Zeitung Heute : Menschen am Gitter

Sie stammten aus Afghanistan, wollten nach England und scheiterten in Frankreich. Vor einem Jahr wälzten Bulldozer das Flüchtlingslager in Calais platt – doch geändert hat das nichts. Wieder verstecken sich Hunderte vor der Polizei, getragen von der Hoffnung auf die große Überfahrt

Tobias Müller[Calais]

Wo das Meer ist, da ist ein Zaun. Und sollte es dort eine Fähre geben, sind die Zäune umso höher. Wenn Janmohamad in Europa eins gelernt hat, ist es dies. Am Anfang waren es die Zäune der Ägäis, als er bei Nacht auf einem überfüllten Nussschalenboot von der Türkei aus Griechenland erreichte. Ob Samos, Chios oder Lesbos, weiß er nicht mehr. Für Touristen mag das einen Unterschied machen. Für einen afghanischen Flüchtling ist die Insel nur ein Sprungbrett. Genau wie alle Orte danach.

Noch mehr Zäune waren in Patras am Ionischen Meer, wo Janmohamad, ein hagerer 22-Jähriger, Griechenland als blinder Passagier wieder verließ. Die Zäune Italiens sah er nur von unten, als der Lkw, auf dessen Achse er sich versteckt hielt, vom Hafengelände fuhr. Dafür läuft er jetzt schon seit Wochen an Wänden von Zäunen vorbei. Jeden Tag, auf dem Weg zur Essensausgabe in der Stadt und zurück. Und nachts, auf der Suche nach einer Fähre, sowieso. Es sind die letzten auf seinem Weg von Kabul an die französische Kanalküste, der ihn vier Monate gekostet hat. Und auch die, die am schwersten von allen zu überwinden sind. Die Zäune von Calais.

Einen ganzen Kilometer ziehen sie sich von der Autobahn zum Hafen hinunter. Anfangs, vor dem ersten Kontrollpunkt, sind sie zweieinhalb Meter hoch. Nach dem dritten, wenn es auf die Fähre geht, vier. Dahinter liegen die Spuren für Pkw, ebenfalls getrennt durch eine Zaunreihe. Erst nach einer weiteren Absperrung folgt der Lkw-Bereich. Früher versuchten die Flüchtlinge, über die Zäune zu klettern und dann in irgendeine Heckklappe einer Fähre zu schlüpfen.

Heute sind die Zäune videoüberwacht und elektrisch. Darüber prangen dreifache Stacheldrahtrollen. Wem es trotzdem gelingt, sie zu überwinden, sieht sich erst einmal der Patrouille gegenüber, Securitymännern und Hunden. Von einem blendenden Weiß sind sie, diese Zaunreihen. Auch die Industrieanlagen auf der anderen Straßenseite liegen hinter einer mit Natodraht überzogenen Gitterwand. Die Summe der Zäune ist ein Tunnel. Nachts, im grellen Schein der Laternen, ist die Szenerie gespenstisch. Die Abendsonne nimmt ihr ein wenig von der martialischen Ausstrahlung. Aber sie nimmt nichts von der Ahnung, dass Absperrgitter keine Antwort auf Migrationsprobleme sind. Vor einem Jahr ließ die französische Regierung die Flüchtlingslager von Calais von Bulldozern niederwalzen, in diesem Herbst schiebt sie Roma ab, doch die Flüchtlinge sind wieder in Calais – wie auch die Roma zurückkehren.

Der kleine Treck, der sich zwischen den Zäunen stadtauswärts bewegt, hat kaum einen Blick dafür. Die Kulisse gehört zum Alltag der zehn Männer mit pechschwarzem Haar, alle in den Zwanzigern, gekleidet in Trainingsjacken, Kapuzenpullis und Jeans – was die Klamottenkiste einer katholischen Hilfsorganisation so hergab. In den Händen tragen sie weiße Plastiktüten. Darin sind Baguettehälften, Wasserflaschen, Bananen und hartgekochte Eier, die Freiwillige verteilten. Es ist die einzige Unterstützung. Wer keinen Asylantrag stellt, hat kein Recht auf staatliche Hilfe.

