Zeitung Heute : Merseburg: Zaubersprüche im Dom verwahrt

Volker Kipke

Hätten wir den Wotan nicht abgesetzt und verstoßen! Einiges wäre dann einfacher, zum Beispiel Knochenbrüche zu heilen. "Ben zi bena, bluot zi bluoda, lid zi geliden, so se gelimida sin." Also sprach - natürlich althochdeutsch - "Uuodan", und schon kamen "Bein zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Gliedern, als ob sie geleimt seien". Eben nur Wotan brachte solches zustande, nicht mal Friia konnte das und auch nicht der Sonnengott Balder. Mitgeteilt wird es in einem der ältesten Dokumente der deutschen Sprache, dem einzigen mit heidnischem Inhalt. Vermutlich aus dem 8. Jahrhundert stammen dieser und die übrigen "Merseburger Zaubersprüche"; sie sind auf ein Pergament geschrieben, das im Dom verwahrt wird. Der Dom aus hellem Sandstein auf einer Anhöhe über der Saale birgt außerdem manche kunsthistorische Kostbarkeit.

Geschichte und Geschichten erzählen in der kleinen Stadt am Fuße des Dombergs auch etliche andere uralte Bauten, die sich souverän gegen unverschämt andrängende DDR-Großarchitektur behaupten. Warum bloß ist Merseburg dem allgemeinen Gedächtnis einigermaßen entglitten? Könnte es vielleicht an dem Nachbarort liegen, dessen vergangener Geruch in der Erinnerung haftet und dessen Ruch aktuell blieb? Dieser unmittelbar angrenzende Ort heißt Leuna.

Eine der nettesten Merseburger Geschichten handelt in jüngster Vergangenheit und hat als Helden einen Wohltäter namens Schalck-Golodkowsky. Der nämlich nutzte die Kirche St. Thomae als Zwischenlager für wertvolles Mobiliar und sonstige Antiquitäten, die gegen happige Devisen ins kapitalistische Ausland verkauft werden sollten. Zu deren Schutz musste natürlich das Kirchendach ordentlich repariert werden. Und so kam es, dass St. Thomae in ganz gutem Zustand blieb - ein 1188 erstmals erwähnter romanischer Bau, schlicht und doch innen von so ergreifender Schönheit, dass sich dem Besucher die Nackenhaare kräuseln. Nach der Wende wurde die Kirche dann saniert und auch von der über zwei Meter hohen Schlammschicht befreit, die sich auf dem Fußboden angesammelt hatte (nicht erst in den Tagen des Realsozialismus).

Die Stadt, die heute als verblasster Verwaltungs- und Industriestandort fast ein Aschenputteldasein führt, war in frühdeutscher Zeit ein politisches Zentrum. Und dass jene vom DDR-Devisenbeschaffer linkshändig gerettete Kirche damals dem Heiligen Thomas - Thomas Becket von Canterbury - geweiht wurde, war ein politischer Akt von europäischer Bedeutung, nämlich ein Wink nach Rom: Kaiser Barbarossa wünschte sich mit dem Papst gerade mal wieder auszusöhnen; das Gotteshaus erhielt den Namen des papsttreuen Bischofs von England, den sein König - wegen dessen Papsttreue - soeben hatte ermorden lassen. So die Interpretation 800 Jahre zurückliegender Politik-Verrenkungen durch Harald Friedrich, Ex-Mitglied des Gemeindekirchenrats, Ex-Leuna-Chemieforscher, Stadtchronist und -führer.

An reiner Raffgier aber lag es, dass Merseburg überhaupt in die Weltgeschichte trat: "Ob ihrer brauchbaren Besitztümer wegen" heiratete Heinrich I. (jener "Herr Heinrich am Vogelherd", der 919 zum deutschen König gewählt wurde) die Tochter des örtlichen Fürsten und baute hier eine Pfalz. Er hat die Dame bald abgewimmelt, sie ging ins Kloster, den Besitz aber behielt er. An Stelle der Pfalz entstand später der Dom: 1015 begann der Bau, Türme und Krypta sind großenteils in der frühromanischen Ursprungsform erhalten, manches allerdings wurde in der Gotik und später verändert. Direkt an den Dom auf dem kleinen Berg bauten die Bischöfe ihre Residenz; der mächtige heutige Schlossbau stammt jedoch im wesentlichen aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Kurioses Beiwerk des Schlosses ist ein großer steinerner Vogelkäfig vor dem Tor. Darin wird seit je ein Wotansvogel gehalten, ein Kolkrabe. Wenn ihn nicht gerade wieder mal ein Marder geholt hat; und wenn er nicht gerade wieder den giftigen Kitt aus dem Mauerwerk verspeist hat.

Mit dem Raben hat es folgende Bewandtnis: Einem Bischof war - um 1500 herum - ein Fingerring abhanden gekommen, und er ließ in einer Zornesaufwallung seinen Kammerdiener als Dieb hinrichten. Aber später fand man den Ring im Nest eines Raben. Als Schwur, dass er nie wieder ungerecht handeln würde, sperrte er einen Raben sichtbar für alle Welt in einen Käfig. Bis heute blieb der Vogel mit einem Ring im Schnabel das Stadtsymbol. Ein bisschen schade ist es ja, dass die schaurig-schöne Sage in Wahrheit wohl erst von schwedischen Soldaten während des Dreißigjährigen Krieges aus dem Norden mitgebracht wurde, wie Kulturamtsleiter Michael George mutmaßt.

Die von Georges Amt veröffentlichten Stadtprospekte besitzen den Vorteil, dass sie sich nicht mit dem üblichen Schwulst über "gastfreundliche Bevölkerung ..." und dergleichen aufhalten, sondern gleich knackig Geschichtsdaten vorlegen: Ersterwähnung 830/50 ..., 933 schlägt Heinrich I. die Ungarn ... Diese Schlacht gegen den damaligen Hauptfeind des christlichen Abendlandes heißt in den Schulbüchern "bei Riade". Ein Ort solchen Namens ist den Historikern unbekannt; laut Friedrich tendiert man heute zu der Annahme, dass das "Ried", der Sumpf um Merseburg gemeint war (zumal verbürgt ist, dass das Siegesfest in dieser Pfalz gefeiert wurde). Noch mehr Bedeutung für die Stadt hatte die "Schlacht auf dem Lechfeld" bei Augsburg (955): König Otto der Große gelobte, dass er im Falle eines Sieges in Merseburg ein Bistum einrichten würde. Er rang die Ungarn tatsächlich nieder, endgültig. Und Merseburg stieg weiter auf. In der Königs- und nun auch Bischofsstadt fanden zahlreiche Hoftage statt, und die Bevölkerung hatte zu liefern: 120 Rinder, 2000 Hühner, 200 Wagenladungen Bier ... "Merseburg", sagt der Stadtführer, "war eben leistungsfähig genug in den alten Tagen."

Das Infoheft von Leuna blickt sogar noch um einiges weiter in die Vergangenheit zurück: "3600 v. u. Z. Rössener Kultur." Zum Begriff wurde das Dorf, als die BASF 1916 ein Ammoniakwerk zur Produktion des Kanonenpulver-Grundstoffs baute - südlich von Merseburg wegen der nahen Braunkohlegruben und weil feindliche Flugzeuge dieses Gebiet nicht erreichen konnten. Aus demselben Grund kam vor dem Zweiten Weltkrieg direkt nördlich von Merseburg, bei dem nachmals als Plaste-und-Elaste-Ort bekannten Schkopau, das Buna-Werk hinzu (Kunstkautschuk). Nun schafften es die Bombenflugzeuge der Alliierten allerdings doch bis hierher. Auch Merseburg erlitt Schäden; schlimmer war jedoch, dass viele frisch reparierte Altstadthäuser ab 1968 dem Aufbau der "sozialistischen Industriearbeiterstadt" zum Opfer fielen. Das Allerschlimmste, sagt der Heimatkundler: dass ein Flüsschen, das sich mitten durchs Häusergewirr schlängelte, zugeschüttet und gerade Straßen angelegt wurden.

Die wertvollsten Bauten überstanden zum Glück alles, zum Beispiel weitere Kirchen mit romanischen Bauteilen und das - von außen - prächtige Schloss, in dem nach Ende der Bischofsherrlichkeit die Herzöge von Sachsen-Merseburg residierten (sie waren Herren auch über das heutige Süd-Brandenburg); ein Barockschloss (heute Konzerthaus) samt edlem Park fügten sie noch hinzu. Als die Meerseburger Linie ausstarb, holten sich die Dresdner die Kunstschätze aus dem Schloss. "Den kleinen Rest entwendete die Stiftung Preußischer Kulturbesitz", klagt Friedrich. Denn 1815 war das Gebiet an Preußen gefallen. Daraufhin bekam die Stadt noch ein imposantes Gebäude: das Parlament der preußischen Provinz Sachsen; gerade wird es renoviert.

Auch anderes bedürfte der Überholung, aber natürlich fehlt das Geld. Vom Vorort Leuna, auf dessen gigantischem Werksgelände einst 30 000 Menschen tätig waren und heute trotz Elf-Aquitaine nur noch einige Hundertschaften arbeiten, "bleibt bei uns nicht allzu viel hängen", sagt der Kulturamtsleiter, "und dann bei zwanzig Prozent Arbeitslosigkeit ..." Die Einwohnerzahl ging von fast 60 000 auf unter 40 000 zurück. Leerstehende Läden und unbebaute Flächen im Zentrum der uralten Stadt künden zudem vom Beginn der Zukunft: Kaufzentren außerhalb lassen die Innenstadt allmählich ausbluten. Teilweise trifft der Verfall aber auch die historische Substanz: Ein Kloster, möglicherweise im 9. Jahrhundert gegründet, bröckelt schrecklich vor sich hin.

Auch jenes Merseburger Kulturgut von überragender Bedeutung ist in schlechtem Zustand: Das Pergament mit den berühmten Zaubersprüchen soll am Zerbröseln sein, man versucht es jetzt einstweilen zu sichern - verständlich, dass Besucher nur eine Kopie zu sehen bekommen, in der Dom-Vorhalle. Daneben ein gar noch früher geschriebener althochdeutscher Text, ein Taufgelöbnis, mit dem Bekehrte Wotan und allen anderen germanischen Gottheiten abschworen - also christlichen Inhalts, und deshalb von der Fachwelt als nicht ganz so sensationell erachtet. Die Zaubersprüche wurden allerdings gar nicht in Merseburg aufgeschrieben, wahrscheinlich kam das Pergamentblatt mit der Bibliothek eines der ersten Bischöfe hierher. Jedenfalls meinen neunmalkluge Experten einen weiter westlich (wohl um Fulda) gesprochenen Dialekt in beispielsweise dieser Formel zu erkennen: "Insprinc haptbandum, inuar uigandum!" Solches murmelten die Walküren, um gefangene Krieger zu befreien: "Entspring den Haftbanden, entfahr den Feinden!"

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