Zeitung Heute : Menschliche Schwäche

Alle reden von Sars. Wir sollten die anderen Viren nicht vergessen. Immer, wenn ein Virus von einer Art auf die andere überspringt, wird es gefährlich.

Elke Binder

Es begann auf einer holländischen Hühnerfarm. Seit Februar wütete dort die Geflügelpest. Dann erkrankte plötzlich ein Tierarzt an einer schweren Lungenentzündung. Im April hatte er auf dem Hof gearbeitet, wenige Tage später war er tot. Die Diagnose: eine Infektion mit einem Subtypus von Influenza A, einem Vogelgrippevirus.

Schnell stellte sich die Frage: Kann eine Epidemie wie Sars auch hier zu Lande entstehen? Denn auch bei Sars handelt es sich um einen Virus, der vom Tier auf den Menschen überging. Die Vorfälle in den Niederlanden sind in der Tat beunruhigend. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts in Berlin steckten sich in den vergangenen zwei Monaten über 80 Personen an. Schwer krank wurde von ihnen allerdings niemand. Bis auf den Tierarzt.

„Gegen den in Holland aufgetauchten Typ des Grippevirus wäre das menschliche Immunsystem machtlos, da seine Bestandteile in humanen Viren bisher nicht vorkommen“, schrieb Alexander S. Kekulé, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie in Halle, am Mittwoch im Tagesspiegel. Und die Gefahr ist real. Tatsächlich sind Vogelgrippeviren in der Vergangenheit immer wieder auf den Menschen übergegangen. Verheerend etwa bei der Spanischen Grippe, die 1918/19 mit 22 Millionen weltweit mehr Menschenleben kostete als der Erste Weltkrieg.

Viren programmieren die Zellen um

Doch Influenza ist nur ein Beispiel, die Liste der Viruserkrankungen, die die Barriere zwischen den Arten überwanden, ist sehr viel länger. „Die tropischen Fieber, Lassa oder Ebola – sie alle stammen vom Tier“, sagt Hans-Dieter Klenk vom Institut für Virologie der Universität Marburg und Präsident der Gesellschaft für Virologie. Das gilt auch für Aids: Mit Hilfe molekularer und statistischer Verfahren konnten Forscher den Verdacht erhärten, dass das HI-Virus vom Affen stammt.

Viren sind Auslöser von Masern und Mumps, Hepatitis, Pocken und Kinderlähmung, um nur einige Krankheiten zu nennen – und anders als bei bakteriellen Infektionen ist ihnen mit Antibiotika nicht beizukommen. Viren bestehen nur aus Erbmaterial und einer Hülle, brauchen den Stoffwechsel eines Wirts, um überleben zu können. Sie schädigen den Menschen, indem sie in seine Körperzellen eindringen, diese so umprogrammieren, dass sie die Bestandteile für neue Viren herstellt, die lawinenartig neue Zellen anfallen. Wie schaffen Viren es aber überhaupt, unsere Zellen so erfolgreich zu befallen? Sie besitzen auf ihrer Oberfläche Eiweiße, die ihnen als molekulare Enterhaken bei der Infektion einer Zelle dienen. Diese passen wie ein „Schlüssel“ genau zu einem Eiweiß auf der Oberfläche der Körperzelle, dem „Schloss“.

Eigentlich hat das Schlüssel-Schloss-Prinzip zur Folge, dass Viren nicht mühelos die Artenbarriere überspringen können. Denn in der Regel passt ihr Schlüssel nur zur Körperzelle einer Art, sei es Mensch oder Tier. Erst wenn eine Mutation auftritt, kann der Schlüssel des Virus eine neue Form annehmen – und eine neue Art befallen.

Das Prinzip hilft unserem Immunsystem auch bei der Abwehr. Es kann Antikörper produzieren, die wiederum genau auf den Schlüssel des Virus passen und ihn dadurch hemmen. Aber gerade das macht die Mutation des Virus gefährlich: Denn dann passen die Antikörper nicht mehr, das Immunsystem wird überlistet.

Besonders gefährlich wird ein solcher Virus, wenn er sich schnell von Mensch zu Mensch verbreiten kann. Das ist das Erfolgsrezept der Influenza, der echten Grippe: Die Viren übertragen sich mit feinsten, in der Luft verteilten Speichelpartikeln, durch Husten, Niesen, Sprechen oder einen Händedruck. Sars, obwohl es sich des gleichen Übertragungswegs bedient, ist da viel langsamer. Denn mit Sars infizierte Menschen können meist erst, nachdem sie schon erkrankt sind, andere anstecken. Und das Virus vermehrt sich auch weniger rasch als das der Influenza.

Manch anderer Virus braucht noch viel länger – und schafft nur selten den Sprung von einem Kontinent auf den anderen. Beispiel Ebola und Lassa: Die Viren werden vermutlich nur durch sehr engen Körperkontakt und Körperflüssigkeiten übertragen. „Außerdem verlaufen diese hämorrhagischen, also mit inneren Blutungen einhergehenden Fieber meist sehr schwer“, sagt der Marburger Virologe Klenk. „Ein großer Teil der Patienten verstirbt, bevor weitere infiziert werden können.“ Beispiel Dengue, ein weiteres Fieber der Tropen: Das Virus wird durch Mücken übertragen, deren Lebensraum begrenzt ist.

Das West-Nil-Virus hat auch solche Hürden genommen. In den letzten vier Jahren traten immer wieder Erkrankungen in den USA auf. Allerdings verlaufen sie nur in seltenen Fällen schwer, verursachen dann eine Hirnhautentzündung. Wahrscheinlich wurde das West-Nil-Virus mit infizierten Vögeln in die USA importiert, von dort heimischen Mücken auf den Menschen übertragen.

Doch wie kann man sich gegen Viren schützen? Impfungen sind die effektivste Waffe. Allerdings kann es bei einem neuen Virus – wie Sars – Jahre dauern, bis ein Impfstoff entwickelt ist. Da hilft dann zunächst nur, die Epidemie am Ort des Geschehens einzudämmen. Überwachung, Isolierung und Quarantäne sind die Mittel der Wahl. Und dem Einzelnen bleibt gegen Sars der Mundschutz. Zwar sind Viren gerade mal wenige Millionstel Millimeter lang, doch können sie nur mit dem Speichel oder anderen Partikeln transportiert werden – die werden von einem Mundschutz aufgehalten.

Sterblichkeit bis zu 30 Prozent

In einigen Fällen ist es bislang nicht gelungen, einen Impfstoff zu entwickeln. Aufgrund der großen Wandlungsfähigkeit der Viren blieben zum Beispiel alle Bemühungen bei Hepatitis C und Aids erfolglos. In andern Fällen, etwa bei vielen tropischen Fiebern, werden erst gar keine Versuche unternommen. „Bei Ebola und Lassa liegt es daran, dass diese Krankheiten trotzdem nicht sehr häufig sind“, sagt der Marburger Virologe Klenk. An Ebola etwa sind in sieben Epidemien seit den 70er Jahren „nur“ mehrere Hundert Menschen gestorben.

Anders beim Dengue-Fieber. Jährlich erkranken in den Tropen einige Millionen; die Sterblichkeit liegt bei Kindern bei bis zu 30 Prozent. Der Verdacht liegt nahe, dass die Suche nach einem Impfstoff erst beginnt, wenn die Krankheit nördliche Breiten erreicht. So wurden die Bemühungen, einen Impfstoff gegen das West-Nil-Virus zu finden, erst intensiviert, nachdem auch in den USA mehrere Menschen verstorben waren.

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