Zeitung Heute : Menschen aus Glas

Ein guter Tag, findet Gisela Koch: Fünf Betrugsfälle hat sie entdeckt. Unterwegs mit einer Hartz-Detektivin

Marc Neller

Der Plattenbau macht einen gepflegten Eindruck, die Flure sind renoviert, es riecht dezent nach Putzmittel. In diesem Teil des Berliner Bezirks Lichtenberg ist das Haus eine der besseren Adressen.

Manchmal können Äußerlichkeiten ein erstes Indiz für Gisela Koch sein, müssen es aber nicht. Ein kleiner Teil in einem komplizierten Puzzle. Hartz-IV-Betrug lässt sich nicht so einfach nachweisen. In diesem Fall aber, ihrem vierten an diesem Tag, ist das Bild schneller komplett, als Gisela Koch gehofft hatte.

Es ist kurz nach zwölf, als sie auf dem großen Klingelbrett nach jenem Namen sucht, der auf ihrem Zettel, einem Prüfauftrag des Jobcenters Lichtenberg, steht. Sie zückt einen Kugelschreiber und notiert das Stockwerk. Als sie die richtige Wohnungstür gefunden hat, postiert sie sich so, dass sie erkennen kann, ob von innen jemand durch den Spion guckt. Eine zierliche Frau Mitte 30 öffnet. „Guten Tag“, sagt Gisela Koch und zeigt ihren Dienstausweis. „Darf ich reinkommen?“ Sie spricht mindestens eine Tonlage höher, fast singend, wenn sie sich vorstellt. Es klingt harmlos. Man könnte überhören, dass die Frage eigentlich keine Frage ist. Die Frau lässt sie ein. Obwohl sie das nicht müsste. „Ist Herr Wiederking* auch da?“, fragt Frau Koch. „Nein. Er arbeitet.“ Er hat eine Modeagentur.

Es dauert keine Minute, bis klar ist: Hier bekommt jemand Arbeitslosengeld II, obwohl es ihm nicht zusteht – jedenfalls nicht so viel wie bisher. Denn die junge Frau ist nicht Herrn Wiederkings Untermieterin, die drei der fünf Zimmer in dieser Wohnung nutzt, wie sie das der Sachbearbeiterin im Jobcenter erzählt hat. Sondern seine langjährige Lebensgefährtin. Sie haben zwei Kinder, ein gemeinsames Schlafzimmer, ein gemeinsames Wohnzimmer. In der Sprache der Jobcenter heißt das: Sie leben in einer eheähnlichen Gemeinschaft. Die Frau bemüht sich erst gar nicht, das abzustreiten. Gisela Koch notiert das alles. Sie macht ein zufriedenes Gesicht. Keine Lügen, kein Rumgedruckse, eine klare Sache. Sie bedankt sich, als sie die Wohnung verlässt. Sie wird einen Bericht schreiben.

Gisela Koch ist Ermittlerin, man könnte auch sagen, sie ist Hartz-IV-Detektivin. Sie spürt Langzeitarbeitslosen nach, die im Verdacht stehen, dass sie tricksen, um Arbeitslosengeld II zu bekommen.

Seit Anfang des Jahres beziehen rund fünf Millionen Menschen in Deutschland das Hartz-IV-Geld. Die Alleinstehenden und Alleinerziehenden unter ihnen bekommen monatlich 345 Euro, wenn sie in Westdeutschland wohnen, und 331 Euro im Osten. Wer einen Lebenspartner hat, bekommt nicht mehr den vollen Betrag, sondern 90 Prozent. Wenn der Partner ein Einkommen hat, gibt es noch weniger. Oder gar nichts mehr. Das ist der Grund, warum nun immer mehr Paare angeben, sie seien nur Wohngemeinschaften, manche trennen sich zum Schein und ziehen in getrennte Wohnungen. Oder sie machen aus dem Partner einen Untermieter.

Bisher lässt sich das kaum kontrollieren. In Berlin zum Beispiel gibt es derzeit 20 Prüfer und 324000 Haushalte, die von Hartz IV leben. Weil die Kosten für die Arbeitsmarktreform außer Kontrolle geraten, richten jetzt immer mehr Jobcenter Prüfdienste ein.

Gisela Koch leitet den Prüfdienst des Jobcenters Berlin-Lichtenberg. Jeden Morgen, meist gegen sieben, treffen sie und ihre drei Kollegen sich zur Besprechung im Büro, um die Fälle des Vortages auszuwerten. Zwei Männer, zwei Frauen. Sie sind sich einig, dass die Freundin von Herrn Wiederking weniger Geld bekommen wird. Einige Tage später wird das Jobcenter entscheiden, dass die Frau gar nichts mehr kriegt – dass sie sogar 9000 Euro zurückzahlen muss, in Raten. Wiederking verdient zu viel.

Seit Juni ermitteln Gisela Koch und ihre Kollegen im Auftrag des Jobcenters. Vorher hatten sie eine ähnliche Arbeit, allerdings war da noch das Bezirksamt ihr Auftraggeber, meist ging es um Sozialhilfe. Gisela Koch, 49 Jahre alt, ist seit 1992 dabei. An ihren Ohren baumeln goldene Kreolen, ihre blondierten Haare hat sie zum Pferdeschwanz gebunden. Eine freundliche, aber bestimmte Frau. In den ersten dreieinhalb Monaten des Jahres hat das Jobcenter Lichtenberg 600 Langzeitarbeitslose kontrolliert und dadurch 100000 Euro eingespart – das steht in einem Ordner in ihrem Büro. Geld, das die Sachbearbeiter ohne die Arbeit der Ermittler anstandslos überwiesen hätten.

Gisela Koch wird so schnell nicht um ihren Arbeitsplatz fürchten müssen. Denn ständig werden es mehr Bedürftige, in Berlin-Lichtenberg wie anderswo in der Republik. In den Jobcentern geht noch immer eine Flut von Neuanträgen ein, teils von Menschen, die bisher nicht auf den Fluren von Arbeits- und Sozialämtern zu sehen waren: Abiturienten, Ärzte und Anwälte, die zu Tausenden registrieren, dass sie am Existenzminimum leben. Die Lichtenberger Prüfer kommen mit ihren Fällen nicht hinterher, in diesem Monat wird die Hälfte liegen bleiben.

An diesem Donnerstag sucht Gisela Koch 20 Wohnungen auf, die der Staat bezahlen soll. Auch heute klingelt sie häufig vergebens. Die Prüfer kommen unangemeldet. „Es gibt Fälle, da tanzen wir sechs, sieben Mal an, bevor wir jemanden antreffen“, sagt Gisela Koch. Manchmal schleicht sie einige Zeit lang ums Haus, bevor sie klingelt, notiert auffällige Anzeichen. Hat niemand geöffnet, obwohl Licht in der Wohnung brannte? Ist jemand zu unterschiedlichen Tageszeiten nicht erreichbar gewesen – und könnte das bedeuten, dass dieser Jemand eine Arbeit hat, die er verheimlicht?

Gleich der zweite Hausbesuch an diesem Tag hatte einen Missbrauch aufgedeckt: ein Mieter, drei Namen auf dem Klingelschild, ständig wechselnde Untermieter. Gisela Kochs Kollegen waren schon zweimal vorher dort, haben aber niemanden angetroffen. Sie hat mehr Glück. Der Mann, den sie sprechen will, ist zwar wieder nicht da, dafür aber einer der Untermieter. Und der ist gesprächig.

„Herr Fach* ist ziemlich selten hier“, sagt der Mann. „Er arbeitet in Dessau.“ Gisela Koch zieht die Augenbrauen hoch. „Soso. Und diese Wohnung hier vermietet er an Sie und die junge Dame, die auf dem Klingelschild steht?“ „Ja.“ Sie stellt noch ein paar Fragen. „Gut. Das war’s schon“, sagt sie dann. „Richten Sie Herrn Fach bitte aus, dass er demnächst von uns hören wird.“ Er wird dem Jobcenter erklären müssen, was er verdient. Es sieht nicht gut für ihn aus. Auch er wird wohl Geld zurückzahlen müssen.

