Zeitung Heute : Mensch Mama!

Sie räumt einem hinterher und mischt sich ein, man hat sie lieb, aber sie nervt auch ziemlich. Bloß nicht werden wie meine Mutter, denken viele Töchter. Damit hat auch der Zweite Weltkrieg etwas zu tun. Zum Muttertag eine ungewöhnliche Einsicht.

Claudia Haarmann

Mal ist sie Ungeheuer, mal bemitleidenswertes Altchen, um das wir uns kümmern; mal ist sie zuständig für unsere Wäsche, unsere Gardinen und das Behüten unserer Kinder, dann wieder soll sie uns in Ruhe lassen mit ihrem ständigen: „Hast du auch …?“ Sie – unsere Mutter.

Die Beziehung zu ihr ist oft kompliziert. Besonders dann, wenn wir Töchter sind. Nicht, dass es zwischen Mutter und Sohn immer leicht wäre. Aber Söhne gehen, wenn sie älter werden, weg vom Rock der Mutter. An wohl keinem Sohn nagt der Gedanke: „Nur nicht so werden wie meine Mutter!“ Das ist ein Tochterthema. Für sie ist die Mutter Rollenvorbild. Töchter müssen aus der engen Identifikation heraus ihr eigenes Frausein finden. Das ist nicht einfach, gerade weil sich Mutter und Tochter in ihren Grundthemen so verwandt sind. Es geht um die Frage: Was macht mich als Frau aus?

Die Mutter-Tochter-Beziehung ist oft bewegt von Schuldzuweisungen, heftigen Emotionen und sehnsüchtigen Erwartungen. Und die wenigsten Töchter haben Hoffnung auf Besserung. Da gibt es Abonnements für die beliebten Mutter- Tochter-Dramen „Warum kann sie nicht …!“ oder: „Wie konnte sie mir das antun?“; da schwelen Wut und Ablehnung; manche Töchter reden so überheblich und verachtend über ihre Mutter wie über keinen anderen Menschen. „Sie hasst mich … ich hasse sie … meine Mutter ist ein Monster“, sagte eine 40-jährige Frau, die ich interviewte.

Andere erleben ihre Mutter als fremd, kühl und distanziert. Es gibt Frauen, die nicht in der Lage sind, ihre Mutter körperlich zu berühren. Der Gegenpol hierzu ist engstes Beieinandersein – „Wir sind wie Freundinnen, telefonieren jeden Tag und erzählen uns alles“. Diese große Nähe kann wiederum in das Gefühl umschlagen: „Sie krallt, und ich komme nicht los.“

Die meisten Töchter verstehen es wunderbar, auf der Klaviatur der Vorwürfe zu spielen. Erst wenn sie selber Mütter geworden sind, beginnen sie manchmal, die eigene Mutter zu verstehen. Spüren den Konflikt: lieben ihr Kind über alles und wollen nichts mehr, als dass es ihm gut geht – und nehmen gleichzeitig ihre Begrenzung wahr. Sind gestresst, überfordert, rasten bei Anlässen aus, die sie nie für möglich gehalten hätten, wollen ihre Ruhe oder fühlen sich eingeengt.

Und ihre Mütter? Natürlich spüren auch sie, dass etwas nicht stimmt. Sie kennen das Gefühl von Mangel und Fehlerhaftigkeit. Jede Mutter hat immer nur das Beste gewollt. Aber es gab und gibt etwas in ihr, das dieses Beste unmöglich macht, etwas, was sie hindert.

Was kann dieses „Etwas“ sein?

Entscheidend für die Fähigkeit einer Mutter, ihr Kind vorbehaltlos zu lieben, ist, welche Beziehungserfahrungen sie selber mitbringt. Was kann sie als Folge davon weitergeben und was nicht? Wie viel oder wie wenig Nähe und Zugewandtheit hat sie selber als Kind erlebt? Denn sie kann nur geben, was sie selber kennt.

