sie eigentlich nicht rein, ich mache noch mal eine Ausnahme, aber das Logo müssen Sie unbedingt überkleben.“ Weniger nachsichtig die Behandlung in Köln, als ein Käsebrötchen ins Stadion geschmuggelt werden soll. Ein Wachmann vereitelt diesen Anschlag auf die Interessen des Fast-Food-Produzenten mit dem großen gelben M. Das Brötchen muss vor dem Passieren des Drehkreuzes vertilgt werden.

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Kottbusser Damm in Berlin, die Häuser sind mit schwarz-rot-goldenen Fahnen beflaggt wie zu einem Staatsbesuch, auch die türkischen Imbissbuden. Auf der Straße fahren sie nach dem Spiel Deutschland gegen Polen Autokorso. Ein schwarzer Mercedes rast vorbei, auf der linken Scheibe klebt die Deutschlandfahne, auf der rechten die rote, türkische. Hupen, Schreien, Knallkörper, von einem Balkon steigen Silvesterraketen auf. Vor der Dönerbude steht ein türkischer Junge. Er trägt weite Jeans und weiße Sneakers und in jeder Hand eine Deutschlandfahne. Er schwingt die Fahnen wie ein Turner seine Bänder. „Deutschland hat gewonnen, Deutschland hat gewonnen!“, brüllt er in die laue Kreuzberger Nacht. Vier Leute gehen vorbei, zwei Frauen und zwei Männer, einer der Männer schiebt ein Fahrrad. Sie unterhalten sich, ruhig. Der türkische Junge pflanzt sich vor ihnen auf. „Deutschland hat gewonnen! Ey, ihr feiert ja gar nicht.“ Er fuchtelt drohend mit seinen Fahnen.

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Gewitter über Münchens WM-Arena, an die Zuschauer werden Regenjacken verteilt. Auf dem Rasen spielen die Elfenbeinküste und Serbien-Montenegro um den unbedeutenden dritten Platz in ihrer Vorrundengruppe. Dann eine Durchsage des Stadionsprechers: „Der Fahrer des Audi mit dem österreichischen Kennzeichen …“ Der Rest geht in Jubel unter. Deutsche Fans singen: „Ösi, wir wissen wo dein Auto steht.“ La Ola.

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Kurz vor dem Anpfiff am Leipziger Zentralstadion: Holländer, Serben und Deutsche suchen noch Eintrittskarten. Viele haben kleine Pappschilder gemalt: „Need ticket“. Nur ein Junge im Deutschland-Trikot will nicht rein. Auf seiner Pappe steht: „Tausche Panini-Bilder.“

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Pressekonferenz in Hannover, hunderte von Journalisten in einem viel zu engen Raum, vorne sitzen die Trainer und an der Seite die Übersetzer, die Fragen und Antworten simultan ins Englische, Spanische oder Deutsche übersetzen. Jetzt ist Oliveira Goncalves dran, der portugiesische Trainer Angolas. Er redet über den Stolz seines Teams, erstmals bei einer WM dabei zu sein, er redet über den ersten Punktgewinn bei einer WM, der großartig sei für das Land und die Menschen, er redet vom beendeten Krieg in Angola und von der Epidemie, die den afrikanischen Staat gerade heimsucht. Die Journalisten werden unruhig, der Fifa-Beauftragte des Spiels guckt Goncalves streng an, aber der redet und redet und hört nicht auf. Dann kommt der Übersetzer aus der Kabine. Goncalves Mikrofon sei leider nicht angeschlossen. „Können Sie die Antwort bitte wiederholen.“

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Es liegt noch Schnee, als die Nachricht zum ersten Mal in der Nachbarschaft die Runde macht: Die errichten eine Fußball-Fan-Arena, genau vor unserer Haustür: „Pop-Kick“! Aber nicht mit uns. Mögen auf der anderen Seite des Treptower Parks Hafenfeste toben oder Bob Dylan – hier herrscht Ruhe, es ist eine eher schöngeistige Straße. Wer ersetzt uns diesen unersetzbaren Juni, ruiniert durch das Geheul der Fans? Die Vögel werden scharenweise tot von den Parkbäumen fallen. Klagen! Demonstrieren! Auswandern! Wir probieren alles. Manche nennen uns radikale Minderheit. Oder Ignoranten. Das kann einem schon in der eigenen Familie passieren. Nun ist „Pop-Kick“ schon zwei Wochen da. Auswandern wollte dann doch keiner. Wir müssen unsere Häuser schützen, meinte ein Nachbar von der radikalen Minderheit. Er lächelt jetzt meist. Ist nämlich gar nicht so laut. Und eigentlich ein ganz schöner Basston, das Geheul der Fans, so in Wellen auf- und abschwellend. Fast wie der Chor der griechischen Tragödie, nicht dieses hektische Vogelgezwitscher. Einmal wurde die Stille drüben vor der Großbildleinwand sogar bedenklich. Da macht man sich Sorgen, da bin ich nachgucken gegangen. Argentinien spielte gegen die Niederlande. Die meisten waren schon schlafen gegangen. Es war die Mittsommernacht.

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Eine Stunde nach Spielschluss. Vor den Stadien bitten manche Menschen immer noch um Tickets. Sie sammeln abgelaufene Eintrittskarten.

Autoren: Sandra Dassler, Kerstin Decker, Sven Goldmann, Torsten Hampel, Robert Ide, Claudia Keller, Jeannette Krauth, Armin Lehmann, Verena Mayer, Helmut Schümann, Norbert Thomma

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