Menschenleerer Osten? : Weniger kann auch mehr sein

Gerd Appenzeller

Die Deutschen mit ihrer Neigung zum Schwarzsehen und zur Mäkelei haben ein neues nationales Trauma entdeckt: Nachdem die Nazis sich vor 70 Jahren daran machten, für das angebliche „Volk ohne Raum“ weite Gebiete in Osteuropa zu erobern, folgt jetzt dem Größenwahn von damals der Kleinmut von heute: Ostdeutschland werde mehr und mehr zum Raum ohne Volk. Ein renommiertes Institut erinnert uns daran, dass von 1990 bis 2006 mehr als 1,7 Millionen Menschen das Gebiet der ehemaligen DDR Richtung Westen verlassen haben, dass die Geburtenraten in Berlin und den neuen Bundesländern die schon dramatisch niedrigen übrigen deutschen Werte noch einmal unterschreiten, kurz, dass der Osten der Republik zum europäischen Krisen- und Notstandsgebiet würde.

Aber was hier – nicht erst seit heute, aber noch nie so schrill – vor allem in manchen Medien als nationale Katastrophe interpretiert wird, ist eine völlig normale Entwicklung. Da die Arbeit nicht zu den Menschen kommt, gehen die Menschen dorthin, wo es Arbeit gibt. Nur eine Diktatur kann diese elementare Regel durch Zwangsansiedlung außer Kraft setzen. In weiten Teilen Ostdeutschlands konnten sich Städte nur dank staatlicher Strukturpolitik ohne Rücksicht auf die Kosten halten. Manchmal war die übrigens aus der aktuellen Situation heraus sogar sinnvoll, etwa in Schwedt, am Endpunkt der großen Ölleitung.

Auch die alte Bundesrepublik kannte solche Wanderungsbewegungen. Aus Ostfriesland und Bayern zogen die Menschen vor 60 Jahren weg Richtung Rhein und Ruhr. Die scheinbar auf Dauer entvölkerten Regionen machten den Rückstand später zum Beispiel durch eine blühende Entwicklung des Tourismus wett, wie in Bayern und an der deutschen Nordseeküste. Vergleichbare Chancen gibt es auch in Mecklenburg-Vorpommern und Ostbrandenburg. Entwicklungen von Regionen sind nur über Jahrzehnte hinweg vernünftig zu beurteilen. Freilich kann der Staat, etwa durch eine vor allem die Wünsche der Frauen berücksichtigende Familienpolitik, eine Stagnation der Bevölkerungszahl zu überwinden versuchen. Aber Einwanderung zu propagieren, nur um die Sozialsysteme generationenfest zu machen, scheint doch eine reichlich zynische Überlegung. Wünschen wir uns so eine Art von Lohnsklaven, die in die bisherigen Rentensysteme einzahlen, um Pensionäre zu alimentieren? Und wie soll das weitergehen?

Nein, das ist nicht Politik, das ist Hysterie. Junge, gut ausgebildete Frauen verlassen den Osten, weil sie dort keine Chancen mehr sehen. Was folgt daraus? Dass wir die Frauen wieder dumm halten? Doch eher, dass die Jungs, die Männer, zum Lernen angehalten werden, damit sie nicht die Deppen der Nation werden. Nur mehr Bildung bedeutet bessere Perspektiven. Und die Strukturinvestitionen in zentrale Orte mögen gegenüber dem flachen Land vielleicht ungerecht sein, aber nur so kann man die Städte wieder attraktiv machen, zum Wohnen und zur Ansiedlung neuer Arbeitsplätze. Die wirtschaftlich stärksten und gesellschaftlich stabilsten Regionen Deutschlands sind nicht etwa die großen, sondern die mittleren Städte. Hier empfinden die Menschen das Bleiben als lebenswert. Solche schönen und erhaltenswerten Städte gibt es auch in den jetzt angeblich von Entvölkerung bedrohten Regionen in großer Zahl. Kümmern wir uns darum.

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