Zeitung Heute : „Mentalität des Wegschauens“

Der Vorsitzende des Weißen Rings über Hilfe für Opfer

-

WOLF WEBER (56)

ist Vorsitzender

des Weißen Rings,

der einzigen bundesweiten Hilfsorganisation

für Kriminalitätsopfer

und ihre Familien.

Foto: R/D

Herr Weber, zeigt der Fall in SchleswigHolstein die wachsende Gleichgültigkeit der Gesellschaft oder ist es eher ein Einzelfall?

Der Fall ist grässlich und zeigt, dass es eine Mentalität des Wegschauens gibt. Aber es gibt auch sehr viele Menschen, die das Gegenteil tun und sich ehrenamtlich engagieren, so dass man nicht vom Wegschauen reden kann. Trotzdem: Es ist bemerkenswert, dass es immer wieder zu Geschehnissen kommt, bei denen Menschen mehr Angst vor den Folgen der Auseinandersetzung haben und sich nicht um die Opfer kümmern.

Ist es Angst oder Gleichgültigkeit?

Vielleicht ist Gleichgültigkeit das treffendere Wort. Es müsste eigentlich jedem sofort bewusst sein, dass sich für das Opfer ein Drama abspielt, das über viele Jahre, vielleicht sogar bis zum Lebensende für die betreffende Person eine Rolle spielen wird. Trotzdem kommt Gefühlskälte zum Ausdruck, wenn man sich abwendet.

Wie kann man dieser Gefühlskälte, dieser Gleichgültigkeit beikommen?

Bei uns engagieren sich rund 2500 Menschen ganz aktiv in ihrer Freizeit, an den Wochenenden, wann immer es nötig ist, um Opfern von Kriminalität zu helfen. Das ist ein gutes Zeichen. Wir sind damit auch nicht alleine. In den Wohlfahrtsverbänden, in den Kirchen, in der Nachbarschaft gibt es viele hilfsbereite Menschen. Ich würde nicht schwarz malen, sondern etwas Positives daraus ziehen wollen. Wir müssen stetig dazu aufrufen, sich hinzuwenden, zu helfen und nicht die eigenen Probleme für größer zu erachten als sie tatsächlich sind.

Machen die Schulen im Bereich der Erziehung schon genug?

Ich will die Schulen nicht verurteilen. Das wäre zu pauschal, und ich würde vielen Lehrern und Eltern Unrecht tun. Aber es hat sich unter den jungen Menschen eine Gleichgültigkeit entwickelt, die in den letzten Jahren zugenommen hat. Und die Gewalt nimmt zu. Es wird nicht mehr nur geprügelt, sondern getreten und gestoßen, Waffen werden eingesetzt. Der Fall Erfurt ist ein grausames Beispiel dafür. Das zeigt, dass wir ein riesiges Defizit bei der Situationsanalyse haben.

Und die Politik?

Die Politik muss die Augen aufmachen, unabhängig von den Wahlterminen handeln und die Zusammenarbeit mit den hauptamtlich und ehrenamtlich Tätigen verbessern.

Muss unterlassene Hilfeleistung härter bestraft werden?

Unterlassene Hilfeleistung wird als ein Delikt minderer Schwere geahndet. Wenn man das aber vom Opfer aus betrachtet, das die Hilfe, die es benötigt, nicht bekommt, ist es eine Katstrophe, die sich da abspielt. Aber ich glaube grundsätzlich nicht, dass uns der Ruf nach härteren Strafen weiterhilft.

Das Gespräch führte Lutz Haverkamp.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben