Zeitung Heute : Mercedes-Benz SL: Die Legende lebt weiter

Ingo von Dahlern

Gerade einmal zwei Buchstaben genügen, das Herz automobilbegeisterter Mitmenschen höher schlagen zu lassen: SL. Dieser 1954 erstmals als aufregender Flügeltürer auf den Markt gekommene Sportwagen aus Stuttgart ist längst Legende. Eine Legende allerdings, die seitdem in ständig aktualisierter Form lebt und nun mit dem soeben in Hamburg präsentierten neuen Mercedes SL ihre fünfte Generation erlebt. Begonnen hatte die Geschichte eigentlich schon zwei Jahre früher. Denn der Sieg von Karl Kling und Hans Klenk am Steuer eines 300 SL genannten Sportwagens bei der Carrera Panamericana in Mexico gerade einmal sieben Jahre nach Ende jenes verheerenden Krieges, der nicht nur Deutschland sondern gewaltige Teile Europas und Asiens in Schutt und Asche legte, galt als eines jener so wichtigen Zeichen, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft machten.

Zwei Jahre später stand der Serienwagen auf den Rädern, dem 1957 eine Roadster-Version folgte. Autos, die technisch neue Maßstäbe setzten, wenn auch der anfangs im 300 SL eingesetzte erste Benzin-Direkteinspritzer seiner Zeit noch zu weit voraus war - die nächsten Jahrzehnte gehörten erst einmal den Vergaser-Motoren und dann immer deutlicher den Saugrohr-Einspritzern. Und zu denen rechnet auch das Triebwerk im neuen SL. Kein neuer Motor, sondern eine überarbeitete Variante des bereits bewährten hochmodernen Fünfliter-V8 aus Leichtmetall, die mit einer Leistung von 225 kW (306 PS) und einem höchsten Drehmoment von 460 Nm bei 2700/min. herausragende Fahrleistungen zeigt: Dazu gehören 6,3 Sekunden für den Spurt auf Tempo 100 und maximal 250 km/h bei einem Verbrauch von durchschnittlich 12,7 l/100 km unter Erfüllung der strengen Abgasnorm EU 4. Doch wichtiger als dieses Spitzentriebwerk und die mit ihm kombinierte Fünfgang-Automatik, die nun auch über eine Tippschaltung verfügt, sind die technischen Innovationen beim Fahrwerk, der Sicherheitstechnik und der Komfortausstattung. Denn dieses Auto, das mit seiner Linie sehr viel konsequenter als seine drei Vorgänger beim ersten SL anknüpft und das durch zahlreiche Designzitate unterstreicht, ist ein Technologieträger par excellence.

Besonders deutlich wird das beim Fahrwerk. Denn als erstes Serienauto vereint der neue SL so wichtige Systeme wie die bereits bewährte Fahrdynamikregelung ESP, die aktive Fahrwerksregelung Active Body Control (ABC) und die Weltneuheit Sensotronic Brake Control (SBC). SBC steht für eine elektrohydraulische Bremse, die einen wichtigen Meilenstein in der Bremsentechnik bedeutet. Dennn erstmals werden die Bremskommandos des Fahrzeuglenkers nicht mehr mechanisch oder hydraulisch, sondern elektronisch und damit per Kabel an das System übertragen. Nur dann, wenn dieses "By-Wire"-System einmal ausfallen sollte, wird die bislang gewohnte hydraulische Verbindung zwischen Bremspedal und Vorderradbremsen aktiviert, so dass man in jeder Situation anhalten kann. Doch normalerweise werden Bremsbefehle von dem elektronischen SBC-Steuergerät erteilt und von sogenannten Raddruck-Modulatoren in den erforderlichen Bremsdruck umgesetzt - und das ganz nach Fahrsituation für jedes der vier Räder individuell. In welcher Situation man auch immer auf die Bremse tritt, ob bei einer Gefahrenbremsung, beim Ausbrechen des Fahrzeugs oder bei flotter Kurvenfahrt, das System liefert für jedes Rad stets den optimalen Bremsdruck. Es sorgt bei einer Gefahrenbremsung mit Hilfe des Bremsassistenten für maximale Verzögerung, stabilisiert zusammen mit dem ESP-Steuergerät ein Fahrzeug, das instabil zu werden droht oder verhindert beim Bremsen in der Kurve, dass es nicht ausbricht. Und zu den weiteren besonderen Eigenschaften dieser Technik gehört das ungemein schnelle Ansprechen des Systems, dessen Dynamik die bisheriger Bremsen in den Schatten stellen soll. Und ganz neu sind solche Funktionen, wie zum Beispiel das automatische Trockenbremsen der Scheiben und Beläge bei Nässe, ohne dass der Fahrer etwas tun muss oder davon etwas spürt. Apropos Spüren: das bisher beim Einsetzen des ABS spürbare Pulsen des Bremspedals gehört bei dieser Anlage der Vergangenheit an.

