Zeitung Heute : Menschenschmuggel: 15 Stunden tiefgekühlt

Thomas Roser

Mit einer unwirschen Handbewegung müht sich der Hauptverdächtige, die gegen ihn erhobenen Vorwürfe beiseite zu wischen. "Alles gelogen", kommentiert der 36-jährige Gürsel Ökzan im Hochsicherheitssaal des Rotterdamer Gerichts die Aussagen des Zeugen Osman Öcalan. Der sieht in dem Mann im feinen Zwirn den Kopf der Schlepperbande, die die letzte Etappe der Odyssee von 60 illegalen Immigranten aus China nach Großbritannien organisieren sollte: "Ökzan gab mir den Auftrag, dass ich die Chinesen mit einem Kleinbus von einem Haus in der Dahliastraat in die Lagerhalle bringen sollte."

Seit vier Verhandlungstagen müssen sich acht Männer im Alter zwischen 22 und 56 Jahren wegen Menschenschmuggels und Totschlags in 58 Fällen vor dem Rotterdamer Gericht verantworten. Bis zu 50 000 Dollar pro Person hatten die in den Transporter gepferchten Chinesen in ihrer Heimat an den "Schlangenkopf" bezahlt. Für eine monatelange Fahrt, die sie von der Provinz Fujian über Hongkong, Bulgarien, Jugoslawien, die Niederlande und den belgischen Hafen Zeebrügge in ihr Container-Grab auf dem Ärmelkanal führen sollte. Eingezwängt zwischen Tomatenpaletten in einem viel zu kleinen, nahezu luftdichten LKW, wurden den Passagieren die Hitze, die defekte Kühlung und der Sauerstoffmangel zum Verhängnis: 58 der 60 Chinesen waren tot, als britische Zollbeamte im vergangenen Juni in Dover den Transporter öffneten.

Anfang April wurde bereits der niederländische Fahrer Perry Wacker in England zu 14 Jahren Haft verurteilt. In Rotterdam stehen nun seine Kompagnons vor Gericht: Sie sollen die letzte Etappe des missglückten Menschenschmuggels vorbereitet oder ausgeführt haben. Noch nicht abgeschlossen sind die Ermittlungen gegen Öcalan, den die Polizei erst im März fasste: Der 25-Jährige hat mehrere Angeklagte schwer belastet.

In T-Shirts, Karohemden, abgewetzten Jacken und gediegenen Anzügen verfolgt die schillernde Gesellschaft auf der Anklagebank den Prozess. Es war die Aussicht auf das schnelle Geld, die hoch verschuldete Geschäftsleute mit polizeibekannten Schlägern, Berufskriminellen und gewissenlosen Kraftfahrern zusammenbrachte. Er glaube zwar, dass Ökzan die Fahrt nach Dover organisiert habe, bekundet der 50-jährige Makler Huub van Keulen, der die Lagerhalle für den "Umschlag" der Flüchtlinge im Rotterdamer Waalhaven angemietet hatte: "Doch die Leute, die hier sitzen, sind sicherlich nicht die Spitze der Organisation, sie waren nur wie loser Sand miteinander verbunden."

Bereits seit 1998 hatte die niederländische Polizei den 36-jährigen Özkan im Visier: Man verdächtigte ihn, Kurden nach Großbritannien zu schmuggeln. Wochenlang wurde der Sozialhilfe-Empfänger observiert, die Beschattung jedoch kurz vor dem Todestransport wieder eingestellt. Mindestens 22 Schlepperfahrten habe Ökzan gemeinsam mit dem mitangeklagten Haci Demir organisiert, behauptete Öcalan bei seiner polizeilichen Vernehmung. Doch trotz erdrückender Indizien bestreitet Ökzan die Beteiligung am Dover-Transport. Gesprächiger zeigen sich indes einige seiner Mitangeklagten - und bieten erschütternde Einblicke in die Praxis des lukrativen Menschenschmuggels.

Die Beteiligung an zwei weiteren "Transporten" hat der 56-jährige LKW-Fahrer Lammert Nijveen bereits zugegeben. Im Dezember 1999 habe er Ökzan telefonisch davon benachrichtigt, dass er eine "Ladung" für die Überfahrt nach Dover habe. Hinter der niederländisch-belgischen Grenze seien 20 Chinesen aus einem Kleinbus in seinen mit Tiefkühlpizza beladenenen Frachtwagen umgestiegen. 15 Stunden mussten sie bei minus 18 Grad ausharren. Allzu viel Sorgen schien sich Nijveen um ihr Wohlbefinden nicht zu machen: "Sie sollten schließlich geeignete Kleidung tragen. Außerdem machte ich ab und zu die Türen auf, so dass etwas kalte Luft entweichen konnte."

1000 Gulden pro Passagier, insgesamt 17 800 Mark kassierte Nijveen damals von seinem in Großbritannien verurteilten Kumpanen Perry Wacker: "Perry sagte, dass das Geld von Ökzan kam." Weniger glimpflich verlief sein nächster "Transport" im April 2000. Statt der erwarteten 30 drängten sich 50 Chinesen in dem mit Joghurt beladenen Sattelschlepper. Da sich die Überfahrt verzögerte, gerieten die Insassen auf der Fähre in Atemnot. Durch die verzweifelten Klopfsignale aufmerksam geworden, konnte Nijveen sie noch rechtzeitig befreien. Gegenüber den britischen Zollbeamten mimte er anschließend den Ahnungslosen. Sein LKW wurde zwar beschlagnahmt, er selbst mit einer saftigen Geldbuße belegt. Doch die Briten versäumten es, die niederländische Polizei über den Vorfall zu informieren.

Die Pannen bei der Fahrt vom April veranlassten Nijveen, sich mit seinem Kumpanen Perry Wacker über eine ausreichende Luftzufuhr zu beraten. Auf "eigene Initiative" habe er am Tag vor dem Unglücks-Transport mit Wacker eine Ventilationsklappe mit Hilfe eines Taus aufgesperrt. Als die Leichen der Chinesen zwei Tage später in Dover geborgen wurden, war die Luke verschlossen. Das Tau wurde in der Fahrerkabine gefunden. Offenbar aus Angst vor der Entdeckung seiner illegalen Fracht hatte Wacker vor der Überfahrt die für seine Passagiere lebensnotwendige Luftzufuhr wieder verschlossen.

In dieser Woche soll die Verhandlung abgeschlossen werden, in zwei Wochen wird mit den Urteilen gerechnet. Die Verteidiger mühen sich, auf Versäumnisse der Justiz zu verweisen, die den Todestransport möglicherweise hätten verhindern können: Einseitig habe sich die Polizei zudem bei ihren Ermittlungen auf den türkischen Zweig der Schlepperbande konzentriert, die chinesischen Auftraggeber vernachlässigt. Allzu viel Schuldbewusstsein lassen ihre Klienten unterdessen nicht erkennen. Er habe nicht gewusst, für was der von ihm organisierte Container verwendet werden solle, behauptet der Geschäftsmann Frits Becker. Recht "entspannt" sei die Atmosphäre beim Einstapeln der Tomatenkisten gewesen, erzählt Öcalan. "Ich dachte, das wird ein leichtes Geschäft", erinnert sich Makler van Keulen. 5000 Gulden erhielt er nach dem Drama von Dover für seine Dienste, wischte sie zur Entfernung von Fingerabdrücken sorgfältig an seinem Ärmel ab: "Ich hätte mich niemals auf die ganze Sache einlassen sollen, wusste, dass das kriminell war. Aber das Geld war mir damals wichtiger als seine Herkunft."

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar