Merkel und Europa : Keine kleine Münze

Angela Merkel hat den Deutschen schon wieder einen Gefallen getan, zum zweiten Mal in dieser Krise. Beim ersten Mal, im Herbst 2008, standen nach dem Zusammenbruch des US-Investmenthauses Lehman die Welt-Finanzmärkte vor dem Kollaps und die Deutschen (gefühlt jedenfalls) in langen Schlangen vor den Banken, um ihr Geld zu retten. Mit der Zusage, der Staat werde im Zweifel für jeden Euro bürgen, hat Merkel seinerzeit nicht nur das Schlimmste verhindert. Sie hat, und das ist vor unserer Geschichte nicht hoch genug zu bewerten, den Menschen ein Signal von Stärke und Sicherheit ihres Geldes gegeben. Nun kehrt die Kanzlerin vom europäischen Gipfel zurück, wo sie dieses Stabilitätsversprechen erneuert hat. Die D-Mark, ach nein, der Euro ist sicher: Nichts anderes verbirgt sich hinter Merkels Zusage, den klammen Griechen (und wen es auch sonst noch treffen könnte in Europa) im schlimmsten Fall aus der Patsche zu helfen. Allerdings nur zu ihren – sehr harten – Bedingungen.

Man kann in Merkels einsamen Kampf der vergangenen Tage alles Mögliche hineindeuten. Deutsch-hegemonialen Anspruch, elefantösen Auftritt im eurogemeinschaftlichen Porzellanladen, alles mit großer Rachegefahr der Getretenen. Und nicht zuletzt einen billig populistischen Schachzug im nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf. Kleiner, um Letzteres gleich abzuhaken, geht’s nicht mehr: Europa gegen Wanne-Eickel? Merkel ist nicht Möllemann. Der war für 18 oder auch zehn Prozent bereit, das ganze Haus in Brand zu stecken.

Dass sich Merkel hartnäckig gegen den Rat vieler Partner in Europa dafür stark gemacht hat, die fremde Hilfe des Internationalen Währungsfonds zur Bedingung einer Rettung Griechenlands zu machen, ist nicht nur in der Sache richtig. Immerhin hat die Schwäche der eigenen europäischen Institutionen ja gerade erst dazu geführt, dass die Haushaltstricksereien dieses Land – und damit auch andere in der Gemeinschaft – zum Angriffsziel der Spekulanten machen können. Was liegt also näher, als den Märkten nun, da es eng wird, mit dem schärfsten aller Schwerter die Entschlossenheit zu zeigen. Vertrauen fußt auf Verantwortung.

Merkels Basta offenbart ein Europaverständnis, mit dem sich viele, vor allem Deutsche, schwertun. Denn es entspringt ihrem Selbstverständnis genauso wie einem große Selbstbewusstsein. Im „Wesen Europas“, sagt Merkel, liege es nun mal, dass nichts entschieden werden kann, „was ich nicht will“. Was übrigens für alle 27 gelte. Deutschland ist zwar der größte und wirtschaftlich stärkste Partner, allerdings will sich Merkel dafür nicht schämen müssen.

Europa, so scheint es, ist für Merkel längst mehr als das, was es noch für seine Gründer war. Sie sahen darin in erster Linie das Ende einer langen Angst, dass der Frieden doch nicht von Dauer sein könnte. Für die Generation Helmut Kohls stand nach der Begründung die schonende Pflege des lang ersehnten Sprösslings Euro an erster Stelle. Wahrscheinlich wäre Kohl heute zu der gleichen IWF-Auffassung gekommen wie Merkel; ein fest ausgesprochenes „Ich“ allerdings hätte der Deutsche dem „Wir“ des Europäers geopfert. Und von der Notwendigkeit, im Fall boshafter Verweigerung künftig sogar einen der Partner aus dem Euroraum zu verbannen, davon hätte Kohl mit Rücksicht auf das fragile Gebilde der EU wohl kein Wort gesagt.

Merkel sieht das alles nüchterner, manchmal (siehe Rausschmiss) zu nüchtern. Sie versteht ihre Aufgabe darin, Europa, das sie für zum Teil dramatisch unfertig hält, mit all dem auszustatten, was es braucht, um in der Globalität erfolgreich bestehen zu können. Und Stärke ist für sie zunächst immer Mut, die eigene Stärke richtig einschätzen zu können. Weshalb die Kanzlerin nicht nur die Einbeziehung des IWF durchgesetzt, sondern der Gemeinschaft auch gleich noch eine Runderneuerung ihrer Kriterien für Stabilität nach innen und nach außen verordnet hat. Ist das nun anmaßend, unsensibel oder einfach nur pragmatisch? Auf jeden Fall vergewissern sich die Europäer in diesen Tagen ihrer selbst, ihrer Verantwortung wie ihrer Bereitschaft zur Solidarität. Eine kleine Münze ist das nicht.

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