Merkel in Washington : Ihr eigenes Bild

An diesem Dienstag hält Angela Merkel eine Rede vor den amerikanischen Abgeordneten und Senatoren. Erst ein Mal hat ein deutscher Kanzler vor dem US-Kongress sprechen dürfen: Konrad Adenauer. Gibt es Parallelen zwischen den beiden Auftritten?

Christoph von Marschall[Washington]
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Fotos: Ullstein, Kai-Uwe Heinrich (2); Montage: Thomas Mika

Sie darf stolz sein auf die historische Premiere. An diesem Dienstag spricht erstmals eine deutsche Regierungschefin vor den versammelten Abgeordneten und Senatoren des US-Kongresses. Nur einem Kanzler vor Angela Merkel widerfuhr eine ähnliche Ehre: Konrad Adenauer am 28. Mai 1957. Sowie vier Bundespräsidenten: Theodor Heuss 1958, Walter Scheel 1975, Karl Carstens 1983 und Richard von Weizsäcker 1992. Für Staatsoberhäupter öffnet der Kongress eher die Türen als für Regierungschefs.

Vieles war 1957 ganz anders. Adenauer sprach nur zu den Abgeordneten, Amerikas Senatoren waren nicht dabei. Das ist im schriftlichen Protokoll des US- Abgeordnetenhauses nachzulesen. Überhaupt finden sich mehr Unterschiede als Parallelen zwischen den beiden Kanzler- Auftritten. Merkel absolviert nur einen Kurzbesuch: Montagabend Ankunft in den USA, weitere Termine waren noch keine geplant. Sie wolle sich ganz auf die Rede konzentrieren, hieß es. Am Dienstag besucht sie von neun bis zehn Uhr Präsident Barack Obama im Weißen Haus. Um 10.30 Uhr beginnt ihre Ansprache im Kongress, in Deutschland ist es dann 16.30 Uhr. Sie wird deutsch sprechen, was amerikanische Deutschland- Experten für falsch halten. Sie vergebe die Chancen, den Amerikanern direkt in die Herzen zu reden. Für die deutschen Fernsehkanäle, die ihren Auftritt übertragen, ist es dagegen ein Segen. Schon am Nachmittag fliegt sie zurück, Mittwoch früh ist Kabinettssitzung in Berlin.

Adenauers fünfte USA-Reise im Mai 1957 dauerte eine gute Woche. Begonnen hatte das Programm in New York bei den Vereinten Nationen, gefolgt von einem Wochenende auf der privaten Farm Präsident Eisenhowers in Gettysburg. Der versuchte ihn dort für die Vorzüge seiner Zuchtbullen zu begeistern, die den Stadtmenschen Adenauer jedoch wenig interessierten. Es schlossen sich drei Tage politischer Beratungen in Washington an. Deren Inhalt wirkt heute wie ein Stück mit vertauschten Rollen: Die Amerikaner warben für Abrüstung, ihnen waren die Verteidigungsausgaben zu hoch. Adenauer pochte dagegen auf ein starkes Militär und drängte den Präsidenten und seinen Außenminister John Foster Dulles, keine Abrüstung mit der Sowjetunion auszuhandeln, ehe die Wiedervereinigung Deutschlands erreicht sei. Doch Adenauer erreichte lediglich das Zugeständnis, die USA würden vor der Bundestagswahl nicht öffentlich über Abrüstung in Europa verhandeln. Mitten in diese Gespräche fiel Adenauers Rede im Kongress.

Die hochrangigen Termine sollten Adenauer bei der Wiederwahl helfen. Auch das ist ein Gegensatz zu heute: Obama blieb der Auftritt vor dem Brandenburger Tor versagt, weil Merkel den Eindruck der Parteinahme im Wahlkampf vermeiden wollte. Adenauer hatte die Westbindung zum obersten Ziel erhoben; die USA hätten sich damals auf eine CDU- Bindung festgelegt, sagt der amerikanische Historiker William Richard Smyser. Er hatte 1953/54 seinen amerikanischen Wehrdienst in Bayern abgeleistet, um die Bundesrepublik, die noch keine Armee hatte, vor den Sowjets zu schützen. 1955 wurde er Diplomat, von 1960 bis 1964 war er in Berlin auf Posten. Gerade hat der 76-Jährige ein viel beachtetes Buch vorgelegt: „Kennedy and the Berlin Wall“.

Die Sozialdemokraten galten als unsichere Kantonisten, die womöglich bereit waren, die Zugehörigkeit zum Westen für die nationale Einheit zu opfern, erklärt Smyser. In Frankreich und Italien gab es starke eurokommunistische Strömungen. Adenauer und die CDU galten in Amerika als einzig verlässliche Bundesgenossen. Smyser teilt nicht die Sicht, die zügige Westintegration der jungen Bundesrepublik nur wenige Jahre nach Holocaust und Weltkrieg sei ein gnädiger Vertrauensvorschuss gewesen. „Es war eine simple Rechnung. Die Sowjets hatten zwei Millionen Mann unter Waffen, die USA nur wenige Divisionen in Europa. Moskau hatte 1953 in Ost-Berlin und 1956 in Ungarn gezeigt, dass es bereit war, Gewalt einzusetzen, um seine Herrschaft durchzusetzen. Ein neuer Krieg in Deutschland war für uns damals ein sehr realer Gedanke.“ Und da galt: Ohne die Vorneverteidigung in Europa war die Sicherheit der USA bedroht, und ohne Westdeutschland war Europa nicht zu halten.

So bekam die Bundesrepublik 1954 ihre Souveränität, im Gegenzug für die Wiederbewaffnung. Hinter der Frage der Truppenstärken verbarg sich der Konflikt um den potenziellen Einsatz taktischer Atomwaffen. Je größer die konventionelle Unterlegenheit der Nato, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass die Amerikaner einen Angriff der Sowjets nur mit dem Einsatz von Atomwaffen würden stoppen können. Ein Horrorszenario für Adenauer. Auch deshalb drängte er die USA, keinesfalls abzurüsten.

Es war ein Bündnis aus Notwendigkeit, nicht aus Sympathie, sagt Smyser. Anders als heute war Deutschland damals nicht beliebt in den USA. „In den 50er Jahren kam das ganze Ausmaß der Judenverfolgung ans Licht. Amerika suchte verzweifelt nach guten Deutschen. Adenauer war so ein guter Deutscher.“ Auch Angela Merkel gelte heute als „gute Deutsche“ und verlässliche Bündnispartnerin, sagt Smyser; das sei eine der wenigen Parallelen.

Bei seiner Rede im Kongress betonte Adenauer, die Deutschen hätten der Freiheit den Vorzug vor der Einheit gegeben – die Einheit aber nicht aufgegeben. „Wir vertrauen Ihnen. Erhalten Sie unser Vertrauen!“ Gemeint war der Hilferuf: Lassen Sie uns nicht im Stich!

Merkel spricht heute als Kanzlerin eines Deutschlands in Freiheit und Einheit. Es ist das Ergebnis einer Kombination aus militärischer Stärke des Westens und Verhandlungsbereitschaft nach Osten. Dafür wird sie Amerika danken – und kann dann zu den Bedrohungen von heute kommen, wie Terrorismus und Klimawandel. Bei der Frage von militärischer Stärke oder Abrüstung haben sich die Rollen vertauscht. Doch auch sie wird die USA bitten, Deutschlands Prioritäten zu verstehen und mehr für diese Ziele zu tun, vor allem für den Klimaschutz.

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