Zeitung Heute : Menschen am Ende

Erst Hoffnung, dann Entsetzen: Kinder kamen frei, doch dann feuerten die Terroristen, einige flohen, und schließlich werden mehr als 200 Tote gezählt

Elke Windisch[Moskau]

Bis zum Nachmittag konnten die Menschen in Russland noch hoffen, der Nervenkrieg in Beslan habe ein glimpfliches Ende genommen. Zwar war in der beschaulichen Kleinstadt plötzlich der Krieg ausgebrochen, Schüsse und Granatfeuer waren zu hören – doch in den offiziellen Berichten hieß es, es habe nicht mehr als ein Dutzend Tote gegeben. Die Lage sei unter Kontrolle.

Am späten Nachmittag dann gelangt ein Reporter des britischen Fernsehsenders ITV in die Schule und spricht von „vielen Leichen“, die dort auf dem Boden herumlägen. Bis zu 100 könnten es sein, und es sehe so aus, als seien in der Halle von den Geiselnehmern gelegte Sprengsätze explodiert. Wenig später zieht auch die russische Nachrichtenagentur Interfax nach. „Mehrere Dutzend Tote“ seien in der Schule, sie seien durch den Einsturz des Schuldaches ums Leben gekommen, heißt es hier. Noch immer sind Schüsse zu hören, ein Soldat und ein Kameramann seien ganz in seiner Nähe von Kugeln getroffen worden, berichtet der ITV-Reporter über Telefon. Am Abend heißt es dann, noch immer seien Geiseln in der Hand der Terroristen, sie hätten sich mit Kindern im Keller der Schule verschanzt. Aus den Gesundheitsbehörden verlautet, es habe mehr als 200 Tote gegeben. Später erscheinen die Bilder von den toten Kindern im Leichenschauhaus des Krankenhauses. Kleine Körper, blutüberströmt und halb nackt, liegen am Boden. Die Lage gerät außer Kontrolle. Das russische Fernsehen zeigt, wie Zivilisten zwischen den Spezialeinheiten des Militärs hinduchlaufen, es gibt keine Absperrung. Vor einem Krankenhaus in der Nähe der Schule stürmt die aufgebrachte Menge die ankommenden Krankenwagen, um nachzusehen, ob Angehörige darin sind.

Zumindest für einige Kinder, von bis zu 30 ist die Rede, endete das Geiseldrama am Mittag. Ein kleines Mädchen, vielleicht zehn Jahre alt, gehört zu den ersten Kindern, die von Rettungsmannschaften des Ministeriums für Katastrophenschutz aus der Schule in Nordossetien getragen werden. Die hellblauen Augen vor Angst weit aufgerissen, auf den Wangen braune Flecken, offenbar Brandwunden. Fest klammert sich die Kleine an die Schultern des Sanitäters. Auch sie halb nackt, wie fast alle ihre Leidensgefährten.

Dann fahren mit Blaulicht und Sirene Ambulanzen vor. Auf Tragen werden weitere Opfer in die Autos geschoben oder in einem Feldlazarett behandelt, das in aller Eile hinter Schützenpanzern errichtet wurde. Manche zeigen keine Anzeichen von Leben, Arme und Beine hängen herab, die Köpfe sind teilnahmslos zur Seite gedreht. Im Hintergrund steigen Rauchwolken auf. Andere Kinder können noch selbst aus dem Gebäude fliehen, gierig greifen sie nach den Wasserflaschen, die ihnen die Sanitäter hinhalten. Einige der Kinder wurden offenbar verwundet, sie bluten oder tragen Bandagen. Frauen torkeln aus der Schule, die sich kaum mehr auf den Beinen halten können und dann auf dem Rasen vor dem Gebäude kollabieren. Schüsse sind zu hören, einmal fliegt sogar eine Kugel mitten durch das Bild des Staatssenders RTR. Margarita Simonjan, Putins bevorzugte Journalistin, die als Reporterin live vom Ort der Katastrophe berichtet, duckt sich kurz und ordnet dann die sorgfältig geföhnten Haare.

Es ist halb drei Uhr nachmittags, und das Geiseldrama in Nordossetien scheint auf ein Ende zuzusteuern. Auf welches und mit wie vielen Opfern ist da noch nicht abzusehen. Die Ereignisse hatten sich in der Stunde zuvor überschlagen.

Es ist kurz vor 14 Uhr Ortszeit, als die Terroristen den Rettungsmannschaften per Sprechfunk gestatten, Leichen zu bergen. Offenbar Opfer einer internen Auseinandersetzung zwischen den Terroristen: Kurz zuvor nämlich wurde die Schule von zwei heftigen Explosionen erschüttert, ausgelöst wahrscheinlich durch Panzerfäuste. Warum, ist bisher unklar. Es gibt auch Gerüchte, zweien der Selbstmordattentäterinnen seien die Nerven durchgegangen, und sie hätten die an ihren Gürteln befestigten Sprengsätze gezündet. Dann heißt es, ein Teil der Geiselnehmer sei fest entschlossen, das Angebot der Sicherheitskräfte auf freien Abzug Richtung Inguschetien anzunehmen, der Rest strikt dagegen.

Differenzen, die nach Berichten von Reportern, schon am Nachmittag zuvor ausgebrochen sein sollen. Gleich nachdem Ruslan Auschew, der ehemalige Präsident der Nachbarrepublik Inguschetien – in der Region nach wie vor eine unangefochtene Autorität mit guten Kontakten zu den tschetschenischen Separatisten – bei Verhandlungen die Freilassung von 26 Geiseln durchdrücken konnte. Eine der befreiten Frauen, Mutter eines anderthalbjährigen Kindes, kehrte jedoch wieder in die Schule zurück. Freiwillig, weil ihr zweites Kind noch dort war.

