Merkel ohne Glos : Aus dem Gleichgewicht

Lange sah es so aus, als würde es Merkel gelingen, ihren guten Ruf als Kanzlerin und CDU-Vorsitzende erfolgreich bis in die Bundestagswahl zu tragen. Nun wirft Wirtschaftsminister Glos das Handtuch - mitten in der schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten.

Antje Sirleschtov

In der Politik geht es zuweilen zu wie in der Physik: Lange, sehr lange können instabile Systeme überleben. Allein das Nebeneinander der sich wandelnden äußeren Bedingungen und innerer Interessen der im System Beteiligten sichert die Balance. Diese Balance kann allerdings von einem Augenblick zum nächsten gestört werden. Manchmal gerät dann das ganze System ins Wanken.

Für Angela Merkel könnte am vergangenen Wochenende ein solcher Augenblick gekommen sein. Lange sah es so aus, als würde es Merkel gelingen, ihren guten Ruf als Kanzlerin und CDU-Vorsitzende erfolgreich bis in die Bundestagswahl zu tragen – obwohl bei genauer Betrachtung sichtbar ist, wie instabil die beiden Merkel-Systeme Koalition und Union in Wahrheit sind. Nun jedoch hat Michael Glos, ihr Wirtschaftsminister im Kabinett, plötzlich sein Amt von sich geworfen. Mitten in der schwersten Wirtschaftskrise, die Deutschland seit Jahrzehnten erlebt, reißt Glos damit nicht nur an einer der entscheidenden Stellen der Regierung Merkel ein Loch. Glos bringt sechs Monate vor der Bundestagswahl auch das fragile System der CDU-Vorsitzenden und führenden Unionspolitikerin Merkel ins Wanken.

Die Groteske um den amtsmüden Minister, der dennoch nicht gleich gehen dürfen sollte, stellt plötzlich und für alle sichtbar infrage, was die Wahlkämpferin Merkel für sich, ihre Partei und ihre Regierung doch gerade eben noch so selbstverständlich beanspruchte: Wirtschaftskompetenz.

Mit dem vom ersten Tag an wenig ambitionierten Minister Glos hatte die Kanzlerin zwar keinen wirklichen Trumpf in der Hand, wenn es darum ging zu beweisen, dass die Bundesregierung Herr der Wirtschaftskrise ist. Glos half ihr auch nicht im Wettbewerb zwischen Union und SPD um den Titel des besten Krisenmanagers. Und auch innerhalb der Union rumort und zischt es angesichts der wirtschafts- und finanzpolitischen Pirouetten der CDU-Vorsitzenden seit langem wie in einem Wasserkessel unter großem Druck. Aber bis jetzt hatte Merkel den Deckel draufhalten können, wenn auch mit artistischen politischen Verrenkungen, die zur Unkenntlichkeit ihrer Grundsätze führten.

Nun jedoch fehlt am Kabinettstisch ein erfahrener Minister, der in den kommenden Monaten überzeugend das tägliche Krisenmanagement betreibt. Ausgerechnet jetzt, da der Supertanker Deutschland durch einen ökonomischen Sturm steuern muss. Ohne ein politisches Schwergewicht im Amt droht Merkel der Ruf abhanden zu kommen, verlässlich und vertrauenswürdig zu sein. Und schlimmer noch: Ohne Glos, der mit seinen konservativen wirtschafts- und steuerpolitischen Grundüberzeugungen viele traditionelle Unionswähler gebunden hat, muss Merkel damit rechnen, im Sommer zwischen den widerstreitenden Interessen im eigenen Lager zerrieben und von den Sozialdemokraten vor sich hergetrieben zu werden.

Denn eines ist klar: Die SPD wird versuchen, sich nach dem Abgang von Glos den Wählern als wirtschaftspolitisch erfolgversprechende Kraft zu präsentieren. Und CSU-Chef Seehofer wird nichts unversucht lassen, den Eindruck abzuwehren, er selbst habe Glos aus dem Amt getrieben und damit das System Union ins Wanken gebracht. Viel Platz für einen Wahlbonus der Kanzlerin wird dazwischen nicht sein.

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