Zeitung Heute : Mensch und Mouse: Der Neffe als das unbekannte Wesen

Arno Rolf

Haben Sie auch so einen Neffen oder gar Sohn, der mit dem Computer umgehen kann, wie einst Beckenbauer mit dem runden Leder? Ein Segen, weil sie gleich, wenn ihr häuslicher PC abstürzt oder ein unerwartetes "Feature" anzeigt, diese jungen Jongleure fragen können.

Mein Bruder hat so einen Sohn, mein Neffe also. Mein Bruder meint, dass das für ihn immer merkwürdig unbefriedigende Gespräche sind. Zumeist hat sein Sohn im Handumdrehen den Fehler entdeckt, macht einige schnelle Klicks mit der Maus, die mein Bruder in dieser Eile nicht nachvollziehen kann. Mein Neffe streut dann einige englische Fachwörter ein und meint, man könne mit einem ganz einfachen Trick verhindern, dass der Fehler in Zukunft noch einmal auftrete.

Jeder, der schon einmal in einer solchen Situation war, wird verstehen können, dass mein Bruder dann brummig wird und denkt, sein Filius könne sich auch etwas mehr Mühe geben und sich verständlicher ausdrücken. Ich vermute, der denkt dann eher: der Alte schnallt das dahinter stehende System aus Hard- und Software ja doch nicht, egal wie ausführlich und langsam es ihm erklärt wird.

Irgendwann hat sein Sohn ihn mal direkt gefragt, weshalb sich die Elterngeneration mit Computer und Internet so schwer tut. Die These meines Neffen ist, dass unsere Generation dauernd Angst hat, wenn etwas nicht "vorschriftsmäßig" funktioniert und, dass etwas ein für alle mal kaputt geht. Irgendwie merkt man uns anscheinend an, dass wir in der Mechanik-Zeit aufgewachsen sind, wo noch Metall aufeinander rieb und sichtbare Kräfte aufeinander einwirkten und man durch eine falsche Bedienung etwas endgültig zerstören konnte.

Mein Neffe hat diese Befürchtung nicht. Anders als sein Vater, der für jedes unvor-hergesehene Computerereignis die volle Verantwortung übernimmt, ist sein Sohn erst einmal sauer auf den idiotischen Programmierer der Software. Wo mein Bruder in Demut vor der Technik aussteigt, hält er es mit der Strategie Versuch und Irrtum: irgendwie wird es schon einen Pfad geben, die Sache zu stemmen. Und wenn dann tatsächlich mal etwas kaputt geht, kann man es doch neu kaufen, es kostet doch nicht die Welt.

Zuweilen denkt er, so glaube ich, die Alten passen nicht mehr in dieses Konzept. Wir Jungen leben in einer anderen Kultur, sie stören mit ihren Prinzipien des unflexiblen Hinterfragens und Abarbeitens.

Mein Bruder hat mir einmal eingestanden, dass er sich vor meinem Sohn geniert, wenn er nicht mehr weiter weiß. Er spürt seine Ungeduld und manchmal hat er auch wohl schon einen hochgezogenen Mundwinkel bei seinem Filius bemerkt. Dann und wann scheint der sein Überlegenheitsgefühl gegenüber seinem Vater auch wohl etwas auszukosten.

Mein Bruder steht auf dem Standpunkt, der Computer muss wie ein Werkzeug sein, er muss die tägliche Arbeit erleichtern, aber es darf nicht so sein, dass man auch noch technische Probleme mitbedenken muss. Sein Sohn meint dann, etwas mehr Geduld und Zeit könne der Vater schon inves-tieren. Und schließlich solle auch die ältere Generation noch soviel Elan und Selbstbewusstsein aufbringen, zu erkunden, wie beispielsweise das Internet für ihren Alltag und Beruf eine Bereicherung werden könne.

Dies alles ist für meinen Bruder ein ziemlich abrupter Rollentausch: Vor einiger Zeit war es noch umgekehrt, da konnte er seinem Sohn mit seiner Lebenserfahrung erklären, wie sich die Welt dreht. Es ist ja nicht nur so, dass es ein kleines abgeschlossenes Gebiet ist, wo unsere Generation die Erklärungshoheit an unsere Kinder abgegeben hat. Computer und Internet wachsen wie Efeu in alle Bereiche hinein und verändern die Gesellschaft grundlegend. Unserer Generation sind die Haltepunkte abhanden gekommen, wir müssen zuviel glauben, was Politiker, Medien und unsere Kinder für uns deuten. Das verunsichert.

Mein Neffe sieht das alles unverkrampfter: man kann nicht alles im Griff haben, die Überraschungen machen doch das Leben erst interessant. Hauptsache, es ergeben sich neue Chancen für seine Generation, die sind doch für seine Generation da.

In solchen Augenblicken fragt sich mein Bruder, ob das damals mit uns und unserem Vater ähnlich war? Gab es auch diese Trennung zwischen den Generationen? Gab es vergleichbare technische Entwicklungen, die so auf Jugend setzten und den Alltag so gründlich umkrempelten? Vielleicht waren es damals Kernenergie und Brokdorf, an denen sich der Generationenkonflikt entzündete. Er wurde aber sehr politisch ausgetragen. Politisch gibt es keine Differenzen zwischen seinem Sohn und ihm, aber auch kaum Gespräche.

Ich erinnere mich, dass mein Vater wohl älter war, als er den Stab an uns übergab. Manchmal habe ich den Eindruck, dass uns unsere Kinder mit der Informationsgesellschaft im Rücken etwas zu früh aufs Altenteil schicken wollen. Aber irgendeine Anstrengung müssen wir wohl noch selber erbringen, damit wir das verhindern.

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