Merkel in Moskau : Versuch einer Annäherung

Als erste der großen "Leader" besucht die Bundeskanzlerin den scheidenden und den künftigen Präsidenten Russlands. Der sagt, er werde ihr das nicht vergessen.

Stephan-Andreas Casdorff
Merkel
Erste Gesten: Zum Internationalen Frauentag bekommt Merkel einen Blumenstrauß von Dmitri Medwedjew. -Foto: ddp

Schnee! Ja, Schnee säumt Straßen, endlose, leere, die wie schwarze Striche in tiefe graue Weiten führen. Dann die vielen Felder und Häuser, wie nach Planquadraten parzelliert. Ordnung, so weit das Auge reicht. Von oben ist die Natur Mathematik. Das ist der Blick, der sich Angela Merkel bietet. Und sie hat einen dafür.

Birken stehen stramm, Kiefern, und zwischendrin Polizisten, die auch noch salutieren. Die breite Straße führt in die große Stadt, schier endlos, die Zufahrten sind blockiert, leer soll sie sein, der Weg frei. Die Straße wird zum Symbol. Am Rand, eingezwängt an der Auffahrt, imposantem Betongemäuer gegenüber, liegt eine Kirche, die Kuppeln leuchten golden. Ein merklicher Widerspruch, einer fürs Auge und fürs Denken. Angela Merkel ist in Russland. Sie sieht es sich an, bringt ihre eigene Sicht auf die Dinge mit.

Russland. Sehnsuchtsort für die Seele, in früheren Zeiten, mit großen Autoren, großen Komponisten, großen Gefühlen. Und heute? Immer noch das Land, das Größe zeigen will, manchmal protzend, manchmal schlicht, aber immer berührend. Das Land, wo Pathos lebt. Wieder sagt die Straße alles. Ferrari, Lamborghini, Harley Davidson, alles ist zu kaufen in Geschäften, die vorüberrauschen. Auch Gesundheit, wie die Schilder sagen. Burgen hinter hohen Zäunen aus Stahl und Steinen liegen neben ältlichen Häusern, niedrig umbaut, ihr Holz ist rot und mintgrün, die Balustraden hängen herab wie verletzt. Funktionäre und Menschen wohnen hier. Die Menschen stehen und schauen auf die Wagenkolonne. Das lohnt die Rückschau.

Kein Hund kommt. Kein Bellen in der Stille. Das Gutshaus Novo-Ogaryovo ist gut gesichert. Gebaut in den 50er-Jahren, nach Stalin, noch in der Sowjetzeit, sieht es doch älter aus. Gravitätisch. Statt des Hundes, den sie fürchtet, wartet ein Blumenstrauß in Zellophan. Wahrscheinlich, damit er frisch bleibt. Damit er hält, was er verspricht, länger als diesen Tag. Angela Merkel ist angekommen, beim Herren des Landes. Sie kennt ihn aus eigener Anschauung.

Federnd, wiegend, die Arme kraftvoll leicht abgewinkelt, jeder Zoll sprungbereit, im korrekten Anzug, mit Schuhen wie Speerspitzen, so betritt er den Saal, den sie Kaminzimmer nennen. Klein ist er, Wladimir Wladimirowitsch Putin. Aber Größe ist keine Äußerlichkeit. Sein Blick ist das Russland von heute, von gestern, keiner kann so fürstlich schauen und so sowjetisch. „Da hinten, ja?“, fragt Angela Merkel und zeigt auf den Stuhl. „Ja“, sagt er. Auf Deutsch. So sehen die ersten Gesten aus.

Sein Plural ist der der Majestät, er beschreibt sein Tun mit dem Amt. Das „Wir“ hüllt sein Ich ein, er muss das nicht sagen, um er zu sein. Wladimir Putin, der beliebteste Politiker Russlands. Der, den die Menschen achten und fürchten, einer, wie es einen in diesem Land zu allen Zeiten gab. Aber einer, der die Verfassung achtet, jetzt einen Schritt hinter sie zurücktritt, wie Angela Merkel sehr wohl sieht, und das auch mit Achtung. Sie hält ihn für clever, für schnell, für wohlvorbereitet. Kein Vergleich zu dem, der vor ihm war, Boris Jelzin, der fast vergessen ist. Dessen Datscha hat Putin abgerissen, eine neue gebaut. Für Medwedew, seinen Nachfolger.

Jelzin, der war eine andere Zeit. Er war ein Garant für Helmut Kohls große Jahre. Seine Jahre in Russland waren für dieses Land von geringerem Wert. Aber er hat Putin als Nachfolger ausgewählt. Zur Wahl gestellt. Eine Tradition begründet. Und dort, wo Jelzin früher residierte, wird demnächst Dmitri Medwedew wohnen, den Putin ausgewählt hat.

Merkel schaut Putin an, sucht seinen Blick, will ihn festhalten. Er schaut vor sich hin, als sie redet. Der Stuhl im Sesselformat lädt zum Reden ein. Dann neigt er sich ihr zu, als die Beobachter gehen müssen, verändert er seine Haltung. Diese vorige Positur ist nicht mehr seine Position.

Nüchtern ist Putin, er kennt die Fakten und kann mit ihnen kontern. Das konnte er in den zurückliegenden Jahren immer besser. Ob bei den G 8 oder im Zweiergespräch, ob im Gespräch mit den Europäern als Gruppe oder mit Einzelnen. Er kennt deren Probleme auch im Einzelnen. Unvergessen, wie er auf Italiens Regierungschef erwiderte, dass Mafia ein italienisches Wort sei! Das sagte in dem Moment einfach alles.

Sie hatten ihren Streit, Merkel und Putin, immer wieder, vor allem darüber, wie viel Freiheit Russland verträgt, wie viel Demokratie, wie viel Zivilität. Ein trennender Konflikt war es nie, nicht für Merkel. Sie trägt da keinen aus, nicht mit ihm und nicht mit sich. Sie hat sich entschieden: für die Freiheit. Sie, die Russland kennt, als es noch die Sowjetunion war, hat andere Sehnsuchtsorte.

Darum auch spricht Merkel so frei, so offen. So klingt es plötzlich, wie sie redet, als bekämen technische Worte für Verhandlungen von EU über Nato bis zu den UN eine Seele. Technik der Nähe. „Angela“ sagt die Worte manchmal mit einem Lächeln. „Wladimir“ auch. Zuweilen. So schmal, dass es traurig wirkt. Manche Gespräche sind eine Freude, manchmal sind sie eine Herausforderung. Sie mag das. Und er? Mag sie ihren Streit ansprechen, über Kosovo, diesen „Präzedenzfall von Separatismus“ in Europa, wie er findet, und die Wahl in seinem Land, die hätte freier sein sollen, wie sie findet. Wo er wie ein Großer, ein Großmächtiger hätte handeln und mehr Kandidaten zur Wahl zulassen sollen. So redet sie, ehrlich. Sie hätten doch sowieso keine Chance gehabt, nicht gegen Putin. Merkel sieht seine Stärke, und denkt, dass er stärker ist, als er handelt. Wladimir fühlt sich nicht ausreichend gewürdigt in seinen Anstrengungen. Fühlt sich, als hätte er „wie ein Sklave geschuftet“. Er hat sich den Weg gen Westen wohl leichter vorgestellt, mit weniger Kritik gepflastert. Russland ist doch so schwer zu regieren, und er hat es vorangebracht. Er ist vielleicht ein wenig enttäuscht, das spürt sie. Aber er hat den Hund nicht herausgelassen.

