Merkel in Israel : Ehre währt am längsten

Von Malte Lehming

Wenn die Beschreibung zwischenstaatlicher Beziehungen etwas zu poetisch und pathetisch klingt, haben diese Beziehungen eine Kaltwasserkur verdient. Das Wort „besonders“ steht seit jeher hoch im Kurs, um das deutsch-israelische Verhältnis zu charakterisieren. Deutschland habe eine „besondere Beziehung“, eine „besondere Verantwortung“ und eine „besondere Solidarität“, heißt es traditionell. Hinzu gesellt hat sich nun das Wort „Wunder“. Kanzlerin wie Außenminister haben es gebraucht, um ihrer Freude über all die Ehrerbietungen Ausdruck zu verleihen, derer sie heute, 63 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, in Israel teilhaftig werden. Als erste ausländische Regierungschefin darf Angela Merkel vor dem Parlament, der Knesset, reden; das halbe Bundeskabinett begleitet sie, um dem Staat Israel zum 60. Geburtstag zu gratulieren; es wird regelmäßig deutsch-israelische Regierungskonsultationen geben. Frank-Walter Steinmeier meint gar: „Mit keinem anderen Land sind wir so untrennbar verbunden.“

Man könnte diesen Besuch allerdings auch prosaischer betrachten und fragen: Was wollen die beiden Turteltäubchen eigentlich voneinander? Staaten haben Interessen, keine Gefühle. Was Deutschland von Israel will, ist klar. Die Verbrechen Hitlers nagen immer noch an der kollektiven Psyche. Die einzigen, die die Nachfahren der Täter symbolisch wirklich exkulpieren können, sind die Nachfahren der Opfer. Und so gilt die Gleichung: Je netter die Israelis zu den Deutschen sind, desto unbefangener dürfen diese durch die Weltgeschichte spazieren. Israel hilft dem deutschen Ego. Dadurch wiederum stärkt Israel das deutsche Gewicht in Europa. Denn der Koscherstempel aus Jerusalem macht jene europäischen Politiker kleinlaut, die ihrerseits gern an die deutsche Vergangenheit erinnern. Griffig formuliert: Wie ernst muss Merkel einen Kaczynski nehmen, wenn ihr Ehud Olmert seine Liebe gesteht?

Und andersherum? Israel befindet sich in einer hoch prekären Situation. Es braucht Deutschland als Fürsprecher in Europa und der Welt. Der aktuelle Nutzen, den man sich davon verspricht, wiegt schwerer als das vergangene Verbrechen, das Deutsche an Juden verübten. Irans atomare Ambitionen, verbunden mit dem oft wiederholten Vorsatz, das „zionistische Gebilde“ zu vernichten, lasten schwer auf Israel. Dabei geht es nicht allein um Teheran, sondern um den Friedensprozess insgesamt. Schon Jitzchak Rabin trieb die Sorge um, ein atomar bewaffneter Iran könne zu einer Art Schutzmacht für Hisbollah und Hamas werden. Denn wenn die beiden prominentesten Terrororganisationen in der Region keine israelischen Militärschläge mehr zu befürchten haben, weil Teheran die dicke Keule schwingt, müssen alle Friedenshoffnungen endgültig begraben werden. Mit der Bombe im Rücken ist kein Islamist zu Kompromissen bereit.

Was tun? Drei UN-Resolutionen haben kaum etwas bewirkt. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hat das Dilemma mit der Alternative „iranische Bombe oder Bombardierung Irans“ umschrieben. Nun ist die Bundesrepublik, was ihre Reputation betrifft, als äußerst friedliebend bekannt. Kaum eine andere Industrienation, abgesehen von Japan, hat größere Skrupel, mit militärischen Mitteln einen Konflikt zu lösen. Aus israelischer Perspektive ist das Land daher bestens geeignet, in einem möglichen Ernstfall die Weltmeinung zu beeinflussen, nach dem Motto: Was Deutschland legitimiert, ist quasi legitim. Auch deshalb das Werben, auch deshalb die Ehren.

Die Interessenvertreter souveräner Staaten müssen stets abwägen – wie viel geben, wie viel fordern? Merkel hat, wie die Dinge liegen, enorm viel zu geben. Entsprechend offen könnte sie sein. Zumindest einmal könnte sie Olmert an Rabin erinnern, in dessen Amtszeit israelische Politiker trotz eines gesetzlichen Verbotes Gespräche mit der PLO aufnahmen, die damals die Vernichtung Israels in ihrer Charta verlangte und als Terrororganisation galt. Die PLO hat das nachhaltiger zum Positiven verändert, als es Israel geschadet hat. Nur Freunde können einem Mut machen. Und als Freundin ist Merkel schließlich gekommen.

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