Janmohamad und die anderen haben alle ein Schreiben der Präfektur in der Tasche. Binnen 48 Stunden müssen sie Frankreich eigentlich verlassen. Nur zu gerne würden sie das tun – doch für die, die von hier unerkannt den Kanal überqueren wollen, ist es in Calais immer schwieriger geworden. Im Sommer campierten sie in den Dünen hinter dem Hafengebiet. Von dort konnten sie bei klarer Sicht die weißen Felsen von Dover über die Meerenge leuchten sehen. UK. In ihren Augen steht Erwartung, wenn sie diese Buchstaben aussprechen. UK, das ist eine Verheißung: Asyl, so hörten sie, gebe es dort leichter als in anderen Ländern und reichlich Schwarzarbeit und wenig Kontrollen. Alle können zumindest ein paar Brocken Englisch, einige haben Freunde in London, Manchester oder Birmingham.

Was er denkt, wenn er die Autos auf die Fähre fahren sieht? Janmohamad dreht sich im Gehen um. Ein überraschter Ausdruck liegt auf dem glatten, schmalen Gesicht: „Warum sind wir es nicht, die dort einfach so einchecken können?“ Doch schnell zuckt er mit den Schultern. Wichtiger als die Antwort sind die kommende Nacht und die Mahlzeit, die davor liegt. Die erste des Tages, denn es ist Ramadan. Darum halten die Männer die Augen auf, als sie auf einen Trampelpfad unterhalb des Autobahnzubringers einbiegen. Wenn jetzt ein weißer Bus auftaucht, auf dem CRS steht, haben sie ein Problem: Schon öfter nahmen ihnen die Compagnies Républicaines de Sécurité, eine Spezialeinheit der Polizei, auf dem Weg zurück zum Versteck die Essensvorräte ab.

Wo der Trampelpfad endet, gehen die Männer auf einem stillgelegten Eisenbahngleis weiter. Am Ende des letzten Winters bewohnten sie hier ein paar ausrangierte Waggons. Doch als die Polizei immer häufiger kam, zogen sie weiter. Lange bleibt ein Schlafplatz nicht geheim in Calais. Die Steine zwischen den Schienen drücken durch die Schuhsohlen. Janmohamad, der zu Hause in Kabul Anstreicher war, hält die Tüte in der rechten Hand. Links trägt er einen Verband. Eine halbe Stunde dauert der Weg von Calais hier heraus, drei Kilometer vielleicht, wenn nicht zwischendurch die CRS auftauchen und sie für ein paar Stunden in die Zelle stecken.

Nach einer Nacht lässt man sie meist wieder laufen. Abschiebehaft kostet den Staat Geld, nach Afghanistan wird ohnehin in der Regel niemand zurückgebracht, eher schon in Länder wie Italien oder Griechenland, in denen die meisten Flüchtlinge erstmals die EU betreten. Wer dort seine Fingerabdrücke gelassen hat, verliert nach dem Dublin-II-Abkommen jeglichen Anspruch auf Asyl im Rest Europas. Da mit den Abdrücken aber auch die Zuständigkeit geregelt ist, sind Rom und Athen wenig interessiert daran, die Vorgaben flächendeckend umzusetzen. So landen diese Flüchtlinge in einer Grauzone: Jeder will sie loswerden, niemand will für sie zahlen.

Unvermittelt hält der Treck an. Einer nach dem anderen klettert über eine hüfthohe, rostige Absperrung hinter den Schienen und verschwindet im Gebüsch. Kaum sichtbar führt ein Pfad abwärts. Dann öffnet sich hinter einem Strauch eine schmale Lichtung, zwölf Quadratmeter vielleicht, windgeschützt in einer Senke gelegen. An einem Ende steht ein grünes Ein-Mann-Zelt, am anderen ein provisorisches, wie sie seit Jahren in Flüchtlingscamps am Kanal auftauchen: aus Brettern und Abfall notdürftig zusammengezimmert, mit schwarzer Plastikplane überzogen, auf dem Boden Paletten, darüber ranzige Decken.

Was 2009 in Calais passierte, kennen die Männer nur vom Hörensagen. Vor den Augen der Weltpresse planierte die Polizei am 22. September das größte dieser Elendsquartiere, den sogenannten Jungle, wo knapp 1000 Menschen lebten. Die Botschaft war deutlich: verschwindet! Nach der Zerstörung des Jungle wurden die Razzien mit Tränengas und Pfefferspray tägliche Routine. Wer nicht schnell genug wegkam, wurde festgenommen, was zurückblieb, verbrannten die CRS.

