Zeitung Heute : Mensch Markus

Der Tagesspiegel

Von Joachim Huber

Der neue ZDF-Intendant heißt Markus Schächter. Nach insgesamt drei Wahlterminen und fünf Wahlgängen erhielt der Programmdirektor am Sonnabend die erforderliche Drei-Fünftel-Mehrheit. 51 Räte stimmten für ihn, zehn dagegen, fünf Gremienmitglieder enthielten sich, eine Stimme war ungültig. Im vierten Wahlgang war ARD-Programmchef Günter Struve gescheitert. Struve war Kandidat des SPD-Freundeskreises im Fernsehrat. Sein Ergebnis: 33 Ja-, 34 Nein-Stimmen, zwei Enthaltungen. Markus Schächter gilt als unionsnah. Er war Kandidat für die Nachfolge Dieter Stoltes seit dem 27. September 2001, als die so genannte Findungskommission von SPD und Union den 52-jährigen Pfälzer mit auf die Liste setzte.

Der Wahl Schächters ging ein quälend langes Intendanten-Suchspiel voraus, an dessen Ende der Konsenskandidat Schächter stand. Ein ums andre Mal hatten die Freundeskreise von Sozialdemokratie und Union sich gegenseitig blockiert, war ihnen die Parteipolitik wichtiger als die Verständigung auf einen gemeinsamen Namen. Diese Verständigung war notwendig, weil keine Gruppierung über die Mehrheit der 47 Stimmen verfügt. Ist Markus Schächter ein ZDF-Intendant, den die Kombattanten aus Erschöpfung oder aus Überzeugung zum Anstaltschef gewählt haben? Beides stimmt. Da war die Furcht, nach monatelangem Hin und Her und wenige Tage vor Stoltes Abschied ohne Nachfolger dazustehen. Manfred von Richthofen, der als Präsident des Deutschen Sportbundes im ZDF-Fernsehrat einsitzt, hatte nach der gescheiterten Wahl von Günter Struve gesagt: „Man kann ja kaum noch sagen, dass man dem Fernsehrat angehört. Dann sagen die Leute: ,Ach, Sie gehören auch zu diesem Deppenverein.’“

Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU), stellvertretender Vorsitzender im ZDF-Verwaltungsrat, sagte, nachdem die Kandidaten von außerhalb keine Mehrheit gefunden hätten, „sind wir zum Schluss auf den Gedanken gekommen, jemanden vorzuschlagen, der das ZDF gut kennt“. Über die Nachfolge Schächters als Programmdirektor ist laut Vogel noch nicht entschieden. Die CDU habe aber ein Vorschlagsrecht. Damit ist auch klar: Die Parteien werden selbst unter dem Eindruck des beschämenden Wahl-Procederes ihre Eingriffe in Europas größten Fernsehsender nicht aufgeben. Es bedarf keiner mutigen Prophezeiung, dass die Union und die SPD auf allen ZDF-Leitungsebenen ihre Einflusssphären behaupten wollen.

Also Markus Schächter, geboren am 31. Oktober 1949 in Hauenstein/Pfalz. Ein intimer Kenner des Senders, der heimliche Favorit der Mitarbeiter. Schächter ist seit mehr als 20 Jahren bei dem Sender, seit 1998 ist er Programmchef. Er machte dort 1981 als Referent in der Programmdirektion schnell Karriere und übernahm drei Jahre später die Leitung der Redaktion „Kultur und Gesellschaft“. Vor seinem Eintritt ins ZDF war Schächter, der verheiratet und Vater dreier Kinder ist, Pressesprecher im Mainzer Kultusministerium. Damals regierte in Rheinland-Pfalz noch Bernhard Vogel (CDU), damals wie heute ein „Ansager“ auf dem Lerchenberg.

Markus Schächter hat in den vergangenen Jahren versucht, das Programm des ZDF mit neuen Show-Formaten zu modernisieren und vor allem auch für jüngere Zuschauer attraktiver zu machen. Bisher mit durchwachsenem Erfolg – die ZDF-Unterhaltung lebt weiter vor allem vom Dauerbrenner „Wetten, dass . . .?“. Schächter hat sich aber vorgenommen, die „demografische Schieflage des ZDF zu reparieren“. In einem Interview beklagte er vor kurzem, dass das ZDF im Gegensatz zur ARD mit ihren Dritten Programmen und den Privatsendern von Kirch und Bertelsmann „als Einkanalsender der einzige Wettbewerber ohne Senderfamilie“ sei.

Markus Schächter wird am 15. März die Nachfolge des 67-jährigen Dieter Stolte antreten, der am 14. März das ZDF nach 20 Jahren an der Senderspitze verlassen wird. Stolte war am Sonnabend fern von Mainz in Urlaub, ein Hinweis darauf, dass der Pflichtversessene mit den Usancen der Wahl mehr als unzufrieden war. Stolte wird vom 1. April an als Herausgeber der Springer-Blätter „Die Welt“ und „Berliner Morgenpost“ arbeiten.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar