Zeitung Heute : Menschenskinder

US-Forscher haben einen Embryo geklont. Welche Folgen hat dieses Experiment?

Bas Kast Hartmut Wewetzer

Was ist das Neue an diesem Klonexperiment?



US-Forschern ist es erstmals gelungen, einen menschlichen Embryo aus einer Hautzelle zu klonen. Die Technik, die sie verwendeten, ist mehr als zehn Jahre alt. 1997 präsentierte der Brite Ian Wilmut mit dem Schaf „Dolly“ das erste geklonte Säugetier. Beim jetzigen Experiment haben Wissenschaftler der kalifornischen Biotech-Firma Stemagen die gleiche Technik benutzt, um einen menschlichen Embryo-Klon zu schaffen. Ihr Ziel war aber nicht, einen Menschen zu klonen, sondern Stammzellen zu gewinnen. Dazu ließen sie den Embryo bis zu einer Größe von etwa 70 Zellen heranwachsen. In dessen Innerem befinden sich die begehrten Stammzellen. Sie sind der Ursprung des Lebens. Aus ihnen entsteht unser Körper. Mit ihrer Hilfe ließe sich eventuell krankes Gewebe eines Patienten ersetzen.

Wie funktioniert die Technik?

Zunächst braucht man eine Eizelle. Aus dieser Eizelle entfernt man das darin vorhandene Erbgut. Dann nimmt man eine erwachsene Zelle – in diesem Fall war es die Hautzelle von einem der Forscher – und schleust sie in die Eizelle. Das Erbgut aus der erwachsenen Zelle verjüngt sich in der Eizelle und ein Embryo entsteht. In diesem Embryo bilden sich Stammzellen, die sich zu jedem Gewebe züchten lassen. Der medizinische Coup: Das Gewebe – potenzielles Ersatzgewebe – würde vom Patienten nicht abgestoßen, denn es ist genetisch mit seinem eigenen Gewebe identisch.

Konnten aus dem Embryo die Stammzellen gewonnen werden?

Nein, das hat bisher nicht funktioniert. Die Forscher glauben aber in etwa einem Jahr so weit zu sein.

Wie viele Schritte sind es nun noch zur Therapie?

Erstens müssen die Stammzellen noch gewonnen werden – und das wird wohl noch mindestens ein Jahr dauern. Dann müssen die Stammzellen noch in das gewünschte Gewebe verwandelt werden, in Herzmuskelgewebe zum Beispiel. Auf diese Weise könnte man einen Herzinfarktpatienten mit seinen eigenen Hautzellen behandeln. Im Experiment ist es bereits gelungen, Stammzellen zu rhythmisch zuckenden Zellen zu züchten, die Herzmuskelzellen ähneln. Bis zur Therapie werden allerdings noch etliche Jahre vergehen.

Könnte aus dem Klon ein Mensch heranwachsen?

Theoretisch ja. Das war aber nicht das Ziel der Forscher. Der Embryo blieb in einem höchst primitiven Stadium von bis zu 72 Zellen. Damit dieses Zellgebilde zu einem Fötus und Mensch heranwachsen könnte, müsste es in eine Gebärmutter eingenistet werden. Mit dem Klonschaf Dolly hat man das gemacht. Es gibt Sekten und einzelne Reproduktionsmediziner, die verkünden, Menschen klonen zu wollen. Bisher ist dies nicht nachweisbar geschehen. Die allermeisten Wissenschaftler lehnen das „reproduktive“ Klonen zum Erzeugen von Menschen entschieden ab.

Gegen welche Krankheiten könnten Stammzellen hilfreich sein?

Schon heute werden Stammzellen gegen Blutkrankheiten eingesetzt. Allerdings handelt es sich nicht um embryonale Stammzellen, sondern um „adulte“, also „erwachsene“ blutbildende Stammzellen aus dem Knochenmark. Künftig könnten embryonale Stammzellen – genauer gesagt, die aus ihnen gezüchteten Zellen – bei Leiden eingesetzt werden, bei denen körpereigenes Gewebe zerstört wurde. Also zum Beispiel bei der Zuckerkrankheit, bei Herzleiden, der Parkinson- Krankheit und bei Querschnittslähmungen.

Wozu kann man Stammzellen noch nutzen?

Stammzellen und das aus ihnen gezüchtete Gewebe können helfen, die Entwicklung des Organismus und das Entstehen von Krankheiten zu studieren. Außerdem ist es mit Hilfe von Stammzellen leichter, Medikamente auf ihre Wirksamkeit zu testen.

Worauf konzentrieren sich die Stammzellforscher heute?

Wissenschaftler arbeiten zurzeit am genetischen Umprogrammieren ausgereifter Zellen zu embryonalen Stammzellen oder zumindest zu Zellen, die ihnen ähneln. Das ist zum ersten Mal dem Japaner Shinya Yamanaka von der Universität Kyoto geglückt. Vorteil dieses Ansatzes: Es werden keine Embryonen erzeugt oder zerstört, stattdessen werden ausgewachsene Zellen gentechnisch verjüngt. Allerdings müssen noch viele technische Hürden überwunden werden, bis diese umprogrammierten Zellen wirklich bei kranken Menschen eingesetzt werden können.

In welchen Ländern ist das Klonen zu medizinischen Forschungszwecken erlaubt?

In Europa ist dies in Großbritannien, Belgien und Schweden möglich. In Deutschland ist es verboten, ebenso wie das Erzeugen von Stammzellen aus Embryonen. Das wiederum ist nicht nur in England oder Schweden, sondern auch in Frankreich, Spanien, der Schweiz, Holland und in anderen Ländern gestattet. In den USA ist das Klonen für die Medizin zwar nicht verboten, wird allerdings nicht aus Bundesmitteln gefördert. Liberalere Regeln bestehen in Asien. Dort ist medizinisches Klonen in Südkorea, Indien, China, Australien, Japan und Singapur möglich.

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