Vergessen kann man beim neuen SL auch den bislang für Fahrwerksingenieure bestehenden Zielkonflikt bei der Abstimmung. Denn ist sie sportlich-straff und sicher, leidet der Komfort. Legt man das Fahrwerk weicher aus, sinkt die Sicherheit. Mit der Active Body Control (ABC) hingegen, die seit 1999 erstmals in den Spitzenmodellen der CL-Klasse angeboten wird, lassen sich sowohl höchste Fahrdynamik als auch höchster Komfort gleichzeitig realisieren. Die Hauptrolle spielen dabei hydraulisch regelbare Stellzylinder in den Federbeinen, die zugleich die Seitenneigung des Fahrzeugs bei Kurvenfahrt vermindern, so dass es fast aufrecht durch die Kurven fährt. Und ganz neu ist, dass dieses System nun auch die tatsächliche Beladung des Fahrzeugs bei seiner Regeltätigkeit berücksichtigt.

Aber auch die klassischen Fahrwerkskomponenten hat man neu gestaltet. So besteht die neu entwickelte Vorderachse mit ihrem modernen Vierlenkersystem in seinen wesenrtlichen Elementen aus Aluminium. Das gilt auch für die komplette Raumlenker-Hinterachse. Und neu ist auch die an Stelle der bisherigen Kugelumlauflenkung getretene Zahnstangenlenkung mit geschwindigkeitsabhängiger Servounterstützung. Ein Fahrwerk insgesamt, das einen erheblichen Gewinn an Fahrdynamik und Sicherheit verspricht. Zur Sicherheit auf der passiven Seite gehören neben einer trotz Leichtbauteilen aus Aluminium bei Motorhaube, vorderen Kotflügeln, Türen und Kofferraumdeckel eine noch einmal spürbar crashsicherer und verwendungssteifer gewordene Karosserie. Die ist nun dank des Variodaches sowohl Coupé- als auch Roadster-Karosserie, wobei nur noch 16 Sekunden genügen, um das dreiteilige Dach zu öffnen oder zu schließen. Und da dessen Konstruktion erheblich kompakter wurde als beim SLK, bietet der SL mit geöffnetem Dach immerhin 235 und bei geschlossenem sogar 317 Liter Kofferraum.

Ein mit Leder, Edelholz und Aluminium hochwertig ausgestatteter Innenraum, das neue Multifunktions-Lenkrad, eine Klimaautomatik, neuartige Head-Tho-rax-Seitenairbags, ein Bordsystem mit zwei Batterien, Leuchtdioden in den Bremslichtern, Xenon- und auf Wunsch auch Bixenon-Licht vorn, eine auf Wunsch angebotene Reifendruck-Kontrolle, die aufwändigen Integralsitze, für die auch eine aktive Sitzbelüftung verfügbar ist und viele andere Neuerungen prägen den in allen Dimensionen um ein paar Zentimeter gewachsenen neuen SL, bei dem praktisch nichts fehlt, was die modernste Automobiltechnik heute bietet -ein Sportwagen, der Maßstäbe setzt - allerdings auch beim Preis, denn der neue 500 SL wird 184 434 DM (94 300 Euro) kosten und das spätere Sechszylinder-Einstiegsmodell immerhin noch 75 000 Euro.

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