Jede Biografie beginnt im Bauch der eigenen Mutter: Was hat unsere Mutter mit ihrer Mutter erlebt? Welche Erfahrungen hat sie gemacht? Wie ist als Folge davon ihr Verständnis von Liebe und damit auch von Bindung? Je belasteter die Mutter ist, desto schwieriger wird es für sie sein, Gefühle den Kindern gegenüber auszudrücken. Und weil wir Töchter so mit ihr identifiziert sind, sind wir ihrer Gefühlswelt ganz besonders nah.

Bindungsthemen neigen dazu, sich über Generationen hinweg fortzupflanzen. Der transgenerationale Aspekt ist ein Schlüssel, um zu verstehen, was die Liebesfähigkeit verstören kann. Wenn die Generation der Großmutter sich schwer damit getan hat, ihre Liebe und Zuneigung auszudrücken, wird ihre Tochter davon massiv betroffen sein. Schauen wir nur auf die Erziehungswerte, die früher galten. Unsere Groß- und Urgroßmütter haben ihre Kinder mit Härte und Strenge erzogen. Es galt: „Eins hinter die Löffel hat noch keinem geschadet … schreien lassen … fürs Leben stählen, damit man überlebenstauglich wird.“ Liebesfeindliche Erziehungswerte also, die Mütter emotional von ihren Kindern entfernen. Hat die Mutter selber wenig an Zuwendung bekommen, wird sie es schwer damit haben, ihrem Kind zu geben, was es braucht.

Die schwerwiegendste generationsübergreifende Tragödie ist der Krieg. Der Zweite Weltkrieg hat die meisten Menschen in einen Ausnahmezustand versetzt. Wir wissen heute, dass 70 Prozent der Menschen, die den Krieg erlebt haben, mehr oder weniger bis heute an den Belastungen tragen – selbst wenn sie damals noch Kinder waren. Sie haben Tod, Verlust und Bedrohung erlebt. Für Gefühle war kein Raum. Und: Hätten sie die Massivität dieser Not wirklich gefühlt, hätten sie die teilweise katastrophalen Lebensumstände an sich herangelassen, dann wären sie von Angst und Schmerz wohl überrollt worden. Die Generationen vor uns lebten in einem Zustand des Augen-zu-und-durch, um ihr Überleben und damit auch unser Leben zu sichern. Die meisten von ihnen haben es verstanden zu funktionieren. Sie haben gearbeitet, aufgebaut und die Kinder großgezogen. Aber das Funktionieren hat einen Preis gehabt. Es kostet Lebendigkeit, ein Leben, in dem man berührbar ist, in dem Gefühle und Verletzbarkeiten da sein dürfen, in dem die Grundsehnsucht nach Liebe, Nähe und Zugehörigkeit gelebt werden darf. Die Folgen sind bis heute spürbar.

Zurzeit wird über Kinderkrippen debattiert: „Wie viel Mutter braucht das Kind?“ heißt es beispielsweise im „Spiegel“. Da werden Wissenschaftler zitiert, um zu klären: Braucht das Kind in den ersten drei Jahren die Bindung zu festen Bezugspersonen oder nicht? Diese Frage führt in die Irre. Der Begriff Bindung klingt in diesen Streitgesprächen so, als handele es sich dabei um ein pädagogisches Regelwerk, das jeder vernünftige Mensch beherrscht. Die eigentliche Frage lautet nicht: Wie viel Mutter braucht ein Kind, sondern: Was braucht es von ihr? Und: Was ist das Wesen von Bindung? Es ist ein Wort, das in den Debatten fehlt. Das heißt: Liebe.

Die Liebesfähigkeit ist vielleicht die fragilste Angelegenheit der Welt. Sie ist ausgesprochen störanfällig. Eltern, Mütter bringen sie eben nicht naturgegebenermaßen mit. Bindungsfähigkeit ist keine genetische Anlage. Sie wird erworben. Die Neurobiologie sagt uns deutlich, dass sich unser Hirn und damit unser Denken, Fühlen und Handeln in erster Linie im Dialog mit den Bezugspersonen entwickelt. Unsere Fähigkeit, uns auf Menschen zu beziehen, entwickelt sich über die gelebten Beziehungserfahrungen.

Auf diesem Weg können längst überkommene Werte und Verhaltensweisen ihren Weg in unser Leben finden. Aber das ist nicht das einzige Echo der Vergangenheit.

Es gibt noch etwas anderes, das die Beziehungsfähigkeit nachhaltig beschädigt: menschliche Tragödien wie der Tod eines Kindes, materielle Not, Missbrauch, der frühe Tod von Vater oder Mutter, Scheidung, Selbstmord in der Familie, Gewalt, tragische Unfälle, Alkoholkrankheit. Das sind Erschütterungen, die massive Auswirkungen auf die Beziehungen in der Familie haben. Die meisten Menschen reagieren auf den Schmerz eben nicht, indem sie Trost bei anderen suchen. Sondern meist ziehen sie sich zurück in die Isolation. Die Folge: Das Beziehungsgeflecht bekommt einen Knacks. An die Stelle von Gemeinsamkeit rückt Trennung, Hilflosigkeit, Schwermut oder Fassungslosigkeit. Solche Ereignisse verstellen die Nähe zu anderen wie eine Sorgenwand und absorbieren die Gefühlswelt des Menschen. Sie wirken destabilisierend, machen häufig sprachlos, die Betroffenen ziehen sich in sich zurück. Man will die Kinder nicht belasten, ist dennoch im Kummer gefangen. Das bewirkt Distanz und schwächt das Beziehungsband. Dieses Absorbiertsein von nicht ausgedrückter Not, von nicht geäußertem Schmerz ist das „Etwas“, das die Nähe so schwierig macht.

„Wenn man meine Mutter ansprach“, sagt eine 48-Jährige im Interview, „reagierte sie zwar, aber da war eine Unbeteiligtheit spürbar. Irgendwie war sie nicht ganz da, in ihren Gedanken wie weggetragen. Es fühlt sich so an, als habe ich nur äußerlich Zuwendung bekommen. Dieses Versorgt-Werden, Putzen, Kochen, immer proper und gut ernährt; aber es hat sich innerlich nicht wie Zuwendung angefühlt.“

Was kann man tun, um der endlosen Schleife der Klagen und Vorwürfe zu entkommen? Töchter können viel dazu sagen, was sie in ihrer Beziehung zur Mutter nicht wollen. Nur was wollen sie?

Wie auch immer die Gefühle zwischen Mutter und Tochter aussehen, beide Frauen sind zutiefst verbunden, wissen oft aber nicht, wie sie ihrer Verbindung eine Form geben können, die beiden guttut und gleichzeitig Freiheit zulässt.

Aber wie kommen wir dahin? Sollen Kinder, Töchter, um des lieben Friedens willen Schmerz und Wut herunterschlucken? Nichts Heikles aussprechen? Wenn wir die über Generationen wirkenden Zusammenhänge wahrnehmen, geht es weder um süßliche Harmonie noch um Schuld oder Anklage. Es geht um das Anerkennen der Realität. Es geht darum, ohne Vorwurf zu fragen: Was hat bei meiner Mutter die Zugewandtheit und tragende Nähe geschmälert oder unmöglich gemacht? Wenn wir uns in ihre Schuhe stellen, wenn wir sie mit ihrer ganzen Biografie wahrnehmen, wird es uns vielleicht möglich sein, sie mit allen Widersprüchen anzunehmen. Dann rückt in den Vordergrund, was sie hat so werden lassen, wie sie ist. Das scheint mir ein Weg, die Verstrickung zu lösen.

Die Autorin ist Psychotherapeutin. In Kürze erscheint ihr Buch „Mütter sind auch Menschen“ (Orlanda Verlag Berlin)

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