„Die Regierung versucht, es den Migranten so schwer wie möglich zu machen“, sagt einer der freiwilligen Helfer, die täglich Essen und alle zwei Wochen Kleidung verteilen. Dahinter steckt ein Abkommen, das die Regierungen in Paris und London im Sommer 2009 schlossen. 15 Millionen Pfund zahlte Großbritannien für neue Technologie zur Grenzkontrolle. Phil Woolas, damals britischer Einwanderungsminister, erwartete dafür einen wichtigen Beitrag Frankreichs zu einem „stählernen Ring“ zwischen Insel und Schengenraum. Éric Besson, sein Kollege auf der anderen Seite des Kanals, kündigte an, Calais werde von nun an „wasserdicht gegen illegale Migration“.

Doch das Problem ist nicht verschwunden, es verlagert sich nur: Inzwischen ziehen sich die Jungles fast die gesamte Kanalküste entlang, von den Lkw-Rastplätzen um Dunkerque bis zu den Häfen von Boulogne-sur-Mer, Cherbourg und Le Havre. Auch an den Autobahnen des Hinterlandes gibt es Elendscamps, und je stärker die Repression in Calais ist, desto mehr Flüchtlinge tauchen 100 Kilometer nördlich auf, in den belgischen Seebädern Ostende und Zeebrügge. „Wasserbetteffekt“ nennen die Helfer das.

Weitgehend verschwunden aus der Stadt sind seit dem Sommer die Paschtunen. Viele warten mittlerweile in Paris, bis die Lage am Kanal sich beruhigt. Im Versteck der letzten Verbliebenen bricht derweil die Abendsonne durchs Geäst. In Kandahar war Rakim Elektriker. Im Jungle ist er Koch. Der 23-Jährige hockt am Rand der Lichtung und schält Kartoffeln. Stellt den verkohlten Topf auf die Feuerstelle, einen Rost über zwei Steinen, gießt Öl hinein, eine Dose mit Bohnen und eine mit Tomaten. Janmohamad zertritt unterdessen das Feuerholz. Noch dient es vor allem zum Kochen. Doch in den Nächten spürt man schon den klammen Kanal-Herbst. Bald wird Feuer wieder unentbehrlich sein in der Kälte.

Ein Pfiff dringt durch die Büsche. „Polizei“, klingt es von draußen. Die Wache, die wie immer in einiger Entfernung des Verstecks oben auf den Schienen steht, schlägt Alarm: ein CRS-Bus auf der Autobahn. Innerhalb von wenigen Sekunden verschwinden alle im Dickicht. Nur Rakim bleibt beim Topf zurück. Seit zwei Monaten ist er hier, und an manchen Tagen wurde er drei, vier Mal festgenommen. Einmal mehr oder weniger interessiert ihn nicht. Außerdem ist es in weniger als einer Stunde Zeit zum Fastenbrechen. Nach ein paar Minuten kommen die anderen zurück. Falscher Alarm. Die Anspannung weicht aus den Gesichtern.

Mit dem Sinken der Sonne serviert Rakim. Auf dem Boden sind zwei große Tücher ausgebreitet. Darauf stellt er weiße Plastikschalen und füllt sie mit Gemüse. Dazu gibt es Baguette, Apfelscheiben und zwei Datteln für jeden. Durchs letzte Licht jagen die Silhouetten der Lkw. Wer es in dieser Nacht probiert? Rakim wohl kaum. Er denkt darüber nach, in Frankreich um Asyl zu bitten. Sein Glaube daran, England zu erreichen, ist nicht mehr so fest.

Janmohamad dagegen kann noch nicht. Vor ein paar Wochen blieb er auf der Flucht vor der Polizei mit seinem Ring an einer Zaunspitze hängen. Die Verfolger zerrten an seinen Beinen. Er schrie, sie zogen noch mehr. Als er unten ankam, hingen die Kuppe und die Haut, die den Finger umgeben hatte, noch oben. Was darunter übrig war, wurde amputiert. In Janmohamads Augen steht keine Wut, wenn er davon erzählt. Es scheint, als sei diese auch nur eine Entbehrung unter vielen. Dabei wird der fehlende Ringfinger der linken Hand dafür sorgen, dass er die Zäune von Calais niemals vergisst.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!