Im siebten Stock eines ziemlich heruntergekommenen Plattenbaus öffnet Herr Blink* die Tür. Herr Blink, Mitte 40, trägt einen Kimono, aus dem eine stark tätowierte Brust und stark tätowierte Unterarme hervorschauen. Gisela Koch soll herausfinden, ob die Frau, die mit ihren Kindern in dieser Wohnung lebt, seine Lebensgefährtin ist. Guten Tag, Bezirksamt. „Sind Sie mit Frau Schulze* liiert?“ „Nein, wir wohnen nur zusammen hier.“ „Sind Sie der Hauptmieter?“ „Nein, wir beide.“

„Aha“, sagt Gisela Koch. Sie lässt sich das Schlafzimmer zeigen. Sie interessiert sich vor allem für Schränke und Kommoden. Wenn darin Herrenunterhosen und Damenunterwäsche nebeneinander liegen, könnte das auf ein Paar hindeuten. Wohngemeinschaft oder Liebespaar, so richtig klar wird das in dieser Wohnung nicht. Zwar ist der Schrank, von dem Herr Blink sagt, es sei sein einziger, viel zu klein, als dass sämtliche Kleidung, Handtücher und sauberes Bettzeug hineinpassen würden. Und das Doppelbett, nun ja, darin schlafe er allein. Die Frau Schulze schlafe mit einem ihrer Kinder auf dem Sofa im Wohnzimmer, das andere Kind im Kinderzimmer. Gisela Koch bezweifelt, dass das alles stimmt. Das Sofa ist ziemlich klein. Aber Gisela Koch kann ihm nichts nachweisen. Und Herr Blink gibt nur zu, dass er und Frau Schulze gemeinsam waschen, einkaufen und kochen. Für das Jobcenter sind sie damit ab sofort eine Wirtschaftsgemeinschaft, die Sachbearbeiterin wird Blink deshalb künftig weniger Geld monatlich überweisen.

Am Ende wird es aus Sicht der Ermittlerin ein guter Tag sein. Zehn von 20 möglichen Terminen abgearbeitet. Die Hälfte der Hausbesuche hat ergeben, dass jemand Geld bekommen hat, das ihm nicht zusteht. Eine selten hohe Quote. Man versteht, warum Gisela Kochs Chefin sagt, dass sich der Prüfdienst für ihr Jobcenter unbedingt lohne. Es ist zudem ein Tag, der den Noch-Bundeswirtschaftsminister zu bestätigen scheint. Wolfgang Clement nämlich schob die Schuld an der desaströsen Bilanz der Arbeitsmarktreform den Abzockern zu. Als er einen entsprechenden Bericht vorstellte, schimpfte er über parasitäres Verhalten und sagte später, dass jeder fünfte Langzeitarbeitslose betrüge, um mehr Geld zu kriegen.

Die Sache ist bloß die: Ermittler wie Gisela Koch prüfen nur auf einen konkreten Verdacht hin. Bei Leuten also, von denen die Sachbearbeiter glauben, dass bei ihnen etwas nicht stimmen könnte. In Lichtenberg sind das monatlich 200 von insgesamt 24000 Langzeitarbeitslosen. Die meisten werden also nicht überprüft. Und die Chefs der Jobcenter sagen, ihre Statistiken gäben keine Hinweise, dass der Missbrauch plötzlich eine Art Volkssport geworden sei.Und schließlich gibt es noch ein anderes Teilchen, ohne das das Puzzle vom Hartz-Missbrauch für Gisela Koch unvollständig wäre.

Neulich hat sie ein altes Paar besucht, bei dem sie herausfand, dass es sich zum Schein getrennt hat. Weil einer von beiden Krebs hatte und ihnen außer Geld für teure Medikamente auch das Nötigste zum Leben fehlte. Jeden Tag, sagt sie, hoffe sie, dass ihre Prüfaufträge ihr nicht noch mehr solche Fälle bescheren. Fälle, in denen die Trennlinie zwischen Gut und Böse verwischt ist. Und sie Menschen Geld streichen muss, ohne das diese kaum existieren können.

* Name geändert

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