Der Abschied ist keiner. Eine Abschiedstour wollte er nicht machen, nein, da wollte sie dann nach der Wahl seines Nachfolgers zum Präsidenten die Erste sein. Nur keine Sprachlosigkeit einkehren lassen, dafür ist Russland zu wichtig, die Beziehung zu strategisch, das Verhältnis zu freundschaftlich, auch kameradschaftlich. Das ist ein altes Wort, seines, das sie akzeptiert. Damit die Seele Ruh hat? Das würde sie nie sagen, auch nicht so denken, dafür kennt sie Russland zu gut, bis in die Details, die Regionen, die Zonen der Unterschiedlichkeit und der Ähnlichkeiten. Es war ihr schließlich länger nahe. Heute reden sie auf Augenhöhe.

Darauf kommt es an, ihm und ihr. Und ihm besonders auf das richtige Empfinden für die „gebührende Aufmerksamkeit“ in dieser „privilegierten Partnerschaft“. Das soll so bleiben. Er wird sich als Regierungschef um das Innere kümmern, um die Wirtschaft, um die Kolchos-Bauern, „die wir lieben“, um Industrie, Hightech, Bildung. Er wird die Wissenschaft fördern. Das ist etwas für sie. Sie sprechen eine Sprache, manchmal. Als ihre Dolmetscherin sie in Russische übersetzt, nickt sie zustimmend, so wie er, als er sich im Deutschen hört.

Das Schloss Maiendorf liegt einer Kolchose gegenüber. Die Landwirtschaft hat es schwer, nicht nur hier. Im Park wartet kein Medwed, ein Bär, ein russischer. Hier wartet der neue Präsident, Dmitri Medwedew, auch er ein Petersburger. Er wird frei sein, sich zu beweisen, hat Putin gesagt. Frei sein, über die Begnadigung Michail Chodorkowskis zu befinden und die Ermittlungen im Fall der ermordeten Anna Politkowskaja voranzutreiben. Vielleicht. Der Übergang von einem zum anderen ist abgestimmt, in jeder Beziehung, bis in die Gespräche hinein.

Auch Medwedew empfängt in einem Kaminzimmer. Nur ist es kleiner. Wie die Stühle. Das Licht ist gedämpfter. Auch sein Anzug ist blau. Nur leuchtet er mehr. Und seine Schuhe sind nicht so spitz. Sein Lächeln ist warm, sachte charmant, sein Blick ist – freier. Jünger ist er, 42, jünger als Putin, auch als Merkel. Die Sowjetunion ist weiter weg bei ihm. Aufrecht sitzt er, ruhig, nichts protzt. Selbstbewusst, in sich ruhend. Klar redet er, entschlossen. Kürzer. Ihr Gespräch dauert auch kürzer. Dass er Benimm hat, aus guter Familie ist, hat ihr schon Putin gesagt. Sie mag diese Art, man sieht es ihr an. Sie werden einander verstehen. Und drei Mal sagt er ihr, dass er ihr diesen Besuch nicht vergessen werde. Auch er ist einer, der sich um die Wirtschaft kümmert, um die real existierenden Verhältnisse, die neuen. Da spricht er ganz liberal. Sein neues Amt wird mehr von ihm verlangen: sein Ich zum Wir zu spreizen. Schon bald, bei den G 8, wenn er das erste Mal da ist, wahrscheinlich allein.

Er spricht nicht deutsch, er mag auch Italien. Das lässt sie lächeln. Da ist manches anders. Die Regierungen und die Chefs wechseln öfter, die Demokratie hat trotzdem Bestand. Aber Dmitri Medwedew hat als Kind einen Berliner Bären geschenkt bekommen, von Vaters Reise in die DDR, der dann im Regal stand. Damals, als es die DDR noch gab und die Seelen der Staaten verwandt sein sollten. Heute tauschen die beiden, die da voreinander sitzen, Lebensgeschichten aus. Wahrscheinlich kommt er im Mai. Sie hat ihm von Knut erzählt.

Es ist wärmer als gedacht. In Russland taut es. Angela Merkel hat auf dem Rückweg einen frohen Blick.

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