Die Druckwelle der Explosion nach dem Handgemenge der Terroristen beschädigt auch das Dach der Schule, das in Teilen einstürzt. Herabfallende Brocken treffen die Katastrophenschützer, die von den Geiselnehmern mit vorgehaltener Pistole empfangen werden.

Der radikale Teil ist gegen die Bergung der Leichen und schießt nun, was die Kalaschnikows hergeben: Auf die Rettungsmannschaften, auf die Kinder, die versuchen in größeren Gruppen zu fliehen, auf ihre Kumpane, die sich jetzt ebenfalls absetzen und auf die Anti-Terror-Einheiten, die die Gunst der Stunde nutzen und hinter den Rettungsmannschaften in die Schule drängen. Eine Einheit der Spezialkräfte sprengt ein Loch in die Außenwand der Schule, um den Geiseln die Flucht zu erleichtern. Handverlesene Elitesoldaten, kampferprobt in zahllosen Konflikten, die meisten mit Tschetschenienerfahrung. In den Klassenzimmern, auf den Korridoren und in der Turnhalle entbrennt ein Nahkampf: Mann gegen Mann. Was sich genau in der Schule abspielt, kann die Nation, die gebannt vor den Fernsehern sitzt, nur ahnen. Zehn Minuten nach zwei Uhr mittags, ebbt der Schusswechsel, der kurz zuvor noch einmal mit aller Kraft aufflammte, allmählich ab. „Sondereinheiten des Innenministeriums und der Geheimdienste haben den größten Teil des Gebäudes offenbar unter ihre Kontrolle gebracht“, verkündet der Staatssender RTR. Doch die Feuerpause dauert nur wenige Minuten.

Während in dem aus Moskau eingeflogenen mobilen Feldlazarett mit insgesamt vier Operationssälen die ersten Verletzten behandelt werden, fährt ein weißer Lautsprecherwagen durch die Straßen von Beslan mit seinen 35000 Einwohnern. Einige der Terroristen, hallt es durch die Stadt, hätten das Chaos genutzt, um Tarnkleidung oder den schwarzen Tschador, den Ganzkörperschleier, mit bürgerlicher Kleidung zu vertauschen, die sie offenbar den Geiseln abgenommen haben, und seien geflohen. Nicht auszuschließen sei, dass sie weitere Anschläge in der Stadt und in der näheren Umgebung planen. Besonders gewarnt wird vor zwei Frauen in nunmehr weißer Kleidung, die sich womöglich in das nahe gelegene Kulturhaus geflüchtet haben. Eben dorthin verlagert sich dann auch der Schusswechsel.

Politiker und Medien versuchen unterdessen, die Verluste zu schätzen. Denn genaue Angaben kann in diesem Durcheinander niemand machen. Der regierungsnahe erste Fernsehkanal, der eine Sondersendung ausstrahlt – die erste seit Beginn des Geiseldramas am Mittwoch – behauptet da noch, die Mehrzahl der Kinder sei gerettet worden. Ohnehin nur ein schwacher Trost, denn noch steht nicht einmal fest, wie viele Kinder in der Schule waren. Und wie viele Väter, Mütter und Großmütter sie, wie hier üblich, am ersten Schultag begleitet hatten. Die am Donnerstag freigelassenen Geiseln sprachen von bis zu 1500 Menschen in der Turnhalle der Schule.

Die russische Öffentlichkeit, die in den letzten Tagen immer neue Anschläge in ihrem Land mit Dutzenden Toten erleben musste, ist vom Geiseldrama in Beslan besonders ergriffen. Kinder als Geiseln, das ist eine nie dagewesene Situation. Die Wut der Russen wächst mit jeder Sekunde. „Unser Führer“ – das Wort hat in Russland keinen negativen Beiklang – „redet nicht mehr mit uns“, kommentiert Sergej Dorenko im Radio. Dorenko war einst Talkmaster beim staatsnahen ersten Programm und Verehrer Putins. „Was Putin zu dem Drama zu sagen hat, sagte er nicht uns, sondern einem Fremden“, meint der Journalist, der vor einiger Zeit die Seite gewechselt hat und in die KP eingetreten ist. Putin hatte am Donnerstag König Abdullah II. von Jordanien empfangen.

Aber der Präsdient weiß, dass der Überfall auf die Schule im nordossetischen Beslan das zerbrechliche Gleichgewicht in der Vielvölkerregion Nordkaukasus zu zerstören droht. Vermutlich sind viele der Geiselnehmer muslimische Inguschen, die Nachbarn des christlich geprägten Nordossetien. Eine Geisel soll nach der Freilassung gesagt haben, die Terroristen sprächen untereinander nur Inguschetisch. Der FSB hingegen sagt offiziell, unter den getöteten Extremisten seien zehn arabische Söldner. Die Schule könnte bewusst als Ziel ausgewählt worden sein, denn sie liegt gegenüber einer Polizeistation, in der inguschetische Rebellen in Haft sitzen. Diese Rebellen hatten im Juni in Inguschetien moskautreue Regierungsmitglieder getötet. Der tschetschenische Dauerkonflikt hat das benachbarte Inguschetien und mit dem Geiseldrama in Beslan auch Nordossetien erreicht.

Wie die Nordosseten nun auf das Morden in ihrer Heimat reagieren werden, wird sich in den nächsten Tagen zeigen. Nach dem kaukasischen Gewohnheitsrecht, dem Adat, ist jedes Familienmitglied gezwungen, für getötete Angehörige Blutrache zu nehmen. Von Beslan sind es nur wenige Kilometer zur inguschischen Grenze. Und viele Kaukasier haben daheim eine Waffe im